Biodiversität Vom Verschwinden der Arten

Warum gibt es keinen Elfenbeinspecht mehr, keinen Riesenalk, keine Stellersche Seekuh, keinen Tasmanischen Beutelwolf? Das fragte sich der Biologe und Autor Lothar Frenz - und fand lehrreiche, oft unterhaltsame, manchmal erschütternde Antworten. Wir sprachen mit ihm über sein neues Buch, "Lonesome George"

Herr Frenz, welches Tierschicksal hat Sie persönlich besonders berührt?

Besonders spannend finde ich das Schicksal von Martha, der Wandertaube. Wandertauben galten noch um 1800 als häufigste Vogelart Nordamerikas. Schwärme von Milliarden Tieren zogen durch das Land und verdunkelten tagsüber den Himmel. Doch dann wurden sie so lange zusammengeschossen, bis nur noch ein einziges Exemplar dieser Art übrig war: Martha. 1914 starb sie im Zoo von Cincinnati als Berühmtheit.

Auch die anderen Tierarten, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, wurden zufällig, aus Dummheit oder sogar mit Absicht vom Menschen ausgerottet. Dennoch klagen Sie nicht an. Wie schafft man es als Autor, so distanziert zu bleiben?

Das ist meine Erzählhaltung. Ich wollte von Anfang an kein trauriges Buch schreiben. Sondern ein spannendes. Ich wollte einfach neugierig diese Geschichten verfolgen und mich dabei fragen: Warum sind diese Arten eigentlich verschwunden? So bin ich auf immer größere, komplexe Zusammenhänge gestoßen. Das hat mit Landschaften zu tun, mit vielen anderen Arten, mit der Geschichte der Erde und auch mit vielen kulturellen Dingen. Faszinierend finde ich beispielsweise, dass man anhand der Geschichte einer kleinen Laus das Schicksal der nordamerikanischen Mammuts und Säbelzahntiger und damit die Naturgeschichte eines Kontinents nacherzählen kann ...

Vom Verschwinden der Arten

Biologe und Buchautor: Lothar Frenz

Vom Verschwinden der Arten

Noch wird nach den letzten wild lebenden Elfenbeinspechten gefahndet. Wahrscheinlich ist jedoch, dass nur noch ausgestopfte Exemplare existieren - wie dieses an der Universität von Nebraska

Sie meinen Colpocephalum californici ...

Das war ein kleiner Federling, eine Laus, die Anfang der 80er Jahre ausgerottet wurde – ironischerweise bei einem ansonsten äußerst erfolgreichen Artenschutzprojekt. Denn diese Laus lebte wie viele andere Parasiten auch nur auf einer bestimmten größeren Tierart, in diesem Fall dem Kalifornischen Kondor. Zu Eiszeiten war dieser Aasfresser weit über Nordamerika verbreitet und ernährte sich von toten Mammuts und Langhorn-Bisons. Nach dem Aussterben der Megafauna gab es an der Pazifikküste zwar immer noch genug Kadaver von Walen und Robben, von denen sich der Kondor ernähren konnte. Doch dann jagte der Mensch die Meeressäuger bis an den Rand der Ausrottung. Als im zwanzigsten Jahrhundert auch noch Landwirtschaft und Rinderzucht intensiviert wurden, stand der große Vogel zu Beginn der 1980er Jahre kurz vor dem Aussterben. Naturschützer fingen die verbliebenen 30 Exemplare ein, um sie in Zoos zu vermehren. Zur optimalen medizinischen Versorgung gehörte auch, dass die Tiere von Parasiten befreit wurden. So haben die Naturschützer unabsichtlich zur Ausrottung dieser kleinen Laus beigetragen, die dem Kondor im Übrigen gar nicht geschadet hatte. Denn sie ernährte sich nur von abgestorbenen Haut- und Gefiederteilen.

Die meisten "öffentlichkeitswirksamen" ausgestorbenen Arten sind relativ groß und irgendwie sympathisch. Das kann man von dieser Laus nicht behaupten. Wer entscheidet eigentlich, was schützenswert ist und was nicht?

Natürlich sind die Entscheidungsgründe, warum wir die eine Art schützen und die andere nicht, sehr subjektiv. Wir behandeln nicht alle Arten gleich. Und natürlich setzen wir uns besonders für den Schutz von Panda oder Orang-Utan ein, weil es charismatische Tiere sind. Hinzu kommt: Man kann nur schützen, was man kennt. Als die Naturschützer den Kalifornischen Kondor retteten, hatte man noch nicht das Bewusstsein dafür, dass solche Tiere ihre eigenen Arten beherbergen. Das ist heute anders. Man weiß heute auch, dass selbst das Verschwinden kleiner, unscheinbarer Spezies große Konsequenzen für ganze Lebensgemeinschaften haben kann.

