Grüne Olympiade "Das ist ein Witz"

Seit Jahren schreibt sich das Internationale Olympische Komitee Nachhaltigkeit auf die Fahnen. Über die Realität in Sotschi sprachen wir mit Tom Kirschey, Sprecher der NABU-Bundesarbeitsgruppe Kaukasus

GEO.de: Thomas Bach schrieb 2007 als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes mit Blick auf Sotschi, der Erfolg von sportlichen Großereignissen werde nicht zuletzt an ihrer Umweltverträglichkeit gemessen. Wird Sotschi ein Erfolg?

Tom Kirschey: Nein, das ist ein Witz. Schon bei der Entscheidung für den Standort hätte man wissen können, dass die Landschaften dieser Region hoch sensibel sind. Die Errichtung von Sportstätten dort bleibt selbstverständlich nicht ohne erhebliche Nebenwirkungen.

In und um Sotschi wurden für geschätzte 40 Milliarden Euro Gebäude und Anlagen errichtet. Inwiefern kann so ein Unternehmen in puncto CO2-Emissionen, Ressourcen- und Flächenverbrauch überhaupt nachhaltig sein?

Natürlich sind Großbaustellen immer mit schweren Eingriffen in Landschaft und Natur verbunden und aus Umweltsicht ein Verlust. Die Frage ist darüber hinaus aber, ob diese Infrastrukturen gut in das urbane Umfeld eingebunden sind und im Anschluss sinnvoll genutzt werden können.

"Das ist ein Witz"

Tom Kirschey ist NABU-Referent für Internationalen Biodiversitäts- und Klimaschutz und Sprecher der Bundesarbeitsgruppe Kaukasus

"Das ist ein Witz"

Im Westkaukasus nahe Krasnaja Poljana werden Snowboard-Pisten und ