Klimawandel Landunter im Paradies

Schon heute bekommen kleine Inselstaaten die Folgen des Klimawandels zu spüren. Einige von ihnen könnten in den kommenden Jahrzehnten unbewohnbar werden

Malediven, Samoa, Fidschi, Palau - bei Bewohnern nördlicher Breiten wecken solche Namen die Vorstellung von türkisblauem Meer, endlosem, weißen Sandstrand, Kokospalmen. Doch diese Bilder könnten bald verschwimmen. Die Inselparadiese sind in Gefahr. Im vergangenen Jahr sorgte der Präsident der Malediven, Mohamded Nasheed, für Aufsehen mit einer Ankündigung: Er wolle Land in Indien, Sri Lanka oder Australien kaufen - als neuen Lebensraum für sein knapp 400.000 Einwohner zählendes Volk.

Auch wenn es sich dabei lediglich um einen medienwirksamen Hilferuf gehandelt haben soll: Die Bedrohung ist real. Durch den Treibhauseffekt und die Erderwärmung schmilzt das Eis der Polregionen, der Meeresspiegel steigt - im schlimmsten Fall bis zu zwei Meter bis zum Ende des Jahrhunderts. Von der höchsten Erhebung der Malediven, auf der Insel Villingili, würden dann gerade mal 40 Zentimeter aus dem Wasser ragen. Der überwiegende Teil der 1196 Malediven-Inseln ist nur etwa einen Meter hoch.

Doch schon heute kämpfen viele der kleinen Inselstaaten rund um den Äquator mit den vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels. "Der Anstieg des Meeresspiegels führt dazu, dass das Grundwasser versalzt", sagt Conchitta Paul, die Leiterin des Klimawandel-Projekts der Regierung von Kiribati. Auf den niedriger gelegenen der 33 Inseln werde es immer schwieriger, Landwirtschaft zu betreiben. Auch das Trinkwasser werde mancherorts knapp. Schon in wenigen Jahrzehnten, glauben Forscher, könnte das gesamte Atoll unbewohnbar werden - weil es dann kein Trinkwasser mehr gibt. Tuvalu droht ein ähnliches Schicksal.

Landunter im Paradies

Im November 2009 kam es auf der Kiribati-Insel Tarawa nach heftigen Stürmen zu Überschwemmungen

Auch das Wetter hat sich schon heute spürbar verändert: Hurrikane und Zyklone nagen an den Küsten, Strände werden abgetragen, kostbarer Erdboden fortgespült. "Die Stürme werden häufiger und heftiger", sagt Alexander Tama Henry, der auf den Cook-Inseln für die Regierung die Entwicklung erneuerbarer Energien vorantreibt. "Vor ein paar Jahren hatten wir etwa fünf Wirbelstürme in einer Saison. Jetzt sind es manchmal zwei in einer Woche."

"Stürme werden häufiger und heftiger"

Conchitta Paul und Alexander Tama Henry sind Teil einer sechsköpfigen Delegation der Association of Small Island States (AOSIS), einer Interessengemeinschaft kleiner Inselstaaten, die sich auf Einladung des Auswärtigen Amtes über deutsche Klimapolitik informieren soll. Sie alle eint, dass sie in den am stärksten vom Klimawandel bedrohten Regionen leben, ohne den entfesselten Naturgewalten großräumig ausweichen zu können. Rund die Hälfte der acht Millionen Pazifik-Insulaner lebt an Küsten, die von fortschreitender Erosion bedroht ist, schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP). Neben den Atollen der Malediven und Tuvalus sind die 33 Koralleninseln Kiribatis besonders vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen. "Die Hälfte der Bewohner hier lebt auf dem schmalen Streifen des Hauptatolls, der nur zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt", sagt Conchitta Paul.

Die Südsee-Delegation ist an einem trüb-kalten Novembertag zu Besuch im Hamburger Climate Service Center (CSC). Vor dem Mittagessen gibt es einen Vortrag über klimabedingte Migration. In der Pause, bei Kaffee und Gebäck, prallen im Austausch mit den Mitarbeitern des CSC Theorie und Praxis des Klimawandels aufeinander. Anschließend steht ein Besuch im Deutschen Klimarechenzentrum auf dem Programm, wo Supercomputer die Konsequenzen menschlichen Tuns errechnen. Die AOSIS-Vertreter sind gekommen, um sich zu informieren. Nicht um anzuklagen. Dabei hätten sie dazu allen Grund.

Während die 39 AOSIS-Staaten nach Angaben des World Resources Institute nur für rund 0,5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind, bekommen sie die Folgen der globalen Luftverschmutzung als Erste zu spüren. Und am heftigsten.

Nicht nur der Anstieg des Meeresspiegels ist ein Problem, sondern auch die Erwärmung des Meerwassers. Forscher vermuten, dass schon geringfügige Temperaturschwankungen für das Korallensterben mitverantwortlich sind. Das belastet einige Inselstaaten gleich doppelt. Zum einen hat die so genannte Korallenbleiche schwerwiegende Folgen für das ganze Ökosystem und die Nahrungskette. In toten Korallenriffen gibt es weniger Nahrung für größere Fische. Immer öfter bleiben die Netze der Fischer leer. Und das in einer Region, in der der Fischfang für viele Menschen Lebensgrundlage ist.

Zum anderen sind bunte Korallenriffe und eine intakte Unterwasserwelt für viele Inseln eine wichtige Touristenattraktion. Als vor zwölf Jahren Palau ein Drittel seiner Korallenriffe durch eine Korallenbleiche verlor, sank der Tourismus-Umsatz um neun Prozent.

Hoffnungsträger Deutschland

Auch die sozialen Strukturen auf den Trauminseln könnten durch den Klimawandel einer Belastungsprobe ausgesetzt werden. So warnt die Londoner NGO International Alert, dass sich in Kiribati, Fidschi, Vanuatu und Papua Neuguinea soziale Spannungen verstärken könnten. Menschen werden gezwungen sein, in höher gelegene Siedlungen oder Städte abzuwandern, Raum, Ressourcen und Arbeitsplätze könnten knapp werden. "Sicherheitspolitische Konsequenzen" des Klimawandels fürchtet mittlerweile sogar der UN-Sicherheitsrat. In einer gemeinsamen Erklärung aller 15 Mitgliedsstaaten vom Juli 2011 heißt es, die Nahrungsmittelsicherheit in den pazifischen Inselstaaten sei bedroht, es könne zu Migration, Verteilungskämpfen oder Unruhen kommen.

Unterdessen versuchen die Inselbewohner, sich an die veränderten Verhältnisse anzupassen, so gut es geht. "In einigen Gegenden, wo der Reisanbau wegen des versalzenen Grundwassers nicht mehr möglich ist, züchten wir nun Shrimps", erzählt Keshwa Nand Reddy vom Landwirtschaftsministerium der Fidschi-Inseln. Doch die Möglichkeiten der Adaption sind begrenzt. "Dass der Klimawandel ein Problem ist, haben 70 Prozent unserer Leute verstanden", sagt Toelau Viliamu Iulio vom Samoa Climate Change and Sea Level Rise Project. "Aber ihnen fehlen einfach die Mittel, sich anzupassen. Wir brauchen finanzielle und technologische Unterstützung."

Trotz aller Alarmsignale: Noch geben die Inselstaaten ihr Engagement für einen wirksamen Klimaschutz nicht auf. Sie drängen bei den Industrienationen weiter auf eine verbindliche Begrenzung von CO2-Emissionen, um in letzter Sekunde doch noch das Schlimmste abzuwenden. Doch ihr Hebel ist kurz. Vor zwei Jahren, auf dem Klimagipfel in Kopenhagen, scheiterte die Delegation von Tuvalu spektakulär mit der Forderung, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten zu begrenzen. Ihr Antrag wurde gar nicht erst verhandelt. Am Ende einigte man sich auf maximal zwei Grad - unverbindlich. Und selbst dieses weniger ambitionierte Ziel wird die Weltgemeinschaft verfehlen, sagen Experten. So bleibt den Insulanern nicht viel mehr, als mit gutem Beispiel voranzugehen. Die Malediven kündigten an, bis 2020 CO2-neutral zu sein.

Große Hoffnung setzen die AOSIS-Delegierten auf Deutschland. Sie sehen die Industrienation in der Vorreiter- und Führungsrolle bei der Einführung erneuerbarer Energien und im Kampf gegen den Klimawandel. "Ich bin sehr glücklich, dass Deutschland sich so anspruchsvolle Ziele setzt", sagt Secilil Eldebechel, Vorsitzender des Finanzausschusses im Kongress von Palau. "Wenn es die erreicht, wäre das eine wichtige Botschaft an den Rest der Welt".

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