Die Welt retten mit Facebook

Bücher über den Klimawandel gibt es zuhauf. Weit weniger Beachtung finden moderne Klimaretter, die mit Hilfe von sozialen Netzwerken in Windeseile Allianzen schmieden. Daniel Boese traf solche Menschen in aller Welt. Und schrieb ein Buch über eine neue, mächtige Umweltbewegung: "Wir sind jung und brauchen die Welt"

Dein Buch heißt im Untertitel "Wie die Generation Facebook den Planeten rettet". Ist das nicht ein bisschen großspurig?

Ein kleines bisschen, vielleicht. Klar ist aber: Wenn diese Generation es nicht schafft, das Ruder herumzureißen, dann ist er wirklich nicht mehr zu retten. Und das ist unfair, denn unsere Generation muss den Dreck wegräumen, den die vorangegangenen zwei Generationen hinterlassen haben.

Ist das mit dem Retten also Wunschdenken?

Nein. Ich beschreibe die Anfänge einer neuen politischen Bewegung, die ihre ersten Erfolge verbuchen kann. Aktivisten haben in den USA eine große Pipeline von Kanada nach Texas verhindert. In England haben sie die dritte Landebahn in Heathrow verhindert, ein milliardenschweres Bauprojekt. 350.org, das Netzwerk der internationalen Klimabewegung, hat es geschafft, 15.000 Events in 193 Ländern zu veranstalten, also in allen Ländern der Erde - außer Nordkorea.

Die Welt retten mit Facebook

Daniel Boese ist Online-Redakteur beim Kunstmagazin Art und freier Autor

Die Welt retten mit Facebook

Im Januar 2012 protestieren Menschen vor dem Kapitol in Washington gegen eine Öl-Pipeline. Koordiniert war die Aktion von 350.org

Du bist um die ganze Welt gereist, um mit Klimaschutz-Aktivisten zu sprechen. Wer von ihnen hat dich am meisten beeindruckt?

Zu den eindrucksvollsten Menschen gehören sicher Deepa und Kartik. Diese beiden jungen Inder haben es in eineinhalb Jahren geschafft, Tausende junge Inder in ihrem Indian Youth Climate Network zusammenzubringen. Und sie haben eine sehr lautstarke Delegation zum Klimagipfel nach Kopenhagen geschickt. Das fand und finde ich aufsehenerregend.

Du hebst die Rolle des Internets und der Social Media hervor. Was ist aus deiner Sicht eine besonders gelungene Aktion von Umweltaktivisten, die nur durch das Internet möglich wurde?

Das sind sicherlich die weltweiten Aktionstage von 350.org. 350 ist wohl die wichtigste Zahl der Welt ...

Warum das?

Weil das Niveau des Kohldioxids in der Luft wieder auf 350 ppm - also parts per million - gesenkt werden muss. Zur Zeit stehen wir bei 390 ppm, Tendenz steigend. Sie haben dazu einen Aktionstag geplant, nicht an einem zentralen Ort, sondern in jedem Land der Welt. Jeder, der mitmachen wollte, hat etwas organisiert. Dann haben sie im Internet die Fotos von den Events eingesammelt. Und so die Bewegung sichtbar gemacht. CNN nannte es den "größten Tag politischer Aktion in der Geschichte des Planeten". So eine Aktion hätte vor 30 Jahren nicht einmal Greenpeace geschafft. Heute schaffen das sechs College-Studenten.

Die Welt retten mit Facebook

Daniel Boese

Wir sind jung und brauchen die Welt

oekom-Verlag, 2011

Bei aller Globalisierung: Welche Unterschiede im Umgang mit dem Klimaschutz-Thema hast du in verschiedenen Ländern festgestellt?

