Gestörte Klangkulisse Wie der Lärm des Menschen die Meere verändert

Rohstoffsuche, Ölförderung, Schiffsverkehr: Der Mensch macht in den Ozeanen immer mehr Lärm. Nun zeigen Forscher die Folgen für die Tierwelt. Und beschreiben, wie sich der Trend stoppen ließe.
Versorgungsschiff und Ölbohrplattform im Golf von Thailand

Technologien zur Suche nach Öl und Gas verbreiten Schallwellen in den Ozeanen und stören so die Klangkulisse

Die Ozeane sind eine fremde Welt: Sie beherbergen nicht nur überaus bizarre Kreaturen, sondern auch sehr spezielle Klanglandschaften. Zu den kuriosesten Beispielen zählen die Knallkrebse (Alpheidae): Mit speziell geformten Scheren erzeugen diese an Korallenriffen lebenden Garnelen beim Beutefang schussartige Geräusche.

Weniger laut ist der Krötenfisch Opsanus beta: Am Grund des Golfs von Mexiko locken die bis zu 30 Zentimeter langen bräunlichen Männchen mit krötenähnlichen Tönen Weibchen an. Kabeljau-Schwärme (Gadus morhua) stoßen zur Laichsaison Grunzlaute aus. Und die arktische See hallt im Frühjahr wider von den langgezogenen Pfeifrufen der Bartrobben (Erignathus barbatus). Am berühmtesten sind wohl die Gesänge der Buckelwale. Und Blauwale singen nicht nur zur Partnersuche, sondern auch um Aktivitäten wie saisonale Wanderungen zu koordinieren.

Die Klanglandschaften mancher Meeresareale seien so charakteristisch, dass Larven und Jungtiere etlicher Arten sie nutzten, um ihren Lebensraum zu finden, schreibt ein internationales Forscherteam in der Zeitschrift «Science». «Tiere produzieren Laute aus vielen Gründen, etwa zur Orientierung, zur Jagd, als Signal der Kampfbereitschaft, zur Verteidigung des Territoriums, zur Partnerwerbung und zur Fortpflanzung», schreibt die Gruppe um Carlos Duarte von der King Abdullah Universität im saudi-arabischen Thuwal.

Seit der Industriellen Revolution sind die Ozeane wesentlich lauter geworden

Dass akustische Signale für Meeresbewohner von überragender Bedeutung sind, hat simple Gründe: «Klang verbreitet sich unter Wasser relativ schnell und trägt Informationen über größere räumliche Entfernungen als andere Reize wie etwa Licht oder chemische Stoffe», erläutert das Team. «Als Folge davon verfügen Meerestiere über ein großes Spektrum an Rezeptoren, um Töne wahrzunehmen.» Dies gelte sogar für Quallen, die kein zentrales Nervensystem haben.

Einen weiteren Grund nennt die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Antje Boetius. «Die Ozeane sind im Schnitt etwa vier Kilometer tief, und Licht gibt es nur in den oberen maximal 200 Metern», erläutert die Expertin, die nicht an dem Artikel beteiligt war. «Der größte Lebensraum der Erde liegt also überwiegend in völliger Dunkelheit. Auch dort müssen die Tiere kommunizieren - etwa um sich zu treffen für die Fortpflanzung. Der beste Kommunikationsweg ist da der Schall.»

In ihrer Bestandsaufnahme beschreiben die mehr als zwei Dutzend Wissenschaftler aus elf Staaten den aktuellen Wissensstand um die natürlichen Klanglandschaften, ihre Bedeutung für die Tierwelt - und vor allem den zunehmenden Einfluss des Menschen.

«Vor der Industriellen Revolution bestanden die Klanglandschaften der Ozeane zum Großteil aus biologischen und geologischen Quellen», schreibt das Team und nennt als Beispiele auch Seebeben, Unterwasservulkane und das Krachen von Eis. «Seitdem sind die Ozeane wesentlich lauter geworden.» Weil der Geräuschpegel stetig steige, müsse der Einfluss des menschlichen Lärms auf die Meeresbewohner dringend geklärt werden.

Zumal kaum eine Meeresregion davon verschont bleibt: Expeditionen suchen mithilfe von seismischen Druckluftkanonen den Meeresgrund nach Bodenschätzen ab. Diese Airguns geben kontinuierlich laute Schüsse über ein breites Frequenzspektrum ab, deren Echos Aufschluss über die Beschaffenheit des Untergrunds geben.

Der menschliche Lärm übertönt die Tiergeräusche

Das Militär nutzt Schallimpulse etwa zum Orten von U-Booten. Und immer mehr Schiffe kreuzen über die Ozeane: «In den letzten 50 Jahren hat der stärkere Schiffsverkehr den niederfrequenten Lärm entlang der Hauptrouten um schätzungsweise das 32-Fache verstärkt», schreibt das Team.

Damit nicht genug: Beim Bau von Bohrinseln und Offshore-Windparks werden Verankerungen in den Meeresboden gerammt, und vom Grund der Ozeane werden Bodenschätze gefördert - etwa Sand für die Bauwirtschaft. Und in vielen Küstenregionen Südostasiens und Afrikas wird mit Dynamit gefischt.

Während der Mensch immer mehr Lärm macht, hat sich auch die tierische Klangkulisse den Forschern zufolge verändert. Das liege etwa an der jahrhundertelangen Jagd nach Walen, Robben und Fischen, aber auch am Verschwinden vieler wichtiger Lebensräume wie Kelpwälder, Seegraswiesen und Korallenriffe.

Zudem überlagert der Menschenlärm die Tierlaute. Das bestätigt AWI-Direktorin Boetius, deren Institut in beiden Polarregionen tief unter der Wasseroberfläche etliche akustische Observatorien unterhält und Geräusche aufzeichnet - unter anderem in der zwischen Nordgrönland und Spitzbergen gelegenen Framstraße: «Auf den Aufnahmen hört man ständig die Schallwellen von Technologien zur Suche nach Öl und Gas», erzählt sie.

Wenn der Lärm gelegentlich - etwa an Weihnachten - verstumme, komme eine völlig andere Klangkulisse zum Vorschein: «Erst dann hört man die Natur selbst, zum Beispiel die Vielfalt der Wale, die da singen.»

Untersuchungen zeigen: Unterwasserlärm beeinflusst das Tierverhalten

Etliche Arten fliehen vor dem menschlichen Lärm in ruhigere Gewässer. Für viele Meerestiere sei das jedoch nicht möglich, betonen die Forscher. Als Beispiel nennen sie den nur bei Neuseeland heimischen Maui-Delfin (Cephalorhynchus hectori maui), der vom Aussterben bedroht ist.

Lärm durchdringe inzwischen fast alle Meeresregionen, betont das Team. Zu den wenigen Ausnahmen zähle das Weddellmeer in der Antarktis, sagt Ko-Autorin Ilse van Opzeeland vom AWI. «Das ist eine der letzten Klanglandschaften ohne großen menschlichen Einfluss.» Allerdings mit Vorbehalt: Einst sei die Zahl der Wale wesentlich höher gewesen - so sei die Zahl der Blauwale seit dem frühen 20. Jahrhundert um etwa 98 Prozent gefallen.

Dass Unterwasserlärm das Verhalten von Tieren ändert, zeigt eine von den Forschern vorgenommene Auswertung von 538 Studien. Etwa 90 Prozent jener Untersuchungen, die sich auf Meeressäuger konzentrierten, belegen demnach deutliche Folgen menschlichen Lärms. Bei Fischen und Wirbellosen sind es jeweils mehr als 80 Prozent. Schlecht ist die Datenlage für Robben, Reptilien wie etwa Meeresschildkröten und Meeresvögel wie Pinguine.

Die zur Rohstoffsuche verwendeten Schallkanonen könnten bei Meeresbewohnern mitunter bleibende Hörschäden hinterlassen, sagt Ko-Autorin van Opzeeland. Nachgewiesen sei das etwa bei Schweinswalen und Robben.

Nicht genannt werden in dem «Science»-Bericht Walstrandungen, die Umweltgruppen oft mit Unterwasserlärm in Verbindung bringen. Für die Tötung durch Schall gebe es jedoch keinen eindeutigen Beweis, sagt Boetius. Denn oft hätten tote Meeressäuger auch Mägen voller Müll. Zwar seien Fälle bekannt, bei denen Wale und Tümmler durch Militärübungen oder durch Dynamit-Fischen umgekommen seien. Aber einen Beleg dafür, dass Lärm direkt die Mortalität von Meeresbewohnern erhöhe, gebe es nicht. Andere Folgen seien dagegen «sehr gut belegt».

Wissenschaftler fordern Regulierung der Schifffahrtsrouten

«Unser Bericht über das vorhandene Wissen zeigt, dass menschengemachter Lärm in Evaluierungen zum wachsenden Druck auf marine Ökosysteme aufgenommen werden sollte», betont das Team in «Science». Voraussichtlich werde der Lärm in den Ozeanen noch zunehmen.

«Eine Weiter-so-Entwicklung der meeresbasierten Wirtschaft wird unweigerlich zu immer mehr Lärm führen durch die Entwicklung der Küstenschifffahrt, seismische Erkundungen, Militäroperationen, Bagger- und Rammarbeiten sowie Tiefseebergbau, mit wahrscheinlich wachsendem Einfluss auf die Meeresbewohner.»

Bisher werde Lärm in internationalen Vereinbarungen wie dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) ignoriert, bemängelt das Team. «Das Thema ist nicht so prominent, weil es für die Menschen nicht so sichtbar ist wie ein Strand voller Plastikmüll», sagt Boetius.

Als Ausnahme nennen die Forscher die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) der Europäischen Union: Sie erkennt Lärm ausdrücklich als Stressfaktor an und fordert die Mitgliedstaaten auf, die Lärmverschmutzung zu überwachen und zu bessern.

Antje Boetius nennt ein weiteres positives Beispiel: «Auch der Antarktis-Vertrag enthält viele Auflagen - nicht nur für den Zugang für Schiffen, sondern auch auf für die Exploration von Ressourcen - sogar für Schallwellen-gestützte Forschung.»

Als konkrete Maßnahmen gegen Lärm fordern die Forscher etwa eine Regulierung der Schifffahrtsrouten und Tempolimits. So habe im östlichen Mittelmeer die Begrenzung der Geschwindigkeit für besonders laute Schiffe von 15,6 Knoten (knapp 29 Kilometer pro Stunde) auf 13,8 Knoten (25,5 Stundenkilometer) den Lärm dieser Fahrzeuge entlang der Hauptrouten von 2007 bis 2013 schätzungsweise halbiert. Künftig könnten auch Elektromotoren oder geräuschärmere Propeller den Schiffslärm senken.

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Der Lärm beim Bau von Offshore-Windparks lässt sich demnach mit technischen Vorkehrungen wie etwa Blasenschleiern (Bubble-Curtains) reduzieren. Der Bau solcher Anlagen etwa in der Ostsee habe früher Schweinswale - die einzige dort heimische Walart - aus ihrem Lebensraum vertrieben, sagt der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Harald Benke. «Manche sind nicht mehr wiedergekommen.»

Inzwischen sei es in deutschen Gewässern Pflicht, den Schall beim Einrammen der Pfähle in den Meeresboden durch Blasenschleier zu dämpfen. Dabei werden um die Anlagen Ringe gelegt, aus denen Kompressoren Luft in die Wassersäule pressen. Die aufsteigenden Blasen sollen die Schallwellen reflektieren. So könne man - abhängig von Wassertiefe und Strömung - den Schalleintrag um bis zu 90 Prozent senken, sagt Benke.

Boetius spricht sich zudem dafür aus, forschungsbasiert größere Meeresregionen unter Schutz zu stellen. So könnte man Hotspots der sozialen Interaktion etwa von Meeressäugern und Haien sowie Brutgebiete weitgehend für Fischerei und Schiffsverkehr sperren.

Generell könne der Mensch mehr Rücksicht nehmen, so Boetius: «Wir sollten uns mindestens so gut an die Tierwelt anpassen, wie wir den Meeresbewohnern abverlangen, sich an unsere Aktivitäten anzupassen.»

Walter Willems, dpa