Earth Hour Die Schattenseiten des Lichts

Zur Earth Hour 2013 gingen wieder weltweit die Lichter aus. Gut so!, sagt Merle Pottharst von der TU Berlin. Sie erforscht die Kosten der Lichtverschmutzung in den Städten

GEO.de: Frau Pottharst, Sie untersuchen den Nutzen und die Kosten des Lichts. Was steht denn auf der Haben-Seite?

Merle Pottharst: Licht ermöglicht nicht nur die 24-Stunden-Gesellschaft, also die Ausdehnung unserer Aktivitäten und Berufstätigkeit in die Nacht. Es verschönert auch das nächtliche Bild der Stadt, erzeugt ein Image. Außerdem steigert es die Verkehrssicherheit. Das lässt sich an Unfallzahlen ablesen. Auch das subjektive Gefühl der Sicherheit auf beleuchteten Straßen lässt sich zumindest theoretisch beziffern - indem man Menschen fragt, wie viel Geld sie für Beleuchtung im öffentlichen Raum auszugeben bereit wären.

Welche Kosten stehen dem gegenüber? Stromkosten?

Lichtverschwendung, also der Einsatz von Licht über das notwendige Maß hinaus, hat noch weiter reichende Auswirkungen. So nimmt zum Beispiel in den Städten die Sichtbarkeit des Sternenhimmels ab. Astronomen müssen für ihre Beobachtungen in immer entlegenere Gebiete reisen. Ganze Sternwarten werden verlegt. Es gibt inzwischen einen wachsenden Markt für Reisen in die Dunkelheit. Immer mehr Leute reisen in abgelegene Regionen, um den Sternenhimmel beobachten und erleben zu können ...

Die Schattenseiten des Lichts

Die Diplom-Geografin Merle Pottharst arbeitet im interdisziplinären Forschungsverbund "Verlust der Nacht"

... ein Luxusproblem. Macht Licht den Menschen auch krank?

Wir haben uns verschiedene Untersuchungen angeschaut. Die Effekte sind sehr vage, denn zur Entstehung von Krankheiten tragen fast immer mehrere Faktoren bei. Immerhin weiß man, dass in der Dunkelheit der Nacht das Hormon Melatonin produziert wird. Das Melatonin spielt eine wichtige Rolle bei der Unterdrückung von Krebszellen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Krankenschwestern, die Nachtdienst in hellen Räumen hatten, weniger Melatonin bildeten.

Wie reagiert die Tierwelt auf Lichtverschmutzung?

Bei den nachtaktiven Fledermäusen etwa gibt es Arten, die von nächtlicher Beleuchtung profitieren, indem sie die Insekten jagen, die sich vor den Lichtquellen sammeln. Andere Arten dagegen meiden das Licht. Darunter auch solche, die, etwa in Mittel- und Südamerika, wichtige Ökosystemdienstleistungen erbringen, indem sie Pflanzen bestäuben. Künstliche Lichtquellen können also ganze Ökosysteme durcheinanderbringen.

Täuscht der Eindruck, oder gibt es einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Lichtverschmutzung?

Eindeutig, ja. Das hat unter anderem mit dem Rebound-Effekt zu tun. Leuchtmittel werden immer effizienter, dadurch wird Licht immer günstiger. Der Geldbetrag, den man sparen könnte, wird aber aufgewendet für noch mehr Licht. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts mit dem Anwachsen der nächtlichen Beleuchtung einhergeht. Anhand von Satellitenfotos lässt sich das gut beobachten.

Am kommenden Samstag ist wieder Earth Hour. Eine Stunde lang sollen wir das Licht ausschalten, werden öffentliche Gebäudebeleuchtungen abgestellt. Was halten Sie von der Aktion?

Die Earth Hour soll ja in erster Linie für die Themen Stromverschwendung und Lichtverschmutzung sensibilisieren. Dieses Ziel erreicht sie auch – unter anderem dadurch, dass mittlerweile viele Städte und Gemeinden weltweit mitmachen.

Die Schattenseiten des Lichts

Auch an der Juscelino-Kubitschek-Brücke in Brasília, der Hauptstadt Brasiliens, gingen zur Earth Hour 2012 die Lichter aus

Mehr zum Thema

Die Homepage des interdisziplinären Forschungsverbunds Lichtverschmutzung

Mehr Informationen zur Earth Hour (23.3., 20:30 bis 21:30 Uhr)
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