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Gewissensfrage Förster Peter Wohlleben im Zwiespalt: Sind Weihnachtsbäume ökologisch okay?

Jedes Jahr dieselbe Frage: Kann man in der Weihnachtszeit guten Gewissens einen echten Baum aufstellen? Oder sollte es doch lieber ein Exemplar aus Plastik sein? Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach
Weihnachtsbäume

Im Jahr 2019 kauften die Deutschen knapp 30 Millionen Bäume

Kann sich ein Baumflüsterer einen echten Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer stellen? Mit dieser Frage werde ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit konfrontiert, und die Antwort lautete bisher jedes Mal: Ja!

Wer weiß, dass auch Fichten und Tannen kommunizieren, sich um ihren Nachwuchs kümmern und möglicherweise Schmerz empfinden, der kann doch nicht für ein kurzes Vergnügen extra einen Baum fällen lassen, oder?

Diese Gedanken lasse ich mir jedes Jahr durch den Kopf gehen, und dennoch entschied sich unsere Familie bisher immer wieder für ­einen echten Baum.

Zunächst einmal entreißt man den Baum in der Regel nicht seiner Gemeinschaft und damit der Natur, sondern erntet ihn auf einer eigens dafür angelegten Plantage. Nordmann- und Nobilistannen, die Renner unter den Weihnachtsbäumen (weil kaum nadelnd), werden auf Äckern angebaut wie Salat oder Getreide. Man könnte sie also als eine Art Gemüse betrachten, dass ja auch ohne schlechtes Gewissen konsumiert wird.

Die andere Variante wäre, eine kleine Fichte im Wald zu schlagen, und zwar dort, wo künftig Laubbäume wachsen sollen. Damit würde man den Wandel unterstützen. Der Nachteil: Solche Waldfichten, oft unter hohen Bäumen stehend, haben meist kleinere und oft gelblichere Nadeln. Mein erster Versuch, einen solchen Baum im Wohnzimmer unterzubringen, war auch mein letzter, weil es nur lange Gesichter gab.

Dieses Jahr sind wir in Versuchung geraten, auf einen Kunststoffbaum umzusteigen. Mittlerweile gibt es diese zumindest in der oberen Preisklasse so täuschend echt, dass sie ihre lebenden Vorbilder gut ersetzen können. Umgerechnet rentieren sich die Plastiktannen aber frühestens nach zehn Jahren, in denen sie die meiste Zeit aufwendig zerlegt Stauraum auf dem Speicher beanspruchen. Außerdem sind Gegenstände aus Kunststoff nicht unbedingt etwas Besinnliches.

Natürlich könnten wir auch ganz auf einen Weihnachtsbaum verzichten, doch hier standen uns unsere Emotionen im Weg. Das Weihnachtsfest ist etwas Sentimentales, und bisher war der Anker dieser Gefühle der festlich geschmückte Baum.

2020 ein Jahr massiver Um­stellungen

Doch wie wäre ein Kompromiss? Es gibt ja Bäume mit Ökosiegel, die die Luft im Wohnzimmer nicht verpesten. Konventionell gezogene Tannen und Fichten werden oft mit Unkrautvernichtungsmittel gespritzt, manchmal auch mit Insektiziden. In der warmen Stube gasen diese Stoffe aus und reichern die Atemluft an.

Eine andere Variante war schon vor 40 Jahren modern: die Blaufichte im Topf, also mit Wurzelballen. Sie wurde später in den Garten gepflanzt und durfte dort weiterleben. Viele Exemplare entwickelten sich außerordentlich prächtig, so prächtig, dass sie bald die Häuser überragten. Ihre durch den Start im Topf gestörten Wurzeln blieben flach, der erwachsene Baum wurde dadurch immer anfälliger für Stürme. Es steigt nun die Sorge, dass der ehemalige Weihnachtsbaum eines Tages auf das Haus stürzt. Die Beseitigung durch Spezialfirmen kostet 1000 Euro und mehr.

Es ist keine leichte Entscheidung, und ich bin mir momentan nicht sicher, wie unsere Familie das Weihnachtsfest verbringen wird. 2020 war ein Jahr massiver Um­stellungen — da kommt es auf eine mehr wahrscheinlich auch nicht mehr an.