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Verhaltensforschung: Was bringt den Rapp auf Trab?


Der urige Zugvogel hat in Gefangenschaft das Wandern verlernt. Forscher versuchen, es ihm wieder beizubringen

Wie ist es zu erklären, dass ein Zugvogel namens Waldrapp vor einigen Jahren von Oberösterreich nach Norden flog - ins russische Kaliningrad -, wo am Ende seiner Reise ein eisiger Tod auf das Federvieh wartete?

Wohl weil die wenigen Waldrappen (Geronticus eremita) Mitteleuropas, im Gegensatz zu anderen Zugvögeln, nie eine elterliche "Flugschule" absolviert haben. Denn seit im 17. Jahrhundert in Österreich und der Schweiz die letzten wilden, zu den Ibissen zählenden Vögel aufgrund ihres wohlschmeckenden Fleisches im Kochtopf gelandet waren, hat die Art in Europa nur in Gefangenschaft überlebt. Diese Zootiere entstammen der letzten wilden Population in Marokko.

Seit mehreren Jahren schon planen österreichische Biologen und Umweltschützer, einige der schwarzen Vögel, die 75 Zentimeter groß und 1,3 Kilogramm schwer werden, einen langen, gebogenen Schnabel haben und Laute von sich geben, als wollten sie mit eingezogener Luft "Rapp" sagen, wieder in die Freiheit zu entlassen. Aber angesichts der in Aussiedlungsversuchen erwiesenen Unfähigkeit des Waldrapps, sich auf seine Zugvogel qualitäten zu besinnen, sollen ihm nun menschliche "Ersatzeltern" von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau östlich von Salzburg die mangelnde Reiseerfahrung vermitteln.

Ein junger Waldrapp
Ein junger Waldrapp
© Waldrappteam

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hatte bereits als Fünfjähriger an Enten und später auch an Gänsen entdeckt, dass die seit

ihrer Geburt auf ihn "geprägten" Küken ihm wie einem Muttertier folgten. Die Vögel lassen sich sogar - wie 1996 in dem Film "Amy und die Wildgänse" gezeigt - von einem Flugzeug den Weg weisen.

Warum nicht auch der Waldrapp?, dachten sich Johannes Fritz und Angelika Reiter von der Grünauer Forschungsstelle und schmiedeten einen Plan: Eine Gruppe von Waldrapp-Jungen sollte, angeleitet von zwei Ultraleicht-Flugzeugen, nach Italien geführt werden.

Drei menschliche Ziehmütter kümmerten sich von Mai 2002 an um elf Küken, fütterten sie, gewöhnten sie an Flugzeuggeräusche, indem sie ihnen Motorenlärm vom Band vorspielten, und parkten das Fluggerät direkt vor der Voliere. Im Jungvogelalter von 50 Tagen wurde es schließlich ernst: Die Pflegemütter erhoben sich mit Ultraleicht-Flugzeugen in die Luft und lockten die flüggen Waldrappen, es ihnen nachzumachen.

Die Vögel folgten nach einer Weile tatsächlich dem Flugzeug. Doch die Pilotinnen mussten aus technischen Gründen höher und schneller als die Waldrappen fliegen, sodass diese nicht mehr mithalten konnten. Seither versuchen die Grünauer, durch Warteschleifen die Reisegeschwindigkeit an die der Tiere anzupassen. Diese Generation von elf Vögeln hat den Winter in der Steiermark verbracht. Gemeinsam mit einem neuen Trupp von zehn Tieren soll es im August 2003 für die Waldrappen nun gen Süden gehen.

Denn zum 100. Geburtstag von Konrad Lorenz wollen dessen Erben versuchen, mit Flugzeugen und Vögeln die Alpen zu überqueren, um ins Winterquartier, einem Schutzgebiet in der südlichen Toskana, zu gelangen. In 14 bis 20 Tagen und elf Flugetappen von je 90 Kilometern will die gemischte Zugtruppe ihr Ziel erreichen - von Scharnstein aus über Kärnten ins Friaul, weiter über Venedig ins Po-Delta, dann über die Apenninen nach Florenz und in das Schutzgebiet. Den Rückweg, so hoffen die Forscher, werden die Zugvögel in spe dann selber finden.

Die Homepage des Waldrapp-Teams der Konrad-Lorenz Forschungsstelle Grünau (Österreich)

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 8/03

GEO Nr. 05/97

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