GEO schützt den Regenwald e.V.

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NEUES AUS DER INTAG-REGION UND ECUADOR

November 2019 - DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla berichtet hier von Themen, die unsere Projekt-Region Intag derzeit bewegen:

Auf eine brutale Trockenzeit, während derer Weiden und Feldfrüchte vertrockneten und sich Dutzende Brände entzündeten, folgten ab Mitte Oktober fast tägliche Niederschläge und die Intag-Region begrüßte den Beginn der Regenzeit. In einem typischen Jahr dauern die Regenfälle von November bis Anfang Juni, mit nur wenigen Wochen Unterbrechung. Doch zum Glück regnet es gewöhnlich erst am späten Nachmittag oder Abend; die Vormittage sind oft sonnig und klar.

Begrüßung einiger Fluggäste aus dem Norden
Der Regen bringt auch die ersten Zugvögel aus dem Norden: Den schönen Rosenbrust-Kernknacker; den allgegenwärtigen Fichtenwaldsänger, die unscheinbare Zwergdrossel und den leuchtend roten Sommer-Tanager. Sie gesellen sich für ein paar Monate zu unseren 222 heimischen Vogelarten, um der Kälte zu entfliehen. Aufgrund ihrer Anwesenheit liegt mehr Gesang in der Luft, denn die heimischen Vögel singen lauter, um ihr Revier klar abzugrenzen. Genug Platz ist jedoch für alle da: Für die 24 Kolibri-Arten, die 25 Tanager-Arten, die beiden Quetzal-Arten sowie Tukane, Baumsteiger und Pieperwaldsänger. Ja, es gibt unvermeidliche Streitereien zwischen Neuankömmlingen und den heimischen Vögeln, aber es ist schön zu erleben, wie schnell sich die Differenzen auflösen. Der Lebensraum, den die Tropen für Zugvögel bieten, wird zwar wenig gewürdigt, dennoch spielen diese Wälder eine wichtige Rolle. Einige der Zugvögel werden auf ihrer Reise dem vom Aussterben bedrohten Andenadler, dem größten Adler in den Anden, zum Opfer fallen. Lediglich 200 Exemplare dieser Art sind in Ecuador offiziell belegt - einige davon leben in der Intag-Region. Dieser Adler ist nur eine von mehreren hundert Arten von Vögeln, Säugetieren, Amphibien und Fischen, die in Intag vom Aussterben bedroht sind. Lebensraumzerstörung und Bergbau stellen die Hauptbedrohungen dar, denen auch dieser majestätische Vogel ausgesetzt ist. Die dank „GEO schützt den Regenwald“ und LichtBlick geschaffenen Gemeindeschutzwälder sind die beste Hoffnung, ihren Bestand zu sichern.

Stärkung des Natur- und Umweltschutzes in Intag
Die meisten Leser dieser Berichte wissen um unsere erfolgreichen Projekte zur Schaffung von Gemeindewäldern und für den Schutz von Wassereinzugsgebieten. Diese sind unsere Antwort auf den tragischen Verlust von Lebensraum in dieser Ecke der Welt. In Ländern mit niedrigem Einkommen kann der Schutz der Natur eine echte Herausforderung darstellen. Gesetzliche Regelungen sind häufig ebenso wenig vorhanden wie die Förderung einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion. Andererseits erschweren es kurzsichtige nationale Maßnahmen wie die Ausweitung des Bergbaus und der Erdölförderung, die vorhandenen Schutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten. In unserem Fall gibt es Pläne für großflächige Bergbauvorhaben. Es ist daher ermutigend, wenn sich Initiativen bilden, um das zu erhalten und zu schützen, was von unserem Wald, unserer biologischen Vielfalt und unseren Wassereinzugsgebieten übrig ist. Eine solche Initiativen ist die „Vereinigung der Bürger des Kantons Cotacachi“. Die diesjährige Versammlung der Bürgervereinigung fand im November in Peñaherrera statt. An der Veranstaltung, die es seit 1997 gibt, nahmen 1.200 Menschen und Nichtregierungsorganisationen aus allen Bezirken des Kantons Cotacachi teil. Die Jahresversammlung wird von der „Asamblea“ organisiert, die die Bürgerinnen und Bürger von Cotacachi auffordert, Richtlinien für ihre lokalen Regierungen zu entwickeln. Dies ist ein wunderbarer Mechanismus, um die Bedürfnisse und den Willen der Gesellschaft effektiv in die Regierungspolitik einzubeziehen. Denn in der Tat müssen die auf der Versammlung gefassten Beschlüsse laut geltendem Recht von den Beamten der lokalen Regierungen umgesetzt werden. Wie in jedem Jahr war auch diesmal der Naturschutz ein zentrales Thema. Einer der wichtigsten verabschiedeten Beschlüsse war die Ablehnung des Bergbaus in der Intag-Region durch die Versammlung. Unter den vielen weiteren Beschlüssen: Maßnahmen zur Vermeidung und Bekämpfung von Waldbränden, mehr Unterstützung für Kleinbauern und Jugendgruppen, mehr öffentliche Plätze. Eine freudige Überraschung erlebte Silvia Quilumbango, die Präsidentin von DECOIN: Sie wurde für die kommenden zwölf Monate zur Präsidentin der Bürgervereinigung gewählt.

Alles in allem ein großartiger Monat für die Intag-Region und unsere Naturschutzbemühungen.

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Silvia Quilumbango, DECOIN, bei der Wahl zur Präsidentin der Bürgervereinigung in Peñaherrera

Hörproben der Singvögel

https://www.youtube.com/watch?v=ATGSA-nOJhE 
Gesang des Rosenbrust-Kernknackers

https://www.youtube.com/watch?v=MryLmW3V1Iw
Gesang des Fichtenwaldsängers

https://www.youtube.com/watch?v=PmMYVeE9QJw
Gesang der Zwergdrossel

https://www.youtube.com/watch?v=EI3pZ3t2i4E
Gesang des Sommer-Tanager

OKTOBER 2019 - DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla fasst hier Neuigkeiten aus der Projektregion Intag und zur aktuellen Lage in Ecuador zusammen

Landkäufe mit Hindernissen

In diesem Jahr fanden in unserem Kanton Wahlen statt, die es DECOIN nicht leichter gemacht haben, Waldkäufe zur Erweiterung der bislang 40 Schutzwälder in Gemeindebesitz abzuwickeln. Durch die Wahlen haben in den Behörden des Kantons Cotacachi, zu dem die Region Intag gehört, und auch in den sechs Intag-Bezirken, die Amtsinhaber gewechselt. Mit der Wahl eines neuen Kantonspräsidenten wechselten in den Behörden auch unsere Ansprechpartner. Neue Mitarbeiter sind jetzt für die Abwicklung der Landkäufe zuständig, es gibt Änderungen in den bürokratischen Abläufen. Anfang Oktober erfasste dann eine riesige Protestwelle das Land. Ausgelöst wurden die Proteste durch die Streichung der staatlichen Subventionen für Treibstoffe, Kürzungen bei Gehältern von Staatsbedien-steten usw.. Selbst die internationalen Medien berichteten über den in Ecuador herrschenden Ausnahmezustand. Angeführt wurden die zwei Wochen andauernden Proteste von indigenen Volksgruppen. Straßenblockaden wurden errichtet; LKWs, Busse, Taxis fuhren nicht mehr; das Transportwesen kam völlig zum Erliegen. In Quito stürmten Demonstranten Regierungsgebäude und forderten den Rücktritt von Präsident Lenín Moreno. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Polizei starben acht Menschen; darüber hinaus gab es mehr als tausend Verletzte und ebenso viele Verhaftungen[1]. Erst Vermittler der Vereinten Nationen machten eine Annäherung zwischen den Konfliktparteien möglich. Präsident Moreno nahm die Streichung der Subventionen zurück, sagte den Indigenen Mitsprache bei den Maßnahmen zu, die Ecuador helfen sollen, die andauernde wirtschaftliche Krise zu überwinden. Danach normalisierte sich das öffentliche Leben in Ecuador und Silvia Quilumbango konnte ihre Behördengänge wieder aufnehmen. Die Abwicklung der bereits eingeleiteten und vorgesehenen Landkäufe hat sich also verzögert. Wenn alles gut läuft, werden wir dennoch die Schutzwälder in den kommenden Monaten um einige Hundert Hektar erweitern können.

Umweltbildungsprogramm feiert Erfolge

“Conservation without education is just conversation”, sagt man auf Englisch - „Naturschutz ohne Bildung ist nur Konversation“. Ich bin mir nicht sicher, von wem dieses Sprichwort stammt, doch in ihm steckt eine Menge Wahrheit. Seit den Anfängen von DECOIN hat unsere Organisation so viel Geld und Zeit in Umweltbildung für Jung und Alt gesteckt wie unsere Unterstützer es uns ermöglicht haben. In diesem Jahr bedeutet das, dass wir dank der Unterstützung des LichtBlick-Projekts, 521 Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren in sechs Intag-Gemeinden zu Umweltthemen unterrichten können. Die Themen „Wasser“, „Artenvielfalt“ und „Klimawandel“ gehören zu den Hauptthemen des Unterrichts. Im Rahmen einer weiteren Lehreinheit an den Schulen lernen die Kinder das Spiel „El Gallito de la Peña“ kennen. Der Name des Spiels bezieht sich auf eine spektakuläre Vogelart, den Andenklippenvogel, der in den Wäldern von Intag beheimatet ist. DECOIN-Präsidentin Silvia Quilumbango und frühere Mitarbeiter der Behörde in Cotacachi haben es entwickelt, um den Kindern spielerisch Werte zum Schutz von Natur und Umwelt zu vermitteln. Es wird ganz ähnlich wie „Monopoly“ gespielt und ist ein Riesenerfolg – bei den Kindern genauso wie bei ihren Lehrern. Teil unseres Programms sind auch Exkursionen in ein Gemeinde-Wasserschutzgebiet, bei denen auch Eltern eingeladen sind, ihre Kinder zu begleiten. Diese Feldexkursionen sind von großer Bedeutung, denn sie bieten Schülern und Eltern die Möglichkeit, die Schönheit unserer Wälder, der Tier- und Pflanzenarten zu sehen und zu spüren. In diesem Jahr bereichern zudem „Wassertest-Kits“ das Programm auf den Ausflügen. Diese Schnelltests helfen Schülern, Lehrern und Eltern sich über die Bedeutung der Wasserqualität bewusst zu werden; mit ihnen können sie zumindest einige der Qualitätsmerkmale von Fluss- oder Trinkwasser selbst bestimmen. Dabei lernen die Exkursionsteilnehmer, welche Faktoren und Verhaltensweisen die Qualität des Wassers beeinträchtigen und wie dessen Verunreinigung verhindert werden kann.

 

[1] Laut Bericht der Staatsanwaltschaft vom 15.10.2019

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Schüler, Lehrer und Eltern prüfen mithilfe eines „Wassertest-Kits“ die Wasserqualität des nahe gelegenen Fluss-und Trinkwassers.

Eva Danulat, die Geschäftsführerin unserer Partnerorganisation „GEO schützt den Regenwald e.V.“, berichtet hier von ihrem diesjährigen Projektbesuch:

In diesem Jahr bin ich erst im Juli in der Intag-Region, zu Beginn der heißen, trockenen Sommerzeit. Die Aussicht auf Regen geht gegen Null, nur die morgendlichen Nebelschwaden über den bewaldeten Berghängen bringen Mensch und Natur noch etwas Feuchtigkeit. Nacheinander feiern zwischen Juli und August die sechs Bezirke der Region ihre mehrtägigen Fiestas. Wochenlang wird an den Programmen gefeilt – heimische Spezialitäten gehören dazu, Volleyball-Turniere, Wettbewerbe für Jung und Alt, natürlich auch jede Menge Live-Musik und Tanzveranstaltungen. Die sonntäglichen Arbeitstreffen im Büro von DECOIN in Apuela finden jedoch selbst während der Fiestas statt. Während sich draußen zwischen den geparkten Fahrzeugen auf der Straße Reiter sammeln, ihre Tricks und Schrittkombinationen für die bevorstehende Vorführung üben, tauschen die Leitung von DECOIN, Mitarbeiter und Unterstützer aus verschiedenen Teilen der Region ihre Neuigkeiten aus, diskutieren die jüngste politische Entwicklung, planen das strategische Vorgehen, teilen anstehende Aufgaben unter sich auf.  

Für Aufregung sorgt an diesem Sonntag Auki Tituaña, seit wenigen Monaten Präsident des Kantons Cotacachi, zu dem auch die Intag-Region gehört. Ohne Vorankündigung hat er die Freizeitanlagen um die Termas von Nangulví schließen lassen, Begründung:  Kurz vor dessen Ausscheiden habe sein Amtsvorgänger die Bewirtschaftung der Termas auf die ansässige Gemeinde übertragen; dies sei jedoch Aufgabe des Kantons und somit nicht rechtens. Wichtigstes Thema sind allerdings auch heute die drohenden Bergbauaktivitäten. Wie DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla berichtet, hat CODELCO - der chilenische Bergbauriese und Partner der ecuadorianischen ENAMI – den vielleicht letzten Versuch unternommen, nach Cerro Pelado vorzudringen; die Kommune liegt in der Nähe von Junín, wo seit Jahren Probebohrungen für Kupfer gemacht wurden. Um dies zu verhindern, hat DECOIN die Bewohner der Region zu neuen Protestaktionen mobilisiert – mit Erfolg!

Außerhalb des Intag-Tals, auf der anderen Seite der Toisan-Gebirgskette, hat Erzabbau ganz anderer Art bereits schwerste Folgen gezeigt: Im Bezirk La Merced de Buenos Aires haben Tausende Goldsucher seit Ende 2017 zunehmend zu Chaos, Schrecken und Kriminalität jeder Art geführt[1]. Die Lager zu weit verteilt auf schwierigem Gelände um 3.000 Meter ü.d.M., zu groß die Zahl und das Gewaltpotenzial der Eindringlinge. Achtzehn Monate griff der Staat nicht ein, sah den illegalen Aktivitäten machtlos zu. Anfang Juli jedoch verhängte Landespräsident Lenín Moreno für La Merced de Buenos Aires einen 60-tägigen Ausnahmezustand. In dem darauffolgenden, sechs Tage andauernden, Großeinsatz haben 2.400 Polizisten und Militärs die Goldschürfer vertrieben, ihre Lager zerstört, Massen von Schürfgut, Fahrzeugen sowie Gerätschaften darunter Kompressoren und Pumpen, beschlagnahmt[2].  Auf der Suche nach neuen Schürfstellen sind einige der vertriebenen Goldsucher auch nach Intag gekommen. Bislang sind es Einzelpersonen oder kleine Gruppen ohne schweres Gerät; ihre Hilfsmittel beschränken sich auf Hacken, Schaufeln, Goldwaschpfannen… Viele der Gespräche, die ich in den folgenden Tagen führe, ob in Puranquí, Peñaherrera oder Cuellaje, kreisen um die Sorgen der Bewohner.  Denn sie vertrauen nicht darauf, dass der Staat ihnen helfen wird, die Eindringlinge loszuwerden bevor sie auch in Intag Schäden anrichten. Gemeinsam wollen die DECOIN-Unterstützer herausfinden, wo genau und wie viele der Goldsucher sich bereits in den Bezirken befinden und sie vertreiben.

Einige Tage später treffen DECOIN-Präsidentin Silvia Quilumbango und ich auf Ángel Flores, der Ende März mit überraschend großer Mehrheit zum neuen Präsidenten des Bezirks Cuellaje gewählt worden ist. Der Landwirt hat die Wahl gewonnen, weil er ebenso entschiedener Bergbaugegner wie Waldschützer ist. „Der Bergnebelwald auf den steilen Hängen um die Gemeinden schützt nicht nur die dort heimischen Tiere und Pflanzen, auch die Menschen im Tal könnten nicht ohne ihn leben! Denn schließlich versorgen die Flüsse und Bäche, die den Wald durchfließen, die Familien und ihre Pflanzungen von Mais, Bohnen und Früchten mit sauberem Wasser!“ Der Bezirkspräsident und seine vielen Unterstützer in der Bevölkerung von Cuellaje sind also nicht gewillt, irgendeine Form von Erzabbau in ihrem Bezirk zuzulassen. Auch mit einer großangelegten Initiative haben sie ein Zeichen gesetzt, berichtet Ángel. „Vor zwei Wochen haben wir mit 40 Männern gemeinsam den mehr als 4.700 Hektar großen Gemeindeschutzwald durchkämmt. Goldsucher haben wir zum Glück nirgendwo angetroffen – dafür aber die Spuren von Andenbären, Pumas und kleinen Hirschen!“

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Ángel Flores, der Ende März mit überraschend großer Mehrheit zum neuen Präsidenten des Bezirks Cuellaje gewählt worden ist

JULI 2019 - Der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, Carlos Zorrilla, berichtet über die Juwelen Ecuadors – die Naturschutzgebiete

Das System der national geschützten Gebiete in Ecuador ist auf den ersten Blick verwirrend. Es gibt über ein Dutzend verschiedene Arten von geschützten Naturräumen – von sehr großen Nationalparks über Meeresschutzgebiete bis hin zu biologischen und ökologischen Reservaten. Insgesamt stehen laut Angaben der Regierung 20 Prozent der Landfläche unter Naturschutz.

Betrachtet man eine Karte (siehe Foto) der Schutzgebiete von Ecuador, fallen einige interessante Besonderheiten auf. Eine davon ist, dass rund 90 Prozent der unter Naturschutz stehenden Flächen zu den Wassereinzugsgebieten des Amazonas östlich der Anden gehören. In dieser Region finden sich auch die deutlich größeren Schutzgebiete und die national sowie international bekanntesten wie Cuyabeno und Yasuní. Diese Gebiete sind für die Artenvielfalt Ecuadors, für den Tourismus und für die in freiwilliger Isolation lebenden Ureinwohner in Yasuní von enormer Bedeutung. Aus biologischer Sicht sind sie jedoch nicht die wichtigsten.

Das verkannte Juwel
Betrachtet man die Karte der Schutzgebiete Ecuadors genauer, fällt ein größerer hellbrauner Fleck im Nordwesten des Landes auf. Dieses Schutzgebiet ist der „Cotacachi-Cayapas Nationalparkbis vor kurzem hatte er den niedrigeren Status eines „ökologischen Reservats“. Dieser Nationalpark ist das einzige staatlich geschützte Gebiet bedeutender Größe in ganz West-Ecuador. Laut einer umfassenden Studie gehört dieser Park zu den biologisch bedeutendsten der Welt. Unter den 177.461 untersuchten Schutzgebieten weltweit erreichte der Park in der Studie Platz 161, womit er zu den wichtigsten Naturschutzgebieten unseres Planeten zählt.

Intag und der Cotacachi-Cayapas Nationalpark
Das überragende Wahrzeichen des Parks ist der majestätische, 4.939 Meter hohe Vulkan Cotacachi östlich von Intag; hier entspringen ein, zwei unserer vielen Flüsse[2]. Im Norden bildet die Toisan-Gebirgskette die Grenze zwischen den Provinzen Imbabura und Esmeralda. Auf ihren bewaldeten Hängen leben Hunderte vom Aussterben bedrohte Arten, darunter einige, die nur hier und nirgendwo sonst auf der Erde zu finden sind. Obwohl das Toisan-Gebirge nicht so hoch wie der Cotacachi-Vulkan ist, entspringen dort 14 Flüsse. Es ist auch das Gebirge, in dem Bergbauunter- nehmen in den 1990er Jahren Kupfer entdeckten. Sie haben versucht, dort ein großangelegtes Kupferabbauprojekt umzusetzen – und sind am Widerstand der Bevölkerung gescheitert.

Wer und was schützt am besten?
Wie die meisten von Ihnen wissen, hat DECOIN in den letzten 20 Jahren mithilfe mehrerer Organisationen den Gemeinden und lokalen Regierungen geholfen, Bergnebelwald-Flächen in der Intag-Region zu erwerben. Bislang befinden sich rund 13.000 Hektar der artenreichsten und empfindlichsten Wälder in sicherer Hand von Gemeinden. Diese Waldgebiete schützen nicht nur die biologische Vielfalt und gefährdete Arten des Landes, sondern sie versorgen auch Tausende von Einwohnern mit sauberem Trinkwasser. Viele der Waldkäufe – insbesondere seit „GEO schützt den Regenwald“ und LichtBlick vor 15 Jahren ihre Kooperation mit DECOIN begannen – erfolgten an den Hängen des Toisan-Gebirges, welches an den Cotacachi-Cayapas Nationalpark grenzt und innerhalb der Pufferzone des Parks liegt. Pufferzonen sollen Nationalparks schützen, indem sie schädliche Aktivitäten einschränken. So steht es zumindest auf dem Papier. In der Praxis bedeuten Missachtung der Regeln und unzureichende staatliche Finanzierung, dass Menschen selbst in den Schutzgebieten tun und lassen können, was sie möchten, illegalen Bergbau eingeschlossen! Genau das war der Fall im Bezirk La Merced de Buenos Aires, nördlich von Intag, wo Tausende illegale Goldschürfer eindrangen und wo dies unvorstellbare Umwelt- und soziale Auswirkungen hatten. Erst nach 18 Monaten hat die Regierung das Gebiet geräumt, nachdem Teile des Nationalparks bereits erheblich geschädigt worden waren.

In Intag dagegen haben die Gemeinden eine herausragende Rolle für den Erhalt der Wälder im Puffergebiet des Cotacachi-Cayapas-Nationalparks gespielt. Und wir hoffen, dass sie das auch weiterhin tun werden. Im speziellen Fall des illegalen Kupferbergbaus in Intag haben die Gemeindemitglieder selbst Maßnahmen ergriffen, um Bergbauaktivitäten zu verhindern. Meiner Meinung nach ist dieses Naturschutzmodell so gut, dass es überall kopiert werden sollte!

[2] https://www.parks-and-tribes.com/national-parks/reserva-ecologica-cotaca...

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Karte der Schutzgebiete von Ecuador

JUNI 2019 - Der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, Carlos Zorrilla, nimmt hier die Bergbau-Politik in Ecuador unter die Lupe:

Wer von den aufgelockerten, einladenden Bergbaubestimmungen der ecuadorianischen Regierung erfährt, könnte auf der Stelle dazu verführt werden, in Bergbau zu investieren. Der Drang zu investieren würde sich verdoppeln, wenn man den Falsch-informationen Glauben schenkt, die fast täglich auf den Webseiten vieler transnationaler Unternehmen zu lesen ist: Da ist die Rede von unvorstellbaren Erzvorkommen, die unter den Wäldern Ecuadors lagern und nur darauf warten, ausgebeutet zu werden. Bei genauerem Hinsehen kommt allerdings eine ganz andere Wahrheit zutage, von der die Regierung und Bergbauunternehmen nicht möchten, das sie bekannt wird.

Der neue Widerspruch im Bergbau

Die neuen Bestimmungen sollen dem Bergbau in Ecuador Tür und Tor öffnen. Sie lassen sich in der Aussage von Vize-Präsident Sonnenholzner zusammenfassen, der im Mai 2019 kundtat: “Wo auch immer Erze lagern, werden sie geschürft“.  Die Regierung schließt also eine Zukunft basierend auf nachhaltigen Wirtschafts-aktivitäten wie Ökotourismus ebenso aus wie den Erhalt der einmaligen und überbordenden Artenvielfalt und saubere Flüsse. Die logische Weiterführung des Gedankens: Künftig wird Bergbau selbst vor Naturschutzgebieten nicht halten machen, und auch nicht vor Verletzungen der Menschenrechte.

Fazit: die neue Politik sucht den schnellsten Weg, um die Wirtschaft weg von Nachhaltigkeit und noch näher hin zum Extraktivismus zu bringen, der für Ecuador bislang Korruption im großen Maßstab, immense Staatsausgaben und Schulden sowie kaputte Naturlandschaften zur Folge hat. Und all das in einer Klimakrise, die das Überleben auf der Erde bedroht. Diese extreme, unredliche Position ist in Zusammenhang mit der schweren Finanzkrise im Land zu sehen und dem Druck, die riesigen Außenschulden zu begleichen. Die dadurch entstehenden Folgen jedoch sind unverzeihlich und die Entwicklung Ecuadors wird auf ewig darunter leiden.

Die andere Geschichte

Die Vorfreude bei Regierung und Unternehmen die Bodenschätze von Ecuador zu explorieren und auszubeuten wird längst nicht von allen geteilt. Die Haltung von Gemeinden, indigenen Gruppen, Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen ist exakt gegenläufig zur Regierungsposition. Gemeinden und bedrohten Gruppen reagieren auf diese lächerliche und gefährliche Bergbau-politik mit immer stärkerem Widerstand.  Zum Beispiel mit Straßenblockaden, um Regierungsvertretern und Bergbauunter-nehmen davon abzuhalten die Gebiete der Bergbaukonzessionen zu erreichen. Wichtig ist hierbei zu wissen, dass indigene Gruppen und private Waldbesitzer in jüngster Zeit durch Gerichte hinsichtlich der Verletzung ihrer Rechte gestützt worden sind.

  •  In der Intag-Region haben beispielsweise mehrere Gemeinden die Regierung und den Bergbaukonzern CODELCO davon abgehalten, die Umweltverträglichkeitsuntersuchung zur Erweiterung des Llurimagua-Konzessionsgebiets abzuschließen.
  • Im Juni hat die Zivilbevölkerung ein Manifest dutzender Organisationen unterstützt und warnt so die Regierung, dass sie Bergbau –  komme was wolle –  im Intag verhindern will.
  • Das „Los Cedros“ Schutzgebiet hat gerade eine gerichtliche Verfügung gegen die Absicht eines kanadischen Unternehmens gewonnen, mit der Erzexploration in einem unberührten Nebelwaldgebiet zu beginnen, das nahe bei Llurimagua liegt.
  • Nördlich von Intag hat das indigene Volk der Cofán ein Gerichtsverfahren gewonnen, wodurch 32 Erzkonzessionen auf Gebiet der Cofán annulliert worden sind.

Die Intag-Bevölkerung hat eine Schlüsselrolle dabei, dass Gemeinden ihre verfassungsmäßigen Rechte durchsetzen wollen, in einer artenreichen, sauberen Umgebung zu leben, in einer Welt, wo „Entwicklung“ nicht einher geht mit Menschenrechts-verletzungen oder Umweltzerstörung. Mit genügend Unterstützung wird sie diese Rolle auch weiterhin ausfüllen.

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Protestschild gegen Bergbau im Tal von Santa Rosa

MAI 2019 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt heute über die Erfolge die dank des LichtBlick-Projekts erreicht worden sind:

Es tut gut, sich immer mal wieder die enorme Bedeutung der Kooperation zwischen DECOIN, GEO schützt den Regenwald und LichtBlick für den Naturschutz in Intag vor Augen zu führen. Die Initiative erscheint umso wichtiger seit die Vereinten Nationen ihren wegweisenden Bericht[1] über den Verlust an Artenvielfalt veröffentlicht haben, den die Autoren ebenso katastrophal wie den Klimawandel einstufen.

Die Schutzwaldgebiete in der Obhut der Gemeinden dienen tausenden von Intag-Bewohnern als Quelle für sauberes Trinkwasser. Darüber hinaus beschützen sie hunderte Pflanzen und Tiere vor der Ausrottung: Im vergangenen Jahr identifizierte eine Studie[2] 279 Arten, die in den Wäldern von Intag oder in ähnlichen Wäldern leben.

Basierend auf den oben erwähnten Studien stehen unter anderem die folgenden Arten auf der Liste der bedrohten Tierarten:

Bei den Säugetieren sind vier Arten von Katzen bedroht. Dazu gehören der Puma, die Langschwanzkatze, auch Margay genannt, und der Ozelot. Auf der Liste steht zudem der Anden- oder Brillenbär – die einzige Bärenart von Südamerika. Auch eine Schweineart: der Halsbandpekari, ist (lt. ecuad. Roten Liste) gefährdet. Zu den weiteren Säugetieren, die auf der Liste der bedrohten Arten stehen, gehören mindestens zwei Affenarten, darunter der vom Aussterben bedrohte Braunkopf-Klammeraffe,  der Pakarana, ein großes südamerikanisches Nagetier, die größte Fledermaus des amerikanischen Kontinents, die Große Spießblattnase, sowie zwei weitere Fledermausarten.

Unter den rund 30 Vogelarten auf der Roten Liste finden sich der Leistenschnabel-Tukan, auch Blattschnabel-Blautukan genannt, der Tukan-Bartvogel und der Langlappen-Schirmvogel. Der vom Aussterben bedrohte Schwarzbauch-Höschenkolibri wurde bislang nur an zwei Orten gesichtet – das Schutzgebiet von Cuellaje ist einer davon.

Amphibien stellen in Ecuador – wie auch weltweit – die am meist bedrohte Tiergruppe dar. Daher verwundert es nicht, dass gleich 45 Arten auf der Liste der bedrohten Arten auftauchen. Darunter sind zwei Arten, die nur in Intag vorkommen und vom Aussterben bedroht sind, der Langnasen-Harlekin-Frosch und der Prinz-Charles-Frosch.   

Auf der Liste finden sich auch 25 Reptilienarten und erschütternder Weise 108 Orchideenarten. Auch für die bislang nicht einmal entdeckten Arten ist es ungeheuer wichtig, diese Wälder zu schützen – so wie für die neue Glasfrosch-Art[3], die erst im März 2019 in einem privaten Schutzwald entdeckt wurde.

Eine ganz schwierige Frage

Immer wieder frage ich mich: Was wäre mit all den inzwischen geschützten Wäldern passiert, falls DECOIN 1998 nicht mit seiner Gemeindewald-Schutzinitiative begonnen hätte?  Die einfache Antwort lautet: Wenn sich der Trend in der Landnutzung von 1998 fortgesetzt hätte, wären die meisten Wälder – mal abgesehen von einigen, wenigen offiziellen Waldschutz-gebieten und denen, die besonders steil und unzugänglich sind – jetzt Viehweiden oder Agrarflächen. Das würde bedeuten, dass mindestens eine Froschart mittlerweile ausgestorben wäre und der Lebensraum einiger hundert bedrohter Arten jetzt drastisch geschrumpft wäre. Das Trinkwasser vieler Intag-Ortschaften, darunter Apuela, Peñaherrera und García Moreno, wäre noch immer durch Parasiten verseucht, wie bis 1998 als es Viehweiden und Agrarflächen durchfloss. Und einige Gemeinden würden inzwischen unter kritischem Wassermangel leiden.

Ein weiteres wahrscheinliches Szenario ist auch, dass Tausende Hektar kostbarer Bergnebelwald für mindestens eine gigantische Kupferabbaustätte abgeholzt worden wären, und Tausende mehr unter den Folgen der Exploration für Erze leiden würden. Die einzige positive Alternative hierfür wäre gewesen, dass ein erleuchteter Politiker stattdessen die Entwicklung des Naturtourismus als Einkommensquelle für die Intag-Bewohner vorangetrieben hätte.

Umweltbewusstsein ist der Schlüssel

Naturschutz funktioniert nicht ohne Umweltbildung. In den vergangenen zehn Jahren haben wir tausende Schüler und Schülerinnen über folgende Themen unterrichtet: Wasser, Artenvielfalt, Klimawandel und die Bedrohungen für die Artenvielfalt in der Intag-Region.  Darüber hinaus versuchen wir auch Themen zu behandeln, die sich einige Schulen von uns wünschen – so zum Beispiel Abfalltrennung und -vermeidung. Doch der beliebteste und unverzichtbare Teil unseres Umweltbildungsprogramms sind die Besuche in den Regenwald-Schutzgebieten der Gemeinden, denn ohne die würde der Unterricht abstrakt bleiben. Indem wir die Eltern der Schüler auffordern, die Exkursionen ebenfalls zu begleiten, vergrößern wir die Reichweite und Wirkung des Programms. Wir stehen kurz davor, den diesjährigen Unterrichtszyklus zu Umweltthemen zu beginnen, der helfen soll, das Bewusstsein für den wirklichen Reichtum von Intag zu schaffen.

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Exemplar eines Langnasen-Harlekin-Frosches

APRIL 2019 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, berichtet hier über neue Entwicklungen in der Intag-Region

Tag der Erde
Am 22. April wurde der “Earth Day”, der “Tag der Erde”, gefeiert. Vor allem soll an diesem Tag das Bewusstsein der Menschen für unseren Planeten gestärkt werden – damit wir endlich aufhören, Luft, Land und Wasser zu kontaminieren. Falls uns das gelingt, hätte der Mensch eine gute Chance, noch ein bisschen länger auf dieser Erde zu leben! Man könnte meinen, das sei einfach zu begreifen und zu erfüllen. Ich hoffe, dass immer mehr Menschen verstehen, was wir tun müssen, um unserer Erde zu helfen. Ein gutes Beispiel ist der Regenwald-Schutz von LichtBlick, GEO schützt den Regenwald e.V. und unserer Organisation DECOIN. Gemeinsam konnten wir schon viel erreichen.

Waldkäufe
Die DECOIN-Mitarbeiter treiben derzeit den Kauf zweier Waldflächen voran. Es handelt es sich um 106 Hektar. Wie immer werden die Flächen privaten Verkäufern abgekauft und als Schutzwälder auf die Gemeinden überschrieben. Doch es kommt auch immer wieder zu Verzögerungen beim Kauf – entweder auf Seiten des Verkäufers oder auch durch die Behörden. In den vergangenen Wochen haben beispielsweise Regionalwahlen stattgefunden und das bedeutet: Verzögerungen durch den Wechsel von Ansprechpartnern in der Verwaltung und neue Abläufe. Aber nichts wird uns davon abhalten, neue Gemeindewälder zu schaffen!

Bergbau
Ich bin froh, berichten zu können, dass es zurzeit in der Intag-Region bezüglich Bergbauvorhaben relativ ruhig ist. Das chilenische Bergbauunternehmen CODELCO hat seine Bohrgeräte aus den artenreichen Wäldern um Junin abgezogen. CODELCO hatte den Plan, seine Probebohrungen für Kupfer auf ein weiteres schützenswertes Waldgebiet bei Junin auszuweiten, doch das konnten wir verhindern oder zumindest hinauszögern. Außerdem haben Gemeinden in anderen Teilen von Ecuador Gerichtsverfahren gegen Bergbauvorhaben gewonnen. Die Regierung hat jedoch angekündigt, dass sie demnächst mit CODELCO eine Vereinbarung unterzeichnen wird, um in den kommenden zwei, drei Jahren eine Machbarkeitsstudie durchzuführen. Die Studie soll zeigen, ob der Kupferabbau in einem 700-Hektar-Waldgebiet aus ökonomischer Sicht sinnvoll wäre. Zudem hat der Präsident des ecuadorianischen Rechnungshofes nach einem Jahr endlich seinen Bericht veröffentlicht, in dem er die Bergbauaktivitäten in den Wäldern von Junin entschieden verurteilt. Der Bericht weist auf das völlige Fehlen von Überwachung bei den Bohraktivitäten hin. Das führte dazu, dass Flüsse und Bäche kontaminiert, Bäume illegal gefällt und Millionen Liter Wasser ohne Genehmigung genutzt wurden. In der Woche vor dem „Earth Day“ hat die ecuadorianische Bürger-Schiedsstelle einen noch drastischeren Bericht herausgegeben. Dieser betrifft die Menschenrechte und die Rechte der Natur, die CODELCO in den Wäldern von Junin verletzt hat. Die Rechte der Natur sind als solche in der ecuadorianischen Verfassung verankert: Die Natur und alle Arten, die sie ausmachen, haben unter anderem das Recht auf Schutz, natürliche Vermehrung und Wiederherstellung. Fazit: Der Bericht macht uns optimistisch, dass wir die Entwicklung von Bergbau in Intag verhindern können. Was uns Sorge bereitet, sind allenfalls einige informelle Goldsucher, die nach Intag gekommen sind. Bislang gibt es jedoch keine Abbaustelle und die Gemeinden sind fest entschlossen, illegales Schürfen nach Gold zu verhindern.

UNESCO Geopark
Im April hat die UNESCO unsere Provinz, Imbabura, zum ersten Welt-Geopark[1] in Ecuador erklärt – auch das ist ein Grund den Earth Day zu feiern. Um diese Auszeichnung zu verdienen, muss eine Region außergewöhnliche geologische Vielfalt aufweisen. Imbabura hat einzigartige Naturlandschaften, Kraterseen, Wasserfälle, die Anden(!) und eine beeindruckende Vielfalt an Ökosystemen. Schutz, Bildung und Nachhaltigkeit sollen die Entwicklung in Geoparks prägen. Und wer unsere Arbeit kennt, der weiß, dass wir seit 24 Jahren –15 davon mit Hilfe von LichtBlick und „GEO schützt den Regenwald“ – genau diese Ziele verfolgen!

[1] https://www.elcomercio.com/tendencias/imbabura-declaracion-oficial-geopa...

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Apuela, valle de Intag

MÄRZ 2019 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, berichtet hier von der Beziehung zwischen einer Orchidee und einer Biene

Was mir beim Schreiben der Berichte für LichtBlick am meisten Freude bereitet ist, dass ich Dinge entdecke, die mir unbekannt waren und andere Dinge verstehen lerne, von denen ich dachte, dass ich sie kenne. Das gilt auch für die kuriose, wundersame Beziehung zwischen einer Orchidee und wilden Bienen, die ich bei mir im Wald angetroffen und fotografiert habe.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, lebe ich im Bergnebelwald der Intag-Region im Nordwesten von Ecuador. Am meisten begeistert mich die immense Artenvielfalt um mich herum. Einen großen Anteil an dieser Vielfalt haben die Orchideen. Die Fläche von Ecuador ist rund 20 Prozent kleiner als die Deutschlands, doch hier finden sich 4.000 Orchideenarten – mehr als in dem 32 Mal größeren Brasilien. Etwa 1.000 dieser Arten sind vom Aussterben bedroht. Neben dem illegalem Baumeinschlag, Landwirtschaft und Rinderzucht bedrohen auch das illegale Sammeln diese Vielfalt. In Intag stellt ohne Frage der geplante großflächige Tagebergbau für Kupfererze die größte Bedrohung dar.

Hier die faszinierende Geschichte wie eine der Orchideen in meinem Wald, die atemberaubend schöne Lycomormium ecuadorense, befruchten wird.

Aus der Trickkiste der Pflanzen
Orchideen gelten als hoch entwickelte Pflanzen. Das beruht darauf, dass es bei ihnen zahlreiche Mittel und Wege gibt wie sie Insekten dazu bringen, ihre Vermehrung zu unterstützen. Manche Orchideen ahmen selbst Insekten nach, um echte Insekten dazu zu bewegen, mit den Blüten zu kopulieren. Bei diesem Vorgang bleiben Pollen an ihnen hängen, und sie fliegen davon, um mit einer weiteren Orchidee zu kopulieren – und dabei verbreiten sie die Gene der Pflanze. Andere verströmen den Geruch von verwesendem Fleisch, der bestimmte Aasfliegen dazu bringt, ihren Pollen zu anderen Blüten der gleichen Art zu transportieren.

Kleine Bienen bestäuben 700 Orchideenarten
Die für die Befruchtung meiner Lycomormium zuständige Bienenart gehört der Gruppe der Prachtbienen (Euglossine) an. Sie sind in Zentral- und Südamerika beheimatet und befruchten mehr als 700 Orchideenarten! Die Prachtbienen sind leuchtend metallisch grün, blau oder bronze gefärbt und meist nicht mehr als 2,5 Zentimeter lang.

Lycomormium ecuadorense ist eine der Orchideenarten, deren Befruchtung vollständig von Prachtbienen abhängt.  Die in Ecuador heimische Orchidee lockt die männlichen Prachtbienen durch einen Duft an. Die Bienen fliegen die Blüten also nicht wegen des Nektars an, wie es andere Bienen üblicherweise tun. Es ist der Geruch, auf den es das Prachtbienen-Männchen abgesehen hat.

Ein zarter Duft überwindet lange Strecken
Die Biene sammelt die Duftsubstanz mit den Vorderbeinen, überträgt sie dann auf ihre spezialisierten Hinterbeine. Beim Einsammeln der Duftsubstanz überträgt die Orchidee ein gelbes, längliches Pollenpaket fest auf die Biene. Und die Encyclopedia Britannica weiß auch, wozu:  

“Die Duft-Chemikalien sind wichtig für die männlichen Prachtbienen, um sich erfolgreich zu vermehren. Denn sie signalisieren den weiblichen Bienen, dass sie gute Ernährer sind und lange genug leben, um viele chemische Substanzen zu sammeln, die von verschiedenen Blüten stammen“.

Sie können sich vorstellen wie begeistert ich war, als ich die blühende Lycomormium vor ein paar Wochen entdeckt habe und den ganzen Befruchtungsprozess beobachten und fotografieren konnte. Geduldig habe ich zwei Wochen lang jeden Tag über mehrere Stunden das Kommen und Gehen der Prachtbienen verfolgt. Erst bei dem Öffnen der allerletzten Blüte, gelang es mir zu beobachten, wie eine Biene das Pollenpaket übernommen hat. Vor meinen Augen verschwand die Biene im Innern der Blüte und kam bepackt mit einem Pollenpaket auf ihrem Rücken wieder heraus – was für ein glücklicher Moment!

INTAG-Berichte

Biene mit Pollenpaket

JANUAR/FEBRUAR 2019 - Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, fragt sich, ob der Autobauer BMW womöglich zur Zerstörung des Waldes in der Intag-Region beitragen wird:

Diese Frage geht zurück auf eine Vereinbarung, die der chilenische Bergbauriese CODELCO und der deutsche Autohersteller BMW 2018 unterzeichnet haben. Diese Abmachung nennt sich „Kooperation für nachhaltigen Kupfer-Abbau“ (auf Englisch: “Responsible Copper Initiative[1]). Laut Information auf der BMW-Webseite[2] setzen sich beide Unternehmen zum Ziel, die Kupferindustrie zu ökologischer und sozialer Verantwortung zu verpflichten. Für mich klingt es eher nach Greenwashing der umweltschädlichen Kupfergewinnung, die selbst vor den unberührten Bergnebelwäldern Ecuadors nicht Halt macht.

Eines steht für mich außer Frage: Die Ziele der BMW-CODELCO-Vereinbarung können niemals erreicht werden, wenn CODELCO in den Wäldern von Intag eine Kupfermine betreiben darf.  Der Bergbau-Konzern treibt hier bereits seit 2014 sein Unwesen. 

Intags lange Naturschutz-Historie
In der Intag-Region setzen sich sowohl Gemeinden als auch diverse Organisationen bereits seit 24 Jahren für den Schutz der lokalen Wälder, der Artenvielfalt und der Wassereinzugsgebiete ein.

Dank erheblicher Unterstützung von Organisationen wie „GEO schützt den Regenwald" und LichtBlick ist es uns während dieser Zeit gelungen, 41 Schutzwälder zu schaffen. Diese sind jetzt in Besitz von Gemeinden und lokalen Regierungen. Die Gemeindewälder umfassen rund 13.000 Hektar (davon mehr als 8.000 Hektar alleine durch die LichtBlick-Kooperation). Sie dienen dem Schutz von Wassereinzugsgebieten, sie schützen Wald höchster Artenvielfalt und sind Rückzugsgebiet von hunderten von bedrohten Tierarten. Während der vergangenen 24 Jahre kamen zwei transnationale Bergbauunternehmen in unsere Region – und mussten sie wieder verlassen. Zu groß war der Widerstand der Intag-Bewohner.

Kein Mangel an Rechtswidrigkeiten
Im Mai 2014 begann eine Tochtergesellschaft von CODELCO, in den Wäldern von Intag nach Kupfer zu suchen.  Das gelang ihnen nur dank der Begleitung durch hunderte Polizisten. Die Suche erfolgte in Waldgebieten, die zwei Gemeinden seit 1999 als Teil einer Ökotourismus-Initiative nutzten.

Kaum hatte die Suche nach dem Kupfer begonnen, zeigten die betroffenen Gemeinden – mit Unterstützung von DECOIN und der Kreisregierung von Cotacachi – Verstöße hinsichtlich fehlender Genehmigungen, Lizenzen und Umweltverträglichkeitsstudien sowie Menschenrechtsverletzungen an. Zur Anzeige gebracht wurde etwa die unrechtmäßige Verhaftung und Inhaftierung eines Gemeindeführers für ein Jahr, die Kontaminierung des Flusses Junín und seiner Nebenflüsse. Weitere angezeigte Verstöße waren illegaler Baumeinschlag, nicht genehmigte Landnutzung und die Beeinträchtigung des Gemeinde-Tourismusgeschäfts. Doch wann immer Gemeinden Gesetzesverstöße anzeigten, lehnten die staatlichen Autoritäten die Klagen ab. Für mich war klar: Das Interesse der Bergbau-Unternehmen war dem Staat wichtiger als die Interessen der Bürger. Doch das änderte sich am 25. Januar 2019.

Ein sehr ungelegener Bericht
An diesem Tag veröffentlichte der Nationale Rechnungshof von Ecuador einen Berichtsentwurf zur Untersuchung in der Llurimagua Minenkonzession. Der Bericht bestätigt, was die Gemeinden seit vielen Jahren angeprangert haben. Doch er bringt noch viel mehr zu Tage. Der Bericht führt unter anderem  Verstöße dutzender staatlicher Institutionen und das totale Fehlen der Reglementierung von Bergbauaktivitäten auf. Fehlende Kontrollen, so der Bericht, ermöglichten der CODELCO-finanzierten Kupfer-Suche unter anderem die Verschmutzung des Flusses Junín, den illegalen Einschlag von Bäumen und die Nutzung von 258 Millionen Litern Wasser ohne Genehmigung. Im Kern verdeutlicht der Bericht, wie unmöglich es für CODELCO sein wird, sich an die Richtlinien des nachhaltigen Kupferabbaus zu halten. Und sollten die Bergbauaktivitäten in Intag weitergeführt werden, so dürfte auch BMW mit groben Verstößen gegen Umweltgesetze und Verletzungen der Menschenrechte in Verbindung gebracht werden.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Berichts war, dass die fehlende Kontrolle zum Abbruch der Aktivitäten hätte führen müssen. Am gleichen Tag als der Rechnungshof seinen Bericht veröffentlichte, geschah die entsetzliche Bergbaukatastrophe in Brumadinho, Brasilien, bei der hunderte Arbeiter und Siedler starben - wohlmöglich auch aufgrund mangelnder Überwachung seitens der Regierung. BMW sollte ernsthaft darüber nachdenken, die Vereinbarung mit CODELCO aufzukündigen.

[1] https://www.bimmertoday.de/2018/01/12/bmw-und-codelco-kooperation-fur-nachhaltigen-kupfer-abbau/

https://www.deutschlandfunk.de/chiles-rohstoffkonzern-codelco-kupfer-mit-gruenem-anstrich.1197.de.html?dram:article_id=420134

[2] https://www.press.bmwgroup.com/global/article/detail/T0277850EN/bmw-group-and-codelco-agree-on-cooperation-to-establish-the-responsible-copper-initiative?language=en

 
INTAG-Berichte

Bergnebelwald in Intag, Ecuador