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Zum Beispiel?

Würden in südamerikanischen Regenwäldern die Euglossa-Bienen verschwinden, gäbe es keine Paranüsse mehr. Denn nur die Weibchen dieser Wildbienen können in die Blüten der gewaltigen Paranuss-Bäume eindringen und die bestäuben. Weil diese Bienen aber einzeln und nicht in großen Völkern leben, "parfümieren" sich die Euglossa-Männchen mit dem Duft der Gongora-Orchidee ein, damit sich die Geschlechter im riesigen amazonischen Wald überhaupt finden. Diese Orchideen wiederum wachsen oft weit entfernt von blühenden Paranüssen auf ganz anderen Baumarten. Ohne diese Bienen, ohne diese Orchideen gäbe es keine Paranüsse - eines von vielen Beispielen für die komplexen Artennetzwerke der Natur. Und eines, das überdies noch von großer ökonomischer Bedeutung ist.

Vom Verschwinden der Arten

Lothar Frenz

Lonesome George

Gebunden, 352 Seiten

Rowohlt Verlag Berlin

19,95 Euro

Als in diesem Sommer Ihr Buch erschien, starb der Held Ihres Buches, Lonesome George, der letzte Vertreter einer Unterart der Galápagos-Riesenschildkröte. Hat die Welt sich dadurch verändert?

Einerseits, ja. Sie hatte sich schon vorher verändert. Denn er war ja schon seit vielen Jahren der letzte lebende Vertreter der Riesenschildkröten-Unterart der Insel Pinta. Die "Verwandten von Lonesome George", von denen gerade oft die Rede ist, sind Kreuzungstiere, deren Erbgut bestenfalls zur Hälfte von Pinta-Schildkröten abstammt. Aber mal abgesehen davon, dass Lonesome George ein charismatisches Tier war, dass er weltweit als Naturschutzikone populär war: Die Welt geht weiter ihren Gang, das muss man einfach so sagen. Für mich als Biologen besteht die Bedeutung von Lonesome George auch darin, dass Darwin anhand der Unterschiede der Riesenschildkröten der verschiedenen Galápagos-Inseln seine Evolutionstheorie entwickelt hat - indem er beschrieb, wie und warum sich diese Unterschiede herausgebildet hatten.

Biologen, die sich mit seltenen Spezies befassen, haben oft etwas Schrulliges an sich. Welcher Forscher hat Sie am stärksten beeindruckt?

Ich musste beim Schreiben oft an Don Merton denken, einen Naturschützer aus Neuseeland, den ich mal besucht hatte. Er hatte schon mehrere Vogelarten vor dem Aussterben gerettet, unter anderem den Trauerschnäpper von den Chatham-Inseln. Dort gab es nur noch vier Männchen und ein einziges Weibchen. Sobald es anfing zu brüten, nahm Merton ihm die Eier weg und schob sie nahe verwandten Vogelarten unter, die auf der gleichen Insel lebten. So legte das Weibchen nicht nur zwei Eier pro Jahr, sondern bis zu sechs. Die Population wuchs relativ schnell wieder an. Gleichzeitig war Don Merton ein Spezialist im Ausrotten von Arten. Denn er hat Methoden entwickelt, um Ratten, Kaninchen, Ziegen auf Inseln zu bekämpfen, auf denen sie ausgesetzt worden waren und andere Tierarten verdrängt hatten. Er machte immer wieder deutlich, dass wir Menschen diejenigen sind, die zum Ausrotten von Arten beitragen - und dass wir es in der Hand haben, zumindest zum Teil, zu sagen, wie diese Erde aussehen soll.

Was halten Sie denn von der Idee, ausgestorbene Tierarten zu klonen?

Das ist faszinierende Science-Fiction. Jeder würde gerne mal ein Mammut herumstapfen sehen oder den Beutelwolf. Aber verlorene Tierarten wiederzuerwecken, hat noch nie wirklich geklappt. Es ist so aufwendig, mühselig und teuer, dass man das Geld und die Mühe doch lieber darauf verwenden sollte, die Tiere zu bewahren, die es heute noch gibt und die selten sind. Da hat man einen viel größeren Effekt.

Wenn Sie als Biologe einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen gründlicher überlegen, welche Folgen ihr Handeln hat. In der Natur ist alles miteinander vernetzt, und oft werden die möglichen Konsequenzen eines Eingreifens zu wenig bedacht. Darauf hinzuweisen, ist auch ein Ziel meines Buches.

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