WWF-Report Der versklavte Planet

Der WWF rechnet vor, dass wir im Jahr 2030 zwei Erden bräuchten, um unseren Ressourcenbedarf zu decken. Über unsere Verhältnisse leben wir schon jetzt. Und nun?Ein Kommentar von Peter Carstens

Wir beuten, das zeigt der jetzt veröffentlichte WWF-Bericht "Living Planet Report 2010", unseren Planeten derart rücksichtslos aus, dass wir, wenn wir wie bislang weitermachen, im Jahr 2030 zwei davon bräuchten. Und im Jahr 2050 sogar fast drei. Gleichzeitig sterben immer mehr Tier- und Pflanzenarten aus. Kaum jemals zuvor hat eine globale Zustandsanalyse gezeigt, wie eng unsere Ressourcen-Nutzung (oder sollte man -Missbrauch sagen?), unser wachsender Wohlstand und die Artenvielfalt auf der Erde zusammenhängen.

Der Mensch fischt die Meere leer, rodet den Regenwald, betreibt auf immer größeren Flächen immer intensiver Landwirtschaft, überfrachtet die Atmosphäre mit CO2. Dabei wächst die Erdbevölkerung auch noch rasant (von heute knapp sieben Milliarden auf rund neun Milliarden Menschen im Jahr 2050) - und stellt immer höhere Anforderungen an die Lebensqualität. Homo sapiens droht das nicht menschliche Leben auf der Erde zu ersticken. Und damit seine eigene Lebensgrundlage.

Mit dem Appell, der in solchen düsteren Szenarien mitschwingt, gibt es zwei Probleme.

Erstens: Er ist, nach Abwägung aller Tatsachen und Unsicherheiten, richtig.

Zweitens: Er wird weitgehend ungehört verhallen. Und das gilt nicht nur für Regierungen, die die erneuerbaren Energien nicht unterstützen, wie sie müssten. Das gilt für jeden einzelnen von uns. Wenn die Orang-Utans bald aussterben - blöd für die, aber inwiefern betrifft mich das? Klimawandel - schön und gut, aber ich finde den Sommer in Hamburg immer noch zu kalt. Und "Verlust von Biodiversität"? Was ist das überhaupt, "Biodiversität"? Hat das was mit Steuerrückzahlungen zu tun?

Die Wahrheit ist, dass unser enormer ökologischer Fußabdruck und der Artenschwund uns alle betrifft. Drei Beispiele:

Der versklavte Planet

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  • Drei Viertel der 100 wichtigsten Kulturpflanzen sind von natürlicher Bestäubung abhängig. Die funktioniert aber nur, wenn viele verschiedene Insektenarten den Job übernehmen.
  • Die Hälfte des Wasser-Fußabdrucks der Deutschen besteht aus Wasser, das in anderen Ländern verbraucht wurde. In einer Tasse Kaffee stecken 140 Liter "virtuelles Wasser". So verschärft unser Konsum die Wasserknappheit in ärmeren Ländern.
  • In Ländern mit niedrigen Einkommen ist die Artenvielfalt am stärksten gesunken: um fast 60 Prozent von 1970 bis 2007. Fatalerweise sind die Menschen in diesen Ländern oft unmittelbar vom Artenschwund betroffen.

Wir leben, das zeigt der Bericht, den der WWF in Zusammenarbeit mit der Zoologischen Gesellschaft London und dem Global Footpront Network erstellt hat, weit über unsere Verhältnisse. Wir, das sind vor allem die Menschen in den einkommensstarken Ländern der industrialisierten Welt. Unser Luxus ist nur geborgt. Unsere Schulden sind schon jetzt horrend. Und anders als in der Geldwirtschaft sind die Schäden, die wir der Natur zufügen, zum Teil nie wieder gutzumachen. Jedes Jahr sterben bis zu 100.000 Arten aus, schätzt der WWF (genaue Zahlen kennt niemand).

Sicher, es gibt in Sachen Artenvielfalt auch Erfolge, gelungene Schutz- und Auswilderungsmaßnahmen. So konnte der Kalifornische Kondor gerettet werden. Oder das Przewalski-Pferd. Doch das verringert nicht den Druck auf die Arten, den der Mensch durch die Zerstörung ihres Lebensraumes aufbaut - vor allem durch die Intensivierung der Landwirtschaft und der damit verbundenen ökologischen Belastung sowie die Abholzung des Regenwaldes.

Für den industrialisierten Menschen ist die Natur seit jeher ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse. Darum fällt es jetzt so schwer, sieben Milliarden Menschen zu vermitteln, warum und wofür sie plötzlich Geld zahlen sollen. Warum Tierarten etwas wert sind, was sich auch in Euro und Yen ausdrücken lässt. Wo die Lücken in den Regalen herkommen. Und warum es Sinn macht, nicht alles auf einmal zu nehmen.

So weit, so düster. Nun werden Umweltschutzorganisationen nicht müde zu betonen, dass es so weit ja nicht kommen muss. Richtig so. Noch können wir das Ruder herumreißen. Die wichtigste Botschaft des WWF-Reports lautet also: Jeder Einzelne kann etwas zu mehr weltweiter Gerechtigkeit und Artenschutz beitragen. Kann mehr ökologische und fair gehandelte Produkte kaufen. Kann auf Flugreisen verzichten, weniger Fleisch essen. Und politischen Druck ausüben.

Denn so viel ist klar: Es kann, im Politiker-Jargon, kein Weiter So! geben. Regierungen und überstaatliche Organisationen müssen sich schleunigst auf verbindliche Ziele einigen. (Wie verzweifelt zäh das ist, war bei der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen zu besichtigen.) Viele Wahlberechtigte haben von Lippenbekenntnissen genug. Politiker müssen sich fragen lassen, was ihr Beitrag zum "Internationalen Jahr der Artenvielfalt 2010" ist. Zum Beispiel auf der UN-Konferenz über die biologische Vielfalt, die im Oktober im japanischen Nagoya stattfand.

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