Geisternetze Unterschätztes Problem: Warum Tausende Haie und Rochen auf hoher See verenden

Die mächtigsten Jäger der Ozeane sterben oft qualvoll durch Plastikmüll. Aber nicht, weil sie ihn fressen
Makohai, gefangen in Plastikmüll

Gefangener Jäger: Ein Kurzflossen-Mako, stranguliert durch Plastikmüll

Plastikmüll in den Weltmeeren ist nicht nur für Seevögel, Schildkröten und Wale eine tödliche Gefahr. Auch den mächtigsten Jägern der der Ozeane, den Haien, werden Kunststoffreste immer öfter zum Verhängnis. Dass das Problem bislang unterschätzt wurde, zeigt eine neue Studie.

Die Autoren sammelten Schilderungen von Fällen sowohl in wissenschaftlichen Publikationen als auch auf Twitter. Und dokumentierten über tausend Fälle, in denen Haie oder Rochen an Plastikmüll verendeten – oft qualvoll. So berichtete der US-amerikanische Hai-Forscher Daniel Abel gegenüber Livescience von einem Hai, den er 2016 selbst geborgen und von einer Plastikschnur befreit hatte. Die Schnur hatte sich schon tief in die Haut des Tieres geschnitten; wenige Wochen später hätte sie ihn getötet.

Höchste Gefahr durch Geisternetze

Am gefährlichsten, das ergab die Auswertung aller dokumentierten Fälle, sind für Haie und Rochen Geisternetze – also Fischernetze oder Teile davon, die von den Besatzungen der Fischereischiffe aufgegeben oder verloren wurden. Neben anderen Meerestieren können sich - angelockt von sterbenden Fischen - auch Knorpelfische in den Maschen solcher herrenloser Kunststoff-Netze verheddern – und ertrinken. Denn Hochseehaie sind für ihre Atmung auf eine stete Vorwärtsbewegung durch das Wasser angewiesen.

In wissenschaftlichen Publikationen sind Geisternetze in fast drei Vierteln aller Fälle die Todesursache. Bei den untersuchten Fällen auf Twitter waren solche Kunststoff-Gewebe sogar für fast 95 Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Kristian Parton, Hauptautor der Studie, schätzt, dass jedes Jahr rund 6,4 Millionen Tonnen Netze in den Ozeanen verloren gehen.

Haie und Rochen verenden aber auch an Verpackungsmaterialien wie Plastikbändern, -schnüren, -tüten – und sogar an Gummireifen.

Die Forscher beklagen, dass es bislang zu wenig wissenschaftliche Daten zu dem Problem gibt – und rufen jetzt Strandbesucher, Taucher und Wassersportler dazu auf, derartige Beobachtungen auf der Seite Shark an Ray Entanglement Network zu melden.

Haie und Schildkröten in einem Geisternetz

In diesem Geisternetz verendeten Meeresschildkröten und Riffhaie

Gefährdung durch Plastikmüll ein weiterer Stressfaktor

Zwar stellt die Gefahr durch Plastikschnüre, Geisternetze und anderes Verpackungsmaterial aus Kunststoff nicht die Hauptbedrohung der Knorpelfisch-Spezies dar. Das ist weiterhin die illegale Jagd und die Fischerei. Doch das Plastikproblem, so die Autoren der Studie, verschärft die Lage für eine Tiergruppe, die ohnehin stark unter Druck ist. Laut IUCN sind rund ein Viertel aller Hai- und Rochen-Arten weltweit "gefährdet".