Klimawandel Zentralasien wird wärmer

Warum im Altai-Gebirge die Sakerfalken immer seltener werden - und Argali-Wildschafe bald weniger Platz haben werden als früher
Zentralasien wird wärmer

Rund um den Kucherla-See im Altai-Gebirge wird es immer grüner. 77 Gletscher sind schon völlig abgeschmolzen

Ein dunkelbrauner Vogel, größer als eine Krähe, stürzt herab. Mit seinem gebogenen Schnabel greift er ein paar Hühnerköpfe vom Futterteller und schnellt danach sofort wieder ins Nest zurück, wo zwei Jungtiere ihre Hälse emporrecken. Sakerfalken! Als heilige Vögel schon in der altägyptischen Mythologie verehrt, und begehrt bei jenen, die noch heute in Asien und im Nahen Osten mit ihnen auf die Jagd gehen.

Doch Pawel Konnov, der das Futter auf den Teller in einer Flugvoliere gelegt hat, ist kein Falkner. Er ist Ornithologe und will dazu beitragen, dass dieser wunderbare Vogel eine Überlebenschance behält. Darum arbeitet er in der Aufzuchtstation "Altai Falcon" in der sibirischen Stadt Barnaul.

Der Bestand der Sakerfalken nimmt rapide ab

Wichtigste Mitarbeiterin ist hier jene Falkenhenne, die eigene und untergeschobene Junge zuverlässig füttert. Ein Jahr dauert es, bis aus den flaumigen Kugeln perfekte Jäger geworden sind, der Wüstenhitze ebenso gut angepasst wie sibirischer Kälte und reif für die Auswilderung. Ermüdungsfrei werden sie andere Vögel und große Nagetiere verfolgen und dabei im Sturzflug über 200 Kilometer pro Stunde erreichen: Falco cherrug gehört zu den schnellsten Vögeln der Welt.

Und zu den selteneren. In den vergangenen 20 Jahren hat der Bestand des Sakerfalken weltweit um 50 Prozent abgenommen und umfasst nun höchstens noch 15 000 Brutpaare. Dieser Rückzug hat in Sibirien mit einem harmlos erscheinenden Gewächs zu tun: mit Gras.

"Vor zehn Jahren hat das Gras in manchen Bergtälern angefangen zu wuchern", erläutert Tatjana Jaschina, Forschungsleiterin des Naturreservats Katun, 500 Kilometer südöstlich von Barnaul. Die Sakerfalken würden solche Orte meiden, denn in der hohen Vegetation können sie keine Nager ausmachen. "Doch aufgrund des Klimawandels wird der Altai rapide immer grüner!" In weniger als 50 Jahren sind hier 77 kleinere Gletscher völlig abgeschmolzen. Immer öfter treten Extremereignisse wie Dürren, Starkregen und Waldbrände auf. Gleichzeitig steigen die mittleren Jahrestemperaturen in der Region stetig an. In den vergangenen 50 Jahren um 1,2 Grad Celsius im Hochland und um 3,5 Grad in den Tälern.

Seit 2004 nimmt das Katun-Reservat im Altai-Gebirge an dem von der Universität Wien geleiteten internationalen GLORIA-Monitoring zum Klima- und Vegetationswandel in Hochgebirgen teil. Als Untersuchungsterrain haben die Forscher vier Gipfel ausgewählt, die oberhalb der Baumgrenze und gleichzeitig unterhalb der Gletscherzone liegen. Dort messen Sensoren im Stundentakt die Temperatur der Luft und des Oberbodens.

Alpenwiesen bis in 3000 Meter Höhe

Die Daten werden mit dem Vegetationszustand an den Hängen in Beziehung gesetzt. So lässt sich verfolgen, wie die alpinen Ökosysteme auf die Erwärmung reagieren. "Mit steigender Temperatur geraten die kälteliebenden Hochgebirgspflanzen in Bedrängnis", weiß Tatjana Jaschina. Von unten werden sie von wärmeliebenden Pflanzen aus der Waldzone bedrängt. Und nach oben können sie auch nicht ausweichen: Die Gipfel der meisten Berge erreichen maximal 3000 Meter und sind bereits von Alpenwiesen besetzt.

Im Gefolge der Pflanzen sind aber auch Huftiere vom Klimawandel betroffen - etwa die 4500 Argalis, die heute noch im Grenzgebiet zwischen Russland, der Mongolei, Kasachstan und China leben. Das Argali (Ovis ammon ammon), ein sehr großes Wildschaf, sucht in der Kältesteppe in 2200 bis 3500 Meter Höhe nach Nahrung. Dabei meidet es Wiesen, auf denen Rinder grasen, und dichtes Buschwerk, wo es sonst leicht zur Beute für Wölfe und Bären werden könnte. Doch bis zum Jahr 2080 soll sich die Baumgrenze auf dem Altai nach regionalen Klimaprognosen um 50 bis 100 Meter und die der subalpinen Gebüschzone um 100 bis 200 Meter bergauf verschieben - der traditionelle Lebensraum der Argalis wird also schrumpfen.

"Das Argali und der Sakerfalke sind die Wappentiere des Altai", sagt Tatjana Jaschina. Man könne und müsse ihnen mit Landschaftspflegemaßnahmen helfen. "Und bei deren Planung müssen wir immer mehr den neuen Faktor in Betracht ziehen: den Klimawandel."

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