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Kurz erklärt Haben Zecken einen Nutzen – und wenn ja, welchen?

Zecke hängt an einem Strauch
Zecken machen sich in Deutschland in immer mehr Regionen breit
© Michael Tieck - Adobe Stock
Zugegeben, Zecken haben nicht den besten Ruf. Doch wer die Parasiten aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, stellt fest, wie wichtig Zecken sind, um die Natur im Gleichgewicht zu halten

Sie lauert im Gras, saugt Blut und kann mit ihrem Stich Krankheiten übertragen: Wohl kaum ein Tier ist so unbeliebt wie die Zecke. Der Parasit ist für den Menschen ebenso lästig wie Stechmücken und Läuse – und gefährlich. Expertinnen und Experten zufolge ist die Zecke das gefährlichste Tier Deutschlands, kein Tier verursacht hierzulande so viele Krankheitsfälle wie der Blutsauger.

Wobei genau genommen nicht die Zecke selbst gefährlich für den Menschen ist, sondern die Krankheitserreger, die sie mit ihrem Stich übertragen kann. Die durch ein Virus verursachte FSME und die durch ein Bakterium verursachte Lyme-Borreliose zählen dazu.

Viele Menschen stellen sich deshalb die Frage: Wozu sind Zecken eigentlich gut? Welchen Nutzen haben die Tiere? Man könnte sich die Antwort leicht machen und sagen: Es gibt sie eben einfach. Oder man kann den Blickwinkel verändern und aus Sicht der Biologie auf die Parasiten schauen.

Zecken sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette

In den letzten Jahren haben Forschende immer mehr Hinweise darauf gefunden, dass Zecken offenbar eine entscheidende Rolle im Ökosystem einnehmen. Zum einen sind die winzigen Tiere wie auch weitere Parasiten eine unentbehrliche Nahrungsquelle für andere Lebewesen – Vögel beispielsweise zählen zu ihren größten Fressfeinden. Würde man alle Parasiten auf dem Planeten ausrotten, so würde ein Großteil der übrigen Lebewesen schlicht verhungern.

Dazu siedeln sich manche Pilzarten auf Zecken an, Erdwespen und Fadenwürmer machen die Parasiten überdies selbst zum Wirt und töten sie am Ende sogar.

Zecken halten Populationszahlen im Rahmen

Zecken haben noch einen weiteren Nutzen: Sie helfen dabei, die Bestände von Tieren oder Pflanzen in bestimmten Regionen zu regulieren und sorgen damit für eine natürliche Auslese. Ihr Wirken und Fehlen in einem Ökosystem macht sich immer dann bemerkbar, wenn fremde Arten in neue Lebensräume vordringen, dort auf keine störenden Parasiten treffen und sich deshalb rasant ausbreiten können.

Einen wissenschaftlichen Beweis dafür lieferte vor einigen Jahren ein Forschungsteam um den Biologen Marc Torchin von der University of California. Die Biologinnen und Biologen untersuchten 26 invasive Arten und stellten fest, dass deren invasive Kraft vor allem darauf beruhte, dass sie in den neuen Lebensräumen nicht mit Parasiten zu kämpfen hatten.

Die Neuankömmlinge konnten sich ungehindert ausbreiten, ihre Populationszahlen explodierten. In früheren Lebensräumen waren die Bestände nur deshalb nicht unkontrolliert angewachsen, weil Parasiten wie Zecken ihnen das Leben schwer gemacht hatten.

Zecken beschleunigen die Evolution

Zudem können Zecken als Immunstärker und Evolutionsbeschleuniger wirken. Viele Parasiten sorgen nämlich paradoxerweise dafür, dass das Immunsystem von anderen Lebewesen auf lange Sicht gestärkt wird. Dies kann langfristig einen positiven Einfluss auf die weitere Evolution einer Art haben.

Wenn ein Parasit ein anderes Lebewesen befällt, kann dieses daran zugrunde gehen. Sorgt aber etwa eine zufällige Veränderung des Erbguts dafür, dass sich beispielsweise die körpereigene Abwehr verbessert, so bleibt das Lebewesen trotz des Parasitenbefalls gesund. Dieses Lebewesen lebt weiter, kann sich vermehren und diese positive Erbgutveränderung an die Nachkommen weitergeben, welche dann ebenfalls resistent gegen diesen Parasiten sind.

Aus diesem Grund sollte auch der Mensch Parasiten nicht einfach als lästige Schmarotzer abstempeln. Denn Parasiten halten das Immunsystem der Menschen immer ein wenig auf Trab. Fallen sie weg, hat die körpereigene Abwehr weniger zu tun - und richtet sich im schlimmsten Fall gegen uns selbst.

In westlichen Industrienationen, in denen es wegen hoher Hygienestandards und einer besseren medizinischen Versorgung beispielsweise kaum noch Wurmerkrankungen gibt, zeigt sich gleichzeitig ein Anstieg von Allergien und Autoimmunerkrankungen.

Dennoch stellen Zecken unabhängig von jeglichem Nutzen eine Gefahr für den Menschen dar. Ein Stich der Spinnentiere kann zu schweren Infektionen führen und eingeschleppte Arten, wie die Hyalomma-Zecke, bringen neue Krankheitserreger mit.


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