Entthronte Herrscher der Meere Vor diesem Tier ergreifen Weiße Haie die Flucht

Weiße Haie gelten als die unangefochtenen Herrscher der Meere. Doch neue Studien zeigen: Vor Orcas nehmen sie Reißaus. Mit gutem Grund
Weißer Hai

Der Weiße Hai - hier bei der Jagd - gilt als Top-Predator der Ozeane. Doch auch die muskelbepackten Riesen mit dem Revolvergebiss finden hin und wieder ihren Meister

Es waren nicht zuletzt Filme wie „Der weiße Hai“, die den Ruf des Knorpelfisches als ultimative Bestie der Meere begründeten. Natürliche Feinde: Fehlanzeige. Doch der Top-Predator, wie Meeresbiologen den Weißen Hai auch nennen, steht nicht so unangefochten an der Spitze der marinen Hierarchie wie bislang gedacht: Wenn Orcas auftauchen, ergreifen die über fünf Meter langen Räuber die Flucht.

Das zeigen Untersuchungen amerikanischer Meeresbiologen. "Wenn sie auf Orcas treffen, verlassen Weiße Haie sofort ihr bevorzugtes Jagdrevier und kehren erst bis zu einem Jahr später wieder - auch wenn die Orcas nur durchziehen“, sagt Salvador Jorgensen, der Erstautor der Studie.

Die Haie flüchten innerhalb von Minuten

Für ihre Recherche wählten die Autoren die Southeast Farallon Island, eine Insel in der Nähe von San Francisco. Die hier lebenden See-Elefanten bringen jedes Jahr zwischen September und Dezember ihre Jungen zur Welt - eine willkommene Ergänzung der Speisekarte des Weißen Hais. Und der Orcas, die hier aber nur gelegentlich vorbeischauen.

Nachdem sich Jorgensen und seine Kollegen die Bewegungen von 165 Weißen Haien angesehen hatten, die mit Peilsendern versehen sind, und diese mit Daten aus 27 Jahren Beobachtung von Orcas, Haien und See-Elefanten abgeglichen hatten, stand fest: Wo immer Orcas auftauchen, sehen die Haie zu, dass sie Land gewinnen. Und zwar unverzüglich, innerhalb weniger Minuten – und oft für den Rest der Saison.

Für das Jahr 2009 etwa konnten die Forscher eine eindrückliche Begegnung der beiden Top-Predatoren rekonstruieren: Eine Gruppe Schwertwale tauchte auf, startete drei Angriffe auf See-Elefanten und verschwand nach nur zweieinhalb Stunden wieder. Alle 17 markierten Haie zogen es daraufhin vor, woanders zu jagen. Und 16 von ihnen wagten sich erst in der kommenden Saison wieder in ihr Jagdgebiet.

Zum Vorteil für die See-Elefanten. Denn Orcas machen zwar auch Jagd auf die größte Robbenart. Doch in den Jahren, in denen die Weißen Hai vor den Orcas Reißaus genommen hatten, mussten die Robben bis zu sieben Mal weniger Angriffe überstehen.

Jagen Orcas Weiße Haie?

Zwar haben die Orcas, die auch Killerwale genannt werden, im Vergleich zum Weißen Hai den besseren Ruf, gelten seit „Free Willy“ vielen gar als sanftmütige Riesen. Doch ihr Nahrungsspektrum ist breit. Und sie sind kluge, spezialisierte Jäger, die in Gruppen zusammenarbeiten. Mit ihren über acht Metern sind sie zudem deutlich größer als Weiße Haie.

Bisswunden an fünf Weißen Haien, die 2017 am Strand nahe Cape Town, Südafrika angespült worden waren, deuteten auf Orcas hin. Allen Tieren fehlte die nährstoffreiche Leber.

"Wir denken üblicherweise nicht darüber nach, welche Rolle Angst und Risikovermeidung auf die Jagdgebiete großer Jäger spielt, und wie das das Ökosystem des Ozeans beeinflusst", sagt Salvodor Jorgensen in einer Presseerklärung. "Wie wir jetzt wissen, sind solche Effekte sogar für große Jäger wie Weiße Haie sehr wirksam."