In Europa ist man schnell auf der politischen Ebene, es geht vor allem um erneuerbare Energien. In Indien ist man in manchen Gegenden, zumindest technologisch, nicht weit von der Steinzeit oder dem Mittelalter entfernt. Da geht es darum, wie man überhaupt Elektrizität in kleine Dörfer bringt. Und es geht immer auch um Nahrung und Wasser: Gibt es eine Dürre, kommt der Monsun? In Afrika ist das ähnlich. In China ist die Situation wieder anders. Das chinesische Jugendnetzwerk ist sehr aktiv, aber sie sagen ganz klar, dass sie keine Aktivisten sind. Diese Generation ist über facebook mit der halben Welt verbunden, muss aber trotzdem noch durch die schwierige politische Situation im eigenen Land navigieren. Der politische Wandel wird immer mitgedacht, aber niemals ausgesprochen.

Wie bist du eigentlich um die Welt gereist, klimaschonend mit dem Tretroller?

In Europa bin ich viel mit dem Zug gereist, aber natürlich bin ich auch geflogen. Das ließ sich bei meinem knappen Zeitplan nicht vermeiden ...

Wirklich?

Es gibt in meinem Buch auch Beispiele von jungen Aktivisten, die anders unterwegs sind. Die sind mit dem Zug von Australien bis nach Kopenhagen gereist. Oder mit dem Fahrrad durch halb Asien. Aber das sind einzelne Experimente. Es ist nicht so, dass alle in der Bewegung das Fliegen aufgegeben haben. Und das ist ja auch das Zynische, das in dieser Frage steckt: Niemand meckert über Ferienflüge, aber sobald man sagt, dass man sich für das Klima interessiert, oder dass man die Notwendigkeit sieht, zu handeln, dann wird oft erwartet, dass man auf alles Mögliche verzichtet oder moralisch einwandfrei handelt. Dabei fällt unter den Tisch, dass wir dem Klimawandel nicht gerecht werden, indem wir alle auf unsere Ferienflüge verzichten. Sondern nur dadurch, dass es klare politische und wirtschaftliche Anstrengungen gibt.

Werden die klassischen Umweltschutz-Organisationen überflüssig, wenn jetzt jeder seine eigene Aktion organisiert?

Das nicht, aber in den USA ist sehr gut zu sehen, was die Bewegung geschafft hat. Sie hat nämlich den großen Umwelt-NGOs einen Tritt in den Hintern versetzt. Die NGOs haben dort sehr viel Lobbyarbeit geleistet und versucht, Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Das passte den jungen Aktivisten nicht. Mit ihrem direkten zivilen Ungehorsam haben sie Kohlekraftwerke, Minen und eine gigantische Pipeline verhindert. Das war die größte Aktion von zivilem Ungehorsam in den USA seit 30 Jahren. Die Aktivisten sind dabei von Greenpeace und anderen unterstützt worden. Und das garantiert nur, weil ihnen da sehr viele junge Aktivisten zwischen 20 und 25 gesagt haben: Wenn wir das nicht so machen, dann gehen wir hier unter.

Wenn man das Buch liest, könnte man meinen, dass sich nur junge Menschen um Umwelt und Klima sorgen. Täuscht der Eindruck?

Ja. Ich denke, es geht eher um Allianzen zwischen Jung und Alt. Es ist ja nicht so, dass der Klimawandel ein total neues Problem ist. Viele der jungen Aktivisten arbeiten mit den älteren Pionieren zusammen. Beispiel 350.org: Das sind sechs College-Studenten und ein fünfzigjähriger Autor, Bill McKibben, der eines der ersten Bücher über den Klimawandel schrieb. Da kommen das Wissen und die Erfahrung der Älteren zusammen mit der Energie der Jungen - und deren Verständnis dafür, wie man die sozialen Netzwerke nutzt.

Welche Konsequenzen hast du selbst aus der Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel gezogen?

Ökostrom hatte ich vorher schon. Jetzt fahre ich keine Vespa mehr, sondern Fahrrad. Ich bin "Wochentagsvegetarier". Das sind so die ganz kleinen Klimaschutzmaßnahmen des Alltags. Aber das ist ein Thema, das mich nicht mehr loslässt. Darüber werde ich noch sehr lange schreiben.