Gentechnik Spielen Sie Gott, Herr Novak?

Der Genetiker Ben Novak stellt unser Konzept von Tod und Leben auf den Kopf. Er will ausgestorbene Tiere wiederauferstehen lassen. Gespräch mit einem Schöpfungsgehilfen

GEO: Sie sind Naturwissenschaftler, arbeiten aber an einem Wunder: der Wiederauferstehung.

Ben Novak: Das ist mein Traum, seit ich mit 13 Jahren begonnen habe, mich für ausgestorbene Tiere zu interessieren. Damals habe ich mich in die Wandertaube verliebt, die bis Ende des 19. Jahrhunderts in riesigen Schwärmen über Nordamerika gezogen ist. Sie war so anders als normale Tauben: mit prachtvollen Farben, schlank; für Schnelligkeit und große Distanzen gebaut. Bei der Vorstellung, dass Milliarden dieser Vögel über mich hinwegfliegen könnten, setzt mein Hirn aus.

Wie so ein Überflug sich anfühlt, hat 1813 der Vogelmaler James Audubon beschrieben: Erst zieht mit Donnerhall eine Wolke heran, die für Stunden die Sonne verdunkelt. Bald darauf steht man in einem Sturm weißlicher Tropfen, die vom Himmel fallen wie schmelzende Schneeflocken – die Exkremente von Millionen Vögeln.

Ich würde einen Schirm brauchen! Aber ein donnernder Taubenschwarm – wirklich, das war der Mount Everest der Vogelwelt! Die Ausrottung der Wandertaube rückgängig zu machen, ist mein Traumjob. Ich liebe ihn jeden Tag!

Spielen Sie Gott, Herr Novak?

Die Wandertaube ist vor 100 Jahren ausgestorben. "Ihre Ausrottung rückgängig zu machen, ist mein Traumjob", sagt Ben Novak

Sie widmen dem toten Vogel ihr ganzes Leben?

Ja, fast. Von der Arbeit im Labor bis zum Auswildern der wiedererschaffenen Vögel rechnen wir mit ein paar Jahrzehnten. Zunächst sequenzieren wir das Genom der Wandertaube aus alten Museumspräparaten. Danach entziffern wir die Gene ihrer nächsten Verwandten, der Schuppenhalstaube. Wir wollen alle Unterschiede zwischen beiden Arten herausfinden: Welches Gen macht eine Feder blau, welches purpur? Für jeden Unterschied stellen wir einen DNS-Strang her. Dann schneiden wir Gene aus dem Erbgut der Schuppenhalstaube heraus und ersetzen sie mit den entsprechenden Genen der Wandertaube.

Das klingt nach „Jurassic Park“.

Na ja, nur nicht mit Dino-DNS. Irgendwann werden dann Urkeimzellen mit Wandertauben-Genom in unseren Petrischalen wachsen. Die injizieren wir in Eier sich entwickelnder Schuppenhalstauben. Aus denen schlüpfen dann Mischwesen, Chimären. Sie werden wie Schuppenhalstauben aussehen, aber in ihren Hoden und Eierstöcken stecken die genetischen Informationen der Wandertaube. Wir brauchen dann nur noch zwei Chimären zu verpaaren – und aus den Eiern schlüpfen Wandertauben.

Wissen Sie denn schon, wie viele Gene die Wandertaube überhaupt besaß?

Nein, noch nicht. Es könnten also sehr viele Gene sein, die wir austauschen müssen. Wir wollen versuchen, uns auf jene Unterschiede zu konzentrieren, die wesentlich sind. Ein Beispiel: Der Blutfarbstoff Hämoglobin beim Mammut unterscheidet sich genetisch an nur drei Stellen von dem des Asiatischen Elefanten. Diese drei Stellen verändern die Bindungsfähigkeit des Blutes für Sauerstoff. Das ist mit dafür verantwortlich, dass Mammuts im eisigen Klima leben konnten. Auch wenn es also Millionen Unterschiede im Erbgut von Mammut und Elefant gibt – diese drei gehören zu den Entscheidenden. Wir müssen entsprechend jene Anpassungen finden, die Wandertauben dazu befähigen, als Wandertauben in den Wäldern der US-Ostküste zu leben.

Spielen Sie Gott, Herr Novak?

Der Amerikaner Ben Novak, Jahrgang 1987, ist Mitarbeiter des Projekts „Revive & Restore“ mit Sitz in San Francisco. Es wird getragen von der „Long Now“-Stiftung, die vor allem Forschung mit extrem langem Zeithorizont fördert

Ihre wiedererweckte Wandertaube wäre also gar keine echte Wandertaube, sondern eine Neuerfindung.

Eine Wiederentwicklung. Was wir schaffen, wird sehr nahe an der Wandertaube sein, auch wenn unser Vogel genetisch nicht ganz identisch mit der ausgerotteten Wandertaube sein wird.

Was haben wir davon, die Welt von gestern zurückzubringen?

Die Wandertaube neu zu erfinden, ist ein Konzept von morgen, nicht von gestern!

