Fischerei Königliche Dominanz

Ob es um die Fischerei vor Afrika geht oder die aktuelle Politik in Brüssel – kein Land beeinflusst die EU-Fischereipolitik so sehr wie Spanien. Das hat viele Gründe

Kein Land ist in der EU-Fischerei so mächtig und wichtig wie Spanien. Der südeuropäische Staat führt alle Listen an, egal, ob es um die größten Fangkapazitäten oder die meisten Arbeitsplätze geht: Fast 36.000 Menschen arbeiten in der spanischen Fischereiindustrie. Das erklärt, warum sich Madrid im Brüsseler Ministerrat besonders oft querstellt. Spanien ist auch die Drehscheibe des europäischen Fischereihandels; Großunternehmen wie Pescanova beherrschen den EU-Markt. Und kein Land fischt öfter vor fremden Küsten. Meist ist Spanien an den Fischereiabkommen beteiligt, die die EU vor allem mit afrikanischen Ländern geschlossen hat.

Spanische Fischereilobbyisten arbeiten in Brüssel an vorderster Front, und der südeuropäische Staat empfängt auch die meisten Subventionen: Zwischen 2000 und 2006 ging fast die Hälfte der EU-Fischereigelder nach Madrid; von 2007 bis 2013 sind es über eine Milliarde Euro - mehr als doppelt so viel wie jeder andere EU-Staat.

Greenpeace hat 2011 in einer Studie untersucht, wie die Gelder verwendet werden und kommt dabei zu harten Schlüssen. Besonders heben die Umweltschützer die Rolle des galizischen Familienkonzerns Vidal hervor, der von 2002 bis 2009 mehr als 16 Millionen Euro EU-Gelder bekommen haben soll. „Und dies, obwohl er wiederholt Gegenstand internationaler Ermittlungen wegen illegaler, unregulierter oder undokumentierter Fischerei, Fangquotenüberschreitungen oder Fälschung von Fangaufzeichnungen war“, schreibt der Verband. Die spanischen Behörden seien trotz internationalen Drucks tatenlos geblieben.

Historische Vorherrschaft

Die spanische Dominanz zieht sich durch die gesamte Geschichte der EU-Fischereipolitik - angefangen bei dem Sektionschef in der Kommission, den die Spanier nach ihrem EU-Beitritt 1986 direkt feuerten, um eigene Leute zu installieren, bis hin zu einem dänischen Beamten, der 2003 an Plänen zur Reduzierung der EU-Fangflotte arbeitete. Als seine Ideen publik wurden, hatte er sofort mehrere spanische Politiker gegen sich. Es gab einige Telefonate von Madrid nach Brüssel, wie die ZEIT berichtete. Schließlich rief der damalige Premier José María Aznar bei EU-Kommissionspräsident Prodi an. Am nächsten Tag musste der Däne seinen Hut nehmen.

Die Aufregung, die geplante Fischereireformen in Spanien, aber auch in Frankreich auslösen, ist aus der Ferne oft nur schwer zu verstehen. Den großen Widerstand können Studien zur Streik- und Gewerkschaftskultur in Europa erklären: In Spanien und Frankreich ist längst kein so kooperatives Verhältnis zwischen Unternehmen und Arbeitnehmervertretungen entstanden wie im konsensorientierten Deutschland mit all seinen Gesetzen, Gremien und Gruppen für den stillen Interessensausgleich - von Betriebsräten über Flächentarife bis hin zu großen landesweiten Gewerkschaften. In südeuropäischen Ländern fehlen solche Scharniere, ist das Ventil die Straße, wo schnell gestreikt wird. Oder die Häfen, in denen Fischer Fähren an der Ausfahrt hindern oder gleich die ganze Anlage blockieren.

Diese Protestkultur mag die südeuropäische Fischereipolitik und ihre gesellschaftlichen Hintergründe etwas besser erklären - zusammen mit dem Blick darauf, welche Rolle die Fischerei für die Kulturgeschichte der Staaten über Jahrtausende gespielt hat. Und noch bis heute als Tourismusfaktor und Identitätsmoment spielt.