Naturschutz Grüne Oasen oder riskante Altlasten?

Der Wald bekommt in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit. 2011 ist das Internationale Jahr des Waldes und gerade hat die UNESCO die "Alten Buchenwälder Deutschlands“ auf die Liste des Welterbes aufgenommen. Doch weitgehend unbeachtet bleiben bislang Stadtwälder. Wie geht es den grünen Oasen deutscher Metropolen? In einem Interview erläutert Geograph Michael Dohlen deren Zustand

Herr Dohlen, wie geht es unseren Stadtwäldern?

Viel besser als noch vor 20 oder 30 Jahren! Denn genauso wie sich die ländlichen, überwiegend forstwirtschaftlich genutzten Wälder erholt haben, sind auch unsere Stadtwälder nicht mehr so angegriffen wie in den Achtziger und Neunziger Jahren.

Mit welchen Problemen hatten die Stadtwälder damals zu kämpfen?

Besonders den alten Stadtwaldbeständen, die schon zu Beginn der Industrialisierung angelegt wurden, setzte der saure Regen zu. Nehmen wir den Grunewald in Berlin her: Die Braunkohlekraftwerke in der damaligen DDR stießen stark schwefelhaltige Abgase aus, die mitverantwortlich für den sauren Regen waren. Der schädigte langfristig besonders den Waldboden. Ähnlich war die Situation im Ruhrgebiet: Die großen innerstädtischen Industrie- und Produktionsanlagen besaßen keine ausreichenden Filteranlagen zur Rauchgasentschwefelung. Nach und nach begann man, höhere Schornsteine zu bauen - die das Schadstoffproblem aber nur verlagert haben, zum Beispiel nach Skandinavien. In Deutschland gingen dann zwar die Schadstoffeinträge zurück, aber der saure Regen fiel anderswo.

Grüne Oasen oder riskante Altlasten?

Dr. Michael Dohlen vom Institut für Baustoff-Forschung in Duisburg hat Stadtwälder im Ruhrgebiet untersucht

Ein anderes Problem für die urbanen Wälder war der Hausbrand. Während auf den Dörfern mit Holz geheizt wurde, heizten die Menschen in den Städten oft mit Kohle. Der Qualm reicherte die städtische Luft mit Schwefeldioxid an, das sich in den benachbarten Wäldern festsetze. Durch den Regen wurde der Schwefel dann in die Waldböden gewaschen und versauerte diesen. Blickt man ins Jahr 2011, ist dieses Problem weitestgehend gebannt: Wir halten die Luft durch effektive Filtertechnologien in Kohlekraftwerken und Fahrzeugen viel reiner als früher. So müssen die Stadtwälder viel weniger Schadstoffe aus der Umgebung aufnehmen, und auch der saure Regen ist kein Thema mehr. Die Situation der deutschen Stadtwälder hat sich verschoben: Den ehemaligen Opfern der Industrialisierung geht es heute besser, aber die Böden unter ihnen haben sich an manchen Orten zu bedenklichen Hypotheken entwickelt.

Was bedeutet das?

Mit "Hypothek“ meine ich eine potentielle Gefährdung. Dass die Schwermetalle, die während der Zeit ohne Filteranlagen in die Wälder und damit in die Waldböden eingetragen wurden, zurück in die Luft gelangen, ist auszuschließen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die gespeicherten Schwermetalle mobilisiert und ins Grundwasser gelangen können. Gerade der Boden unter den alten, großen Stadtwäldern wie in Teilen des Bochumer Stadtwaldes ist durch Schwefeleinträge versauert. Schwermetalle können dadurch im Boden gelöst werden und könnten ins Grundwasser gelangen, das eigentlich gerade unter Waldgebieten eine sehr gute Qualität hat.

Weshalb sind eigentlich ausgerechnet die Wälder solche starken Schadstoffempfänger?

Jeder kennt es: Kommt man aus der miefigen Stadt in den Wald, fällt einem sofort - besonders nach einem Schauer - die frische Luft auf. Wälder haben durch die vielen Blätter oder Nadeln eine riesige Oberfläche und wirken so als Filter für die Luft. Ohne die Wälder wäre die Luft in Industrienationen wie Deutschland längst so verschmutzt, dass die Menschen Atemprobleme bekommen würden. Ein Hektar Wald filtert im Jahr bis zu 70 Tonnen Staub aus der Luft! Und wenn es regnet, wäscht der Regen die Stoffe von den Blättern und Nadeln in den Boden ein. So ist die Luftqualität in den meisten Fällen im Wald deutlich besser als in der umliegenden Stadt, viel weniger Staub belastet hier die Luft. Die Stoffe lagern nach dem Regen dann zunächst auf und in der Humusauflage, dann werden sie nach und nach in den Boden eingetragen. Der Prozess spielt sich in allen Stadtwäldern ab.

Grüne Oasen oder riskante Altlasten?

Die Abgase der Braunkohlekraftwerke in der damaligen DDR schädigten den Waldboden im Berliner Grunewald

Müssen wir uns um das Grundwasser Sorgen machen?

Nein, es kann zwar teilweise zu erhöhten Schwermetall-Konzentrationen kommen, aber diese sind meistens lokal sehr begrenzt. Und der Erholungswert der urbanen Wälder ist deutlich gewichtiger als diese potentielle Gefahr. Um den pH-Wert der Böden unter den Stadtwäldern zu erhöhen und Schwermetalle damit zu immobilisieren, wird der Waldboden manchmal gekalkt: Das erhöht die Waldgesundheit und schützt das Grundwasser.

Welche Gefahren sehen Sie neben diesen "Altlasten“ aktuell für die urbanen Wälder?

Momentan haben die urbanen Wälder gerade in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder auch im Ruhrgebiet mit dem Bevölkerungsdruck zu kämpfen: Die vielen Stadtbewohner, die in den "grünen Oasen“ Erholung suchen, laufen oft abseits der Wege und schädigen so die Pflanzen am Boden, manchmal laden sie auch ihre Gartenabfälle im Stadtwald ab. Und Hunde, die ihr Geschäft an den Bäumen verrichten, fördern das Wachstum von Nitrophyten, also von stickstoffliebenden Pflanzen wie Brennnesseln, Brombeeren und Springkraut. Kot und Urin der Hunde tragen übermäßig viel Stickstoff in den Waldboden ein - deshalb verbreiten sich diese Pflanzen viel leichter. Die Entwicklung ist nicht bedrohlich, aber andere Pflanzenarten können sich so schwerer behaupten: Sie werden am Waldboden und Waldrand schlicht verdrängt. Zahlreiche Nitrophyten zeigen an, dass der natürliche Stoffhaushalt des Waldbodens verändert ist.

Einerseits lieben die Menschen die nahen Wälder wegen ihres Erholungswertes, andererseits erdrücken sie sie?

Genau, gerade in Deutschland pflegen wir ein besonders enges Verhältnis zum Wald. Viele deutsche Kindermärchen haben hier ihre Schauplätze, und auf der ehemaligen Fünfzig-Pfennig-Münze pflanzt eine Frau eine Deutsche Eiche. Gesetze zur Luftreinhaltung und die Entwicklung von Filteranlagen wurden vorangetrieben, weil man wusste, dass die Wälder durch ihre vergleichsweise riesigen Oberflächen besonders viele Schadstoffe aus der Luft filtern und speichern können. Unseren Kindern zeigen wir den Wald als Abenteuerspielplatz, und auf uns übt er einen besonderen Erholungsreiz aus. Auf der anderen Seite bekommen wir das Müll- und Hundeproblem nicht in den Griff. Der Bevölkerungsdruck und der Klimawandel sind die großen aktuellen Probleme für unsere Stadtwälder.

Wie reagieren unsere Stadtwälder auf das sich erwärmende Klima?

Die Städte heizen sich im Sommer immer stärker auf, und wenn es mal regnet, sind es häufig sehr starke Niederschlagsereignisse und zunehmend auch Stürme. Besonders die typischen Forstbäume in Deutschland wie Fichten und Buchen haben es da schwerer, sich daran anzupassen. Durch hohe großstädtische Temperaturen am Tag und durch Tropennächte, in denen die Temperaturen auch nachts nicht unter 20 Grad sinken, werden besonders diese Baumarten - und häufig vor allem ältere Waldbestände - schlechter mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Das setzt den urbanen Wäldern stark zu. Pflanzenarten, die nicht in Deutschland heimisch sind, sondern aus den umliegenden Gärten stammen, können sich in den Wald vorwagen, wo sie sich dann ausbreiten. Hinzu kommen auch die durch den Klimawandel neu eingeführten oder eingewanderten Schädlinge und Krankheiten. Wir müssen uns überlegen, welche Baumarten wir in Zukunft pflanzen. Laubbäume, wie z.B. Ahornarten und andere Mischbaumarten könnten mit diesen klimatischen Bedingungen zum Beispiel etwas besser zurechtkommen als die bisherigen Hauptbaumarten.

Klimaveränderungen, nicht einheimische Pflanzen- und Insektenarten schwächen die urbanen Waldökosysteme, diese Faktoren sind aber momentan noch wenig untersucht, da die Stadtwälder überwiegend eine sehr geringe wirtschaftliche Bedeutung haben - sie dienen vor allem der Erholung, aber nicht dem Holzhandel. In einer Pilotstudie in der Schweiz musste vor einiger Zeit jeder Bürger einen fiktiven Betrag zahlen, um den Stadtwald zu betreten - schließlich kostet auch die Waldpflege Geld. Den Erholungswert der urbanen Wälder mit Geld zu bemessen und dadurch ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, ist aus meiner Sicht eine Überlegung wert. Für andere Freizeitaktivitäten in der Natur zahlt man ja schließlich auch gerne.

Interview: Friederike Enke

Stadtwälder sind in ihrem Zustand längst nicht so gut erforscht wie ländliche Wälder, weil ihr Wert wirtschaftlich schlechter zu erfassen ist. Rund drei Prozent der deutschen Wälder wachsen in urbanen Gegenden.

Mit mehr als 8.000 Hektar wächst der größte Stadtwald Deutschlands in Baden-Baden. In der Rangliste der größten deutschen Stadtwälder folgen der Augsburger Stadtwald mit rund 7.000 Hektar, die Dresdner und Rostocker Heiden mit jeweils etwa 6.000 Hektar sowie der Frankfurter Stadtwald mit knapp 4.000 Hektar städtischer Waldfläche. Etwas weiter hinten rangieren der Berliner Grunewald (rund 3.000 Hektar), der Erfurter Steigerwald (rund 800 Hektar) und der Tiergarten in Berlin (rund 200 Hektar).

Neben den in Deutschland vorkommenden Hauptbaumarten wie Buche und Fichte findet man in urbanen Waldgebieten häufig Robinien, da sie durch ihr weit verzweigtes Wurzelsystem Schutthalden, Bahndämme und Straßenränder befestigen können. Zudem haben sie besonders gute stickstoffimmobilisierende Eigenschaften und sind gegen Industrie- und Verkehrsabgase relativ unempfindlich.