Artenschutz "Vampir-Hirsche" wiederentdeckt

Im unzugänglichen Nordosten Afghanistans entdeckte ein Forscherteam Kaschmir-Moschustiere: der erste wissenschaftliche Nachweis der ebenso bizarren wie scheuen Paarhufer seit über 60 Jahren
"Vampir-Hirsche" wiederentdeckt

Der Gelbbauch-Moschushirsch (Moschus chrysogaster) lebt in China, Bhutan, Nordost-Indien und Nordost-Nepal - in Höhen bis zu 4800 Meter

Moschushirsche gehören wohl zu den seltsamsten Erscheinungen unter den Säugetieren: Die friedfertigen Paarhufer mit den sympathischen Rehaugen besitzen zwar kein Geweih - aber dafür furchterregende, vampirähnliche Eckzähne. Zumindest die Männchen. Die Tiere ernähren sich allerdings rein pflanzlich. Die bis zu zehn Zentimeter langen Hauer brauchen sie nur, um in der Brunftzeit ihren Rivalen Respekt einzuflößen.

Eine weitere Besonderheit dieser Tiere: ihre Moschusdrüsen. Mit ihnen produzieren die Männchen einen Duft, der paarungsbereite Weibchen anlockt - und Wilderer. Weil Moschushirsche mit ihren sieben Unterarten inzwischen als stark bedroht gelten, erzielt ein Kilo Moschus auf dem Schwarzmarkt umgerechnet 36.000 Euro.

Im unzugänglichen Nordosten Afghanistans, in der Bergprovinz Nuristan, konnten Forscher nun erstmals seit mehr als 60 Jahren einige Kaschmir-Moschustiere (Moschus cupreus) beobachten. Ein Team der Wildlife Conservation Society entdeckte die extrem scheuen Tiere, darunter auch eine Mutter mit ihrem Nachwuchs, und veröffentlichte dazu eine Studie. Allerdings gelang es den Forschern nicht, brauchbare Fotos zu schießen. (Unser Foto zeigt Moschus chrysogaster, das Gelbbauch-Moschustier.)

Die Wiederentdeckung scheint umso aufsehenerregender, als in den vergangenen Jahrzehnten des Bürgerkriegs in diesem Teil Afghanistans keine Jagdkontrollen möglich waren und Wald gerodet wurde.

Kaschmir-Moschustiere leben einzelgängerisch oder in kleinen Gruppen in steilen, bewaldeten Bergregionen im Norden Pakistans, Indiens und Afghanistans in Höhen zwischen 2600 und 3600 Metern. Doch auch ihre überaus diskrete Lebensweise schützt die Tiere nicht vor Wilderern.

"Moschustiere gehören zu den lebenden Schätzen Afghanistans", sagt Peter Zahler von der Wildlife Conservation Society, einer der Autoren der Studie. "Zusammen mit besser bekannten Arten, wie den Schneeleoparden, sind sie das Naturerbe einer ums Überleben kämpfenden Nation."

Die Studie erschien im Oktober 2014 online in der Zeitschrift Oryx.