Aber die endlosen Wälder entlang der Ostküste sind doch ebenfalls verschwunden. Hätten Wandertaubenschwärme überhaupt noch einen Lebensraum?

Allein in den vergangenen 10 000 Jahren haben sich die Wälder Nordamerikas immer wieder dramatisch verändert. Dabei hat die Spezies Wandertaube viel mitgemacht. Wenn sie nicht vor 100 Jahren durch übermäßige Jagd ausgerottet worden wäre – sie würde in den heutigen Wäldern noch gut bestehen.

Aber wären Ihre Landsleute begeistert, wenn Wandertauben die Felder plündern oder Autos mit Kot bedecken?

Wir sehen Tiere oft als Plage an, bevor wir sie richtig beobachtet haben: Wandertauben sind nie in Städte eingefallen. Sie waren auch viel zu schwer, um auf Getreidehalmen zu sitzen und Körner abzufressen. Sie kamen zur Saatzeit, denn um 1800 streuten die Siedler das Saatgut noch einfach auf den Acker. Moderne Sämaschinen bedecken das Saatgut aber mit Erde. Als „Vögel der Gelegenheit“ würden Wandertauben niemals diese Sämereien ausgraben. Sie suchen nur offen liegendes Futter.

Der Ornithologe Alexander Wilson beschrieb ein „Schlachtfeld“, nachdem ein Schwarm Wandertauben eingefallen war: Tausende Hektar Wald, einfach umgeknickt.

Ach, wir glauben heute, wir müssten unsere Wälder vor Verwüstungen wie Waldbränden bewahren. Aber die sind wichtig für die Verjüngung des Waldes. Und die großen Taubenschwärme waren damals die biologische Version eines Waldbrands. Viele Arten sind von solchen „Störungen“ abhängig, weil sie sich in regenerierenden Wäldern wohlfühlen. Baumwollschwanzkaninchen, Waldschnepfen, Kragenhühner zum Beispiel.

Wir reden hier, als wäre die Wandertaube schon fast wieder da. Aber solche Fantasien geistern seit Jahren durch die Medien: Mal soll das Mammut auferstehen, dann der tasmanische Beutelwolf. Aber immer mit „würde, könnte, sollte“.

Ja, es gibt noch keinen Erfolg. Aber in wenigen Jahren wird zum Beispiel der Pyrenäen-Steinbock, der Bucardo, wieder quicklequicklebendig herumspringen. Wenn auch durch eine andere Methode. Vom Bucardo existieren eingefrorene Zellen mit gut erhaltener DNS. Damit kann man ihn – wie bei Dolly, dem Klonschaf – ins Leben zurückbringen. Mit einer Ziege als Leihmutter. 2009 kam auf diese Weise schon ein Kitz zur Welt. Aber es starb sieben Minuten nach der Geburt. Damit ist der Bucardo das erste Tier, das bereits zweimal ausgestorben ist. Aber er hat auch bewiesen, dass eine „Rück-Ausrottung“ möglich ist.

Spielen Sie Gott, Herr Novak?

Der Pyrenäen-Steinbock ist das einzige Tier, das zweimal ausgestroben ist

Ich bezweifle, dass Ihnen das mit der Wandertaube gelingt. Ohne intakte Zellen. Solche Organismen besitzen viel zu viele Gene, deren Aufbau ist zu komplex.

Ja, das wird ein Puzzle. Aber wir schaffen das. Die Entwicklung beim genome editing ist rasant. Mit unserer Vision wird es sein wie beim Wettlauf ins All: Das Ziel war es, auf den Mond zu kommen. Aber bei der Entwicklung der nötigen Technologien ergaben sich auch viele praktische Anwendungen. Was wir machen, wird ebenfalls Auswirkungen auf ganz andere Bereiche haben, auf die Medizintechnologie, auf die Landwirtschaft.

Aha: Sie wollen also Tiere von gestern zurückbringen, um die Technologie von morgen zu entwickeln – die von der Umweltbewegung ungeliebte Biotechnologie.

Exakt. Die Wandertaube ist der Organismus, der die Tür dazu öffnen soll. Ob sie einmal wieder in der Wildnis fliegen wird oder nicht, ist nicht das einzige Kriterium für unseren Erfolg. Mit den Methoden, die wir am Wandertauben-Genom entwickeln, können wir auch bedrohten Arten helfen, die kurz vorm Aussterben sind. Die Kleidervögel Hawaiis sind vielleicht in zehn Jahren verschwunden, dahingerafft von Krankheiten wie der Vogelmalaria. Außer wir schaffen es, diesen Vögeln zum Beispiel eine genetische Immunität gegen die Krankheit zu verpassen. Aber das geht nur mit neuester Biotechnologie!

Mir fehlt etwas Demut: Was wären die Gefahren dabei?

Wir arbeiten mit Organismen, die leiden könnten. Bei Bakterien ist das nicht von Bedeutung – wenn aber bei unserer Arbeit ein Küken mit Missbildungen schlüpft, dann ist das eine andere emotionale und ethische Frage.

. . . der Erreger der Spanischen Grippe, eine der tödlichsten Epidemien der Weltgeschichte . . .

. . . genau, der wurde schon 2005 im Labor zum Leben erweckt. Solche Techniken sind etabliert. Das müssen die Menschen begreifen. Wir heben sie nur auf die Ebene der Wirbeltiere – und die sind viel leichter zu kontrollieren. Eine Gefahr würde von einer Taube oder einem geklonten Mammut nicht ausgehen.

Einem Mammut oder einem Wandertaubenschwarm zu begegnen, fände ich auch faszinierend. Aber während Sie vielleicht ein paar verlorene Arten zurückholen, stehen Tausende andere unmittelbar vor dem Aussterben. Und mit Ihren Projekten nehmen sie dem Naturschutz das ohnehin knappe Geld weg, mit dem sich einige vielleicht retten ließen!

Es ist umgekehrt: Durch unsere Projekte fließt zusätzliches Geld in den Naturschutz. Denn unsere Geldgeber kommen aus dem Hightech-Umfeld, der Biotechnologie und Informationsbranche. Sie haben Interesse an der Rück-Ausrottung, aber bestimmt auch an den Anwendungsmöglichkeiten der Methoden.

Die Öffentlichkeit erhält aber die Botschaft: Wenn Arten jetzt aussterben, können wir sie ja jederzeit zurückbringen.

Allen sollte bewusst sein, welches Preisschild auf einer Auferstehung klebt. Nach 40 Jahren Arbeit könnte allein für die Wandertaube eine Milliarde US-Dollar zusammenkommen. Nicht nur für Laborkosten, auch für das Monitoring nach einer Wiederauswilderung; viel teurer als klassischer Artenschutz.

Dennoch würde sich die Wahrnehmung verändern. Der Satz „Ausrottung ist für immer“ wäre ebenfalls ausgestorben – eines der stärksten Argumente im Artenschutz!

Ja, ein Paradigmenwechsel. Aber deswegen führen wir ja dieses Gespräch, um darüber aufzuklären.

Sie verändern das Konzept von Leben und Tod.

Individuen werden immer sterben. Aber das Konzept vom Leben einer ganzen Art, ja, Sie haben recht, das wird sich ändern. Was das bedeutet, können wir nicht voraussehen . . . Sie und Ihre Kollegen spielen Gott. Das Projekt zur Wiederkehr des Magenbrüterfrosches heißt sogar Lazarus-Projekt! Bei unserem Wandertaubenprojekt haben wir einen solchen religiösen Bezug vermieden: Es heißt „Revive & Restore“ – „Wiederbeleben und wiederherstellen“. Aber natürlich geht Forschung auch immer mit Imagination einher, die muss ja nicht religiös sein. Vor 1000 Jahren konnte sich niemand Galaxien vorstellen, die Hunderte Lichtjahre entfernt sind. Ist „unser“ heutiges Universum nicht viel mystischer als die Vorstellung von damals? Was wir in unserer Lebenszeit schaffen wollen, wird unsere Vorstellungskraft noch mehr erweitern.

Sollte das gelingen, dann beeinflussen Sie die Evolution in einer Weise, wie wir Menschen es nie zuvor getan haben.

Wir Menschen verändern die Welt doch sowieso. Indem wir Arten an Orte bringen, an denen sie vorher nicht vorkamen. Indem wir ausgerottete Spezies in manche Landstriche zurückbringen: Biber nach Deutschland, Wölfe nach Yellowstone . . .

Ja, aber das alles ist „äußere Welt“. Jetzt wollen Sie das Genom, das Alphabet des Lebens, gezielt beeinflussen. Das haben wir Menschen uns noch nie angemaßt.

Aber wir tun das doch nach Prinzipien der Natur. Mutation, Selektion. Wir vollziehen den natürlichen evolutionären Prozess nach. Nur eben im Schnelldurchlauf.

Was machen Sie, wenn es nicht klappen sollte?

Dann versuchen wir es mit einer anderen Art.

Nein, ich meine Sie persönlich, wenn die ganze Methode nicht funktioniert.

Sie wird funktionieren. Mein Optimismus mag simpel erscheinen, aber er speist sich aus einem gut durchdachten Projekt. Wenn es mit der Wandertaube nicht klappt, werden wir herausfinden, wieso nicht – und es mit einer anderen Art versuchen.

Sie könnten auch nach Italien reisen, in Klöstern Gewebeproben von Reliquien sammeln und das ganze Heilige Land wiederauferstehen lassen: „Jesus Park“ statt „Jurassic Park“!

Das wird unmöglich bleiben! Wir können eine Art wiederauferstehen lassen, aber kein Individuum. Wenn jemand Marilyn Monroe zurückbringen möchte, ließe sich vielleicht ein Mensch erschaffen, der ähnlich aussieht. Aber es wird nie Marilyn sein.

Der Biologe Lothar Frenz befasst sich seit Jahren mit dem Verschwinden von Arten – und mit den Geschichten dahinter. Zuletzt in seinem Buch „Lonesome George“, erschienen im Rowohlt Verlag.

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