GEO schützt den Regenwald e.V.

INTAG-Berichte

NEUES AUS DER INTAG-REGION UND ECUADOR

FEBRUAR 2020 - DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla schreibt über das 25-jährige Jubiläum von DECOIN:

Am letzten Tag im Januar 2020 feierte DECOIN, zusammen mit seinen Mitarbeitern und Mitgliedern das 25-jährige Bestehen der Organisation. Wir hatten angesichts der jüngsten Treffen und Foren keine große Beteiligung erwartet und daher 50 Mittagessen und drei kleine Kuchen bestellt. Als 75 Menschen aus ganz Intag auftauchten, war dies mehr als nur eine große Überraschung. Dass sich so viele anlässlich unserer Jubiläumsfeier versammelten, zeigte die Anerkennung, die unsere Organisation nach einem Vierteljahrhundert Arbeit genießt.

Wie alles begann

Die Abkürzung DECOIN steht für Verteidigung und Bewahrung der Ökologie von Intag (Defensa y Conservación Ecológica de Intag). Im Januar 1995 wurde DECOIN in der kleinen Bergstadt Apuela mit dem Hauptziel gegründet, die Wälder von Intag zu erhalten und ein großes Bergbauprojekt zu stoppen. Wir trafen uns in einem Raum neben der katholischen Kirche von Apuela, auf Einladung meines Freundes Geovanny Paz, dem Priester der Kirche. Geovanny und ich hatten rund ein Dutzend anderer Intag-Bewohner zu dem Treffen eingeladen, um zu besprechen, was wir tun könnten, um die Wälder von Intag zu schützen. Geovanny ist jetzt Bischof in einer Nachbar-Provinz, doch er setzt sich noch immer für die Umwelt ein. Die einzige Konstante in all den Jahren ist, dass wir eine sehr kleine Basisorganisation sind, die hauptsächlich von Kleinbauern aus der Intag-Region getragen und unterstützt wird. 1995 gab es nur eine weitere Umweltorganisation in Intag – jene, die ich 1993 in meiner Gemeinde gegründet hatte, deren Fokus sich jedoch auf meine Farm und mein Waldreservat beschränkte. Die Notwendigkeit, die Wälder von ganz Intag zu erhalten, war und ist offensichtlich: Ecuador hatte (und hat) die höchste Entwaldungsrate in Lateinamerika, und die Wälder von Intag waren von diesem Ansturm nicht ausgenommen.

Die Anfänge

Vom ersten Tag an bestand eines der Hauptziele von DECOIN darin, ein großangelegtes Kupfer-Tagebauprojekt zu stoppen. Dieses war in den ursprünglichen Nebelwäldern der Toisan-Bergkette mit ihrer hohen biologischen Vielfalt geplant, etwa 15 Kilometer Luftlinie von Apuela entfernt. Damals wussten nur wenige Menschen überhaupt von der Anwesenheit des japanischen Bergbauunternehmens Mitsubishi in Intag. Denn 1995 gab es nur wenige Pisten (in üblem Zustand) und nur eine Handvoll Telefone in der ganzen Region. Angesichts der Begeisterung von Geovanny und der Bedrohung, die der großflächige Bergbau für unsere Gemeinden, unsere Lebensweise und unsere Umwelt darstellte, war es für uns nicht so schwierig, Anhänger und Unterstützer zu gewinnen.

Ein langer Weg

Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit! Verzeihen Sie mir, dass ich den größten Teil unserer Geschichte überspringe und nur das Wesentliche herausstelle: Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten war unsere Zusammenarbeit mit den Gemeinden so gut, dass wir zunächst das japanische Bergbauunternehmen und später dann ein sehr aggressives kanadisches Unternehmen, Ascendant Copper,  stoppen konnten. Einzelheiten zeigt der Dokumentarfilm „Under Rich Earth". Die Bedrohung gibt es auch heute noch: Aktuell möchte ein anderes Bergbauunternehmen, das Projekt wiederbeleben. Unsere Arbeit ist jedoch nicht nur darauf beschränkt, Bergbauvorhaben zu stoppen. In enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden haben wir eine Reihe von Projekten für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung ins Leben gerufen, von denen einige international gelobt und ausgezeichnet wurden.

Während unserer Feier erzählten Geovanny Paz, DECOIN-Präsidentin Silvia Quilumbango und ich ein paar Geschichten aus der Anfangszeit der Organisation, und gaben dann allen Anwesenden die Möglichkeit, ihre Meinung zu unserer Arbeit zu äußern und Aktivitäten vorzuschlagen, auf die wir in den kommenden Jahren den Fokus legen sollten. Die beiden am meisten gelobten und empfohlenen Aktivitäten waren: Umweltbildung und die Erweiterung der Gemeindewälder.

Bei dem Treffen fiel noch etwas anderes auf, ein Detail, das meiner Meinung nach die 25-jährige Arbeit lohnenswert gemacht hat: Viele Menschen bedankten sich bei uns dafür, dass wir ihnen die Augen für die Bedeutung des Natur- und Umweltschutzes in Intag geöffnet und ihnen dabei geholfen haben, die Bergbauprojekte zu verhindern.

Ich denke, wenn sich genügend Menschen die Bedeutung des Schutzes ihrer eigenen Umwelt zu Herzen nehmen, ist dies der beste Maßstab für den Erfolg, auf den jede Umweltorganisation hoffen kann.

INTAG-Berichte

Januar 2020 - DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla plädiert hier dafür, dass die Natur Rechte erhalten sollte:

Für die meisten Menschen ist der Gedanke, dass die Natur Rechte besitzen könnte, nur schwer vorstellbar. Wie kann etwas, das nicht für sich selbst sprechen kann, Rechte haben? Wie können wir wissen, dass seine Rechte verletzt worden sind? Und wie kann die Natur sich verteidigen, wenn sie keinen Rechtsanwalt damit beauftragen kann?

Das Konzept an sich wird leichter verständlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass Babys und selbst Haustiere, etwa Hunde, Rechte haben. Oder denken Sie daran, dass Sklaven über Jahrtausende als eine Art Tier angesehen wurden, und daher keine Rechte haben konnte.

Entscheidend ist, dass diese Gruppen – ursprünglich als „Dinge“ betrachtet – jetzt als Lebewesen mit gewissen Rechten eingestuft werden.   An dieser Stelle sollte auch nicht vergessen werden, dass die meisten Frauen weltweit erst im vergangenen Jahrhundert das Recht erhielten, zur Wahl zu gehen.

Fortschritte

Ich rede nicht davon, nur süßen Pelztieren Rechte zu verleihen, sondern allen Tieren und auch den Wäldern, Flüssen und anderen Teilen der Natur. Viele indigene Kulturen tun dies auf gewisse Weise bereits seit Jahrtausenden. Die Idee ist, dass ALLE Teile der Natur, besonders aber die lebenden, das Recht haben zu existieren und zu gedeihen, was natürlich auch den Menschen einschließt. Hierzu muss zwischen bestimmten Menschenrechten und denen der Natur ein Gleichgewicht herrschen. Als Begriff bevorzuge ich „das Wohlergehen der Natur“. Jedenfalls stellt die Verleihung von Rechten an die Natur einen Weg zur Erreichung von nachhaltiger Entwicklung dar, und dieser Weg garantiert auch das Überleben des Menschen.

Tatsächlich kann die Anerkennung der natureigenen Rechte der einzige Weg sein, um die durch uns geschaffenen Krisen des Artensterbens und des Klimawandels zu überwinden. Aus praktischer Sicht ist sehr wahrscheinlich, dass auch Orte wie der Hambacher Forst oder die Nebelwälder im Intag besser geschützt wären.

Alte Denkmuster überwinden

Es wird Zeit, eine klare Linie zu ziehen: Bereits seit Jahrzehnten haben Bürger das Recht, in einer gesunden Umgebung zu leben.  Dies ist ein Recht, dem sich auch einige Institutionen und viele nationale Gesetze widmen.

Obwohl die Themen offensichtlich miteinander verknüpft sind, bezieht sich das Konzept der Naturrechte allerdings auf etwas anderes: Dass die Natur Rechte besitzt – und zwar unabhängig davon, ob diese für den Menschen nützlich sind.  2008 wurde Ecuador weltweit zum ersten Land, das die Rechte der Natur in seine Verfassung aufnahm. [1] Tatsächlich erkennt unsere Verfassung an, dass ”die Natur in all ihren lebenden Formen das Recht darauf hat zu existieren, fortzudauern, sowie ihre Lebenszyklen zu erhalten und zu erneuern.  Die Verfassung führt auch das Recht der Wiederherstellung der Natur auf, und sie verleiht dem Menschen die Vollmacht, die Rechte der Ökosysteme einzuklagen. Ein Ökosystem kann selbst als Kläger genannt werden (s. Fußnote).

Die Idee, Mittel und Wege zu finden der Natur selbst Rechte zu verleihen, wurde erstmals 2006 von der US-amerikanischen Nicht-Regierungsorganisation „Community Environmental Legal Defense Fund“[2] (CELDF) vorgeschlagen. Der CELDF half einer Gemeinde in Pennsylvania, Gesetze für die Natur zu formulieren und in die Gemeindestatuten aufzunehmen. Zwei Jahre später unterstützte die gleiche NRO die Regierung von Ecuador, als diese die neue Verfassung ausarbeitete.  Seither haben viele Kommunen und einige Staatsregierungen die Rechte der Natur in die Gesetzgebung aufgenommen, um Flüsse, Gewässer und Wälder zu schützen.  Auch in Deutschland gibt es mancherorts Druck auf lokale Regierungen, die Rechte der Natur anzuerkennen, um die Umwelt zu schützen. [3]

Naturrechte als Werkzeug

Außer als Triebkraft für Veränderungen in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt, stellen die Rechte der Natur – sofern sie in lokale oder nationale Gesetzgebung aufgenommen werden - auch ein wirkungsvolles Werkzeug für den Umweltschutz in den Gemeinden dar.

Genau das hoffen wir im Jahresverlauf in Intag zu erreichen - indem wir den Standpunkt vertreten, dass ein groß skaliertes Bergbauprojekt inmitten des Primärwaldes die Rechte der Natur verletzen würde. Dies gilt insbesondere, da diese Wälder einzigartig und sehr stark bedroht sind und noch dazu ein Dutzend vom Aussterben bedrohter Arten beheimaten, darunter zwei Froscharten, die nur hier und nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen.

Der Kampf wird nicht leicht. Dazu ist das Konzept zu revolutionär, die meisten Richter haben seine Bedeutung noch nicht richtig verstanden. Schlimmer noch, viel zu lange haben sich die Gerichte weltweit daran gewöhnt, die Rechte von Unternehmen und wirtschaftliche Interessen höher anzusiedeln als die Menschenrechte. Nur durch anhaltenden Druck der Zivilgesellschaft werden Gerichte und Nationen zur Vernunft kommen!

[1] https://therightsofnature.org/ecuador-rights/

[2] https://celdf.org/

[3] https://www.rechte-der-natur.de/de/