Brände in Australien Koalas "funktional ausgestorben"? Warum diese Aussage problematisch ist

Die Bilder sind schwer zu ertragen: Mit Brandwunden übersäte Koalas werden aus dem Flammenmeer im Osten Australiens gerettet - viele haben es nicht geschafft. Zeitgleich geht die Meldung um die Welt, Koalas seien "funktional ausgestorben". Stimmt das?
Koala in Australien

Dass die Koalas im Osten Australiens an den verheerenden Waldbränden leiden, daran zweifelt niemand. In welchem Ausmaß die Brände ihre gesamte Art gefährden, ist unklar. Wissenschaftler wehren sich gegen die Behauptung, die Tiere seien quasi nicht mehr zu retten

Die Australier kennen ihre Buschbrände, jedes Jahr wüten sie. Doch was in den vergangenen Wochen über den Kontinent hereinbrach, kam viel zu früh – und vor allem heftiger als je zuvor. Besonders im Osten des Landes loderten die Flammen, im Bundesstaat New South Wales zählte die Feuerwehr mehr als 50 Brände, im südlicheren Victoria sogar 60. Mindestens sechs Menschen starben, etwa 600 Häuser brannten nieder, eine Millionen Hektar Land verkohlten - eine Fläche, viermal so groß wie das Saarland.

Die 18 Monate andauernde Dürre hatte weite Landstriche knochentrocken gemacht. Zu den hohen Temperaturen kommen heftige Winde – was es für die Feuerwehr quasi unmöglich macht, die Flammen zu zähmen. Vor wenigen Tagen war Sydneys Skyline in dichten Rauch gehüllt, der Wind hatte ihn dorthin getragen. Die Regierung appellierte an die mehr als fünf Millionen Bewohner der Metropole, sie sollen die Fenster schließen und keinen Sport im Freien treiben.

Betroffen ist nicht nur der Mensch. Noch schutzloser sind Tiere den riesigen Feuerwalzen ausgeliefert. Wombats und Kängurus müssen fliehen. Bewegende Aufnahmen von Anwohnern, die ihr Leben riskieren, um Koalas zu retten, gehen um die Welt. Dazu passend macht die Meldung die Runde, Koalas seien „praktisch ausgestorben“. Doch stimmt das?

Sind Koalas wirklich "funktional ausgestorben"?

Das funktionale Aussterben einer Art bedeutet, dass ihre Population, also auch ihr Genpool, so stark reduziert wurde, dass sie langfristig nicht eigenständig überleben kann. Ist die Varianz an Genen in der verbleibenden Population zu gering, kommt es vermehrt zu Inzucht, was wiederum die Gesundheit einzelner Individuen und damit das Überleben der Population beeinträchtigt. In ihrem Ökosystem spielen sie laut Definition ebenfalls keine Rolle mehr.

Bei den Buschbränden seien bereits über eintausend Koalas gestorben, die Überlebenden hätten 80 Prozent ihres Lebensraums verloren, schätzt Deborah Tabart, Vorsitzende der Australian Koala Foundation. Bereits im Mai 2019 hatte die Stiftung gewarnt, die Koalas seien „funktional ausgestorben“, sie vermutet die Population in Australien auf rund 80.000 Tiere. Eine Studie aus dem Jahr 2016 geht von 329.000 Tieren aus, die Forscher verweisen aber auf ihre eigene mögliche Ungenauigkeit – so könnten auch doppelt so viele Koalas in Australien leben. Genauso könnten es weniger Tiere sein, pessimistischere Studien gehen von 100.000 Exemplaren aus.

Wie kommen so unterschiedliche Zahlen zustande?

Es ist extrem schwierig, Koalas zu zählen. Die Beutelsäuger leben in großen Teilen Ostaustraliens verteilt, sind extrem menschenscheu und verstecken sich meist hoch oben in den Baumwipfeln. Dazu kommt die Heterogenität zwischen einzelnen Populationen: Manche sind vom Aussterben bedroht, anderen geht es vergleichsweise gut.

Wie viele Koalas den Buschbränden tatsächlich zum Opfer gefallen sind und noch sterben werden, muss noch genau ermittelt werden. Für die meisten Experten ist es schlichtweg zu früh, genaue Aussagen machen zu können. Und so erntet auch die Schätzung Kritik, das Feuer hätte 80 Prozent des Lebensraums der Koalas zerstört. Mindestens eine Million Hektar Land sind von Feuern ergriffen worden, das bedeutet für viele Tiere den unausweichlichen Tod. Jedoch schätzen Experten die Waldfläche, auf der Koalas in Ostaustralien leben können, auf rund 100 Millionen Hektar.

Wie geht es den Koalas wirklich?

Es stimme nicht, dass Koalas „funktional ausgestorben“ sind, sagt Diana Fisher, Biologieprofessorin an der Universität Queensland, gegenüber National Geographic. Dass die Tiere in Gefahr sind, bestreitet sie nicht, warnt jedoch vor irreführenden Verallgemeinerungen: „In manchen seiner Verbreitungsgebiete ist der Koala gefährdet, in anderen nicht.“ So hatten besonders die Brände im Norden von New South Wales verheerende Folgen für die Populationen. Diese Einschätzung teilen auch andere Wissenschaftler: "Die Koalas sind ohne Zweifel bedroht. Aber die Einschätzung der Australian Koala Foundation zu den Folgen der Waldbrände ist übertrieben", sagt zum Beispiel Veterinärmedizinerin Rachael Tarlinton von der britischen University of Nottingham gegenüber Spiegel Online.

Andere sehen in der öffentlichen Behauptung, Koalas seien "funktional ausgestorben", eine zusätzliche Gefahr für die Tiere. Dieser Ausdruck mache deutlich, dass eine Population bereits so weit dezimiert wurde, dass es kein Zurück mehr gibt, sagt Jacquelyn Gill, Professorin für Biologie, Ökologie und Klimawandel an der Maine-Universität in den USA. Die Diskussion möge sich nach Haarspalterei in Fachkreisen anhören, darin stecke aber weit mehr: Sei eine Art „funktional ausgestorben“, könne man nichts mehr wirklich für sie tun - eine solch starke Aussage sollte wohl überlegt sein, meint Gill.

Warum sind Koalas so bedroht?

Seit die Europäer Ende des 18. Jahrhunderts in Australien siedelten, scheint kein Platz mehr für die Eukalyptusliebhaber zu sein – damals sollen noch rund zehn Millionen Tiere auf dem Kontinent gelebt haben. Doch dann jagte der Mensch ihr flauschiges Fell, Koalapelze wurden zu einem nachgefragten Produkt auf dem Weltmarkt. Mehrmals wurde die Jagd verboten oder limitiert und wieder freigegeben – was meist zu Massakern kurz darauf führte. Seit 1937 ist der Koala in ganz Australien eine geschützte Art.

Heute ist es besonders der Klimawandel, der den Tieren zu schaffen macht, vor allem anhaltende Dürren und Hitzewellen. Aber auch ihr Lebensraum - der Wald - und damit ihre Nahrung – wenige Eukalyptusarten - schwinden zunehmend. Denn der Mensch beansprucht immer mehr Lebensraum; Städte und Siedlungen wachsen, wollen mit Straßen, die teilweise mitten durch den Wald führen, verbunden werden. Auch deshalb steht der Koala auf der Roten Liste für bedrohte Tierarten, die Weltnaturschutzorganisation ICUN stufte ihn als vulnerable (gefährdet) ein – lange bevor in Australien die verheerenden Waldbrände wüteten. Als endangered (stark gefährdet) oder critically endangered (vom Aussterben bedroht)  wird der Koala von der IUCN bisher nicht angesehen.