Interview Von Grachten und Sumpfkrebsen

Für Remco Daalder, Stadtökologe von Amsterdam, haben die wahren Sehenswürdigkeiten seiner Stadt Schnäbel und Flossen. Oder zumindest Blätter

GEO Special: Wieso wollten Sie unbedingt Stadtökologe werden?

Remco Daalder: Ich bin ein echter Amsterdamer und habe mit meinem Vater und Großvater oft vor unserem Haus an der Gracht geangelt. Es hat mich maßlos fasziniert, was für seltsame Wesen wir an Land zogen. Also schärfe ich bis heute allen ein, nicht immer bloß geradeaus zu schauen, sondern auch nach unten und oben! Wir haben in Amsterdam allein 1000 Pilzsorten, vor allem im Kleineleuteviertel Jordaan, da wachsen sie an alten Bäumen, zwischen Steinen, mitten in der Stadt. Und wir sind die Farnhauptstadt der Niederlande: Bei uns gedeihen 23 Sorten, enorm! Eine der seltensten ist der Grüne Streifenfarn, der in einer alten Schleuse beim Carré-Theater wächst. Das lässt das Herz eines jeden Ökologen höher schlagen.

Von Grachten und Sumpfkrebsen

Das Amsterdamer Netz aus Grachten und Grünstreifen bietet zahlreichen Pflanzen- und Tierarten Unterschlupf

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Liebt sein Biotop: Stadtökologe Remco Daalder

Über welche Tiere freuen Sie sich am meisten?

Über den Eisvogel. Vor zehn Jahren noch war er eine Sensation in Amsterdam, inzwischen beginnen wir, uns an seinen Anblick zu gewöhnen: Mehr als 40 Pärchen gibt es. Und dann haben wir noch den Pinguin von Amsterdam. So nenne ich den Kormoran, weil er immer so elegant auf seinem Pfahl sitzt. Es sind Jäger, die pfeilschnell in den Grachten jagen ...

... die sich bis vor nicht allzu langer Zeit den Beinamen "romantischstes Klo der Welt" verdienten.

Stimmt, aber inzwischen wurde auch das letzte Grachtenhaus, das vorletzte Hausboot an die Kanalisation angeschlossen. Das Wasser ist jetzt so sauber, dass man darin schwimmen kann. Sogar Máxima hat an einem Schwimmwettbewerb teilgenommen - und wenn die in die Grachten springt, muss das in Ordnung sein!

Und was ist mit den vielen alten Fahrrädern, die in die Grachten geworfen werden?

Die liegen leider immer noch drin. Die Leute werfen auch nach wie vor Kleinmüll rein - und sie setzen Haustiere aus, die ihnen nicht mehr belieben. Und wir können es dann ausbaden!

Wieso ist das schlimm?

Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs zum Beispiel ist ein Geschöpf aus dem Aquarium, das in der Tierhandlung gekauft wurde und sich jetzt in den Grachten breitmacht. Eine Plage! Man kann ihn kiloweise fangen und zum Glück prima grillen, wir liefern die entsprechenden Rezepte gern dazu.

Was geben die Grachten kulinarisch sonst noch her?

Zander und Aale. Und nicht nur in den Grachten, auch im IJ lohnt es sich zu angeln: Da schwimmen Kabeljau, Hering und Seezunge. Das liegt an den Schiffen, die täglich bei IJmuiden einlaufen. Mit ihnen schwappt immer eine Woge Nordseewasser ins IJ - damit landen auch Nordseefische hier. Und wir haben auch Exoten, die mit dem Ballastwasser der Schiffe zu uns gelangen, sozusagen als blinde Passagiere.

Nennen Sie einige!

Flohkrebse aus dem Kaspischen Meer zum Beispiel: Seit dem Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals sind die Grachten irgendwie auch mit dem Kaspischen Meer verbunden. Dadurch wusste auch der Donau-Rapfen den Weg zu uns zu finden, ein Karpfenfisch, der bis zu ein Meter groß werden kann. Und vor ein paar Jahren ist ein Fischchen aus dem Kaspischen Meer eingetroffen, das uns alle in helle Aufregung versetzt hat: die Schwarzmund-Grundel. Es wimmelt bei uns von Exoten.

Ist das eine erfreuliche Entwicklung?

Nur bedingt, die meisten sind eine Bedrohung für die einheimische Fauna. In Flüssen wie dem Rhein sind inzwischen bis zu neun von zehn Tieren Exoten.

Und was sollten sich Naturliebhaber in Amsterdam ansehen?

Das Neuland, das in IJburg gerade geschaffen wird und mit der Tram 26 leicht zu erreichen ist. Eine einzige große Naturoase mitten im IJ-See. Da können Sie auf der Terrasse Ihr biertje trinken, während neben Ihnen ein Kormoran sitzt.

Weitere Informationen

Die Homepage der Stadt mit Tipps für Natur-Ausflüge (engl.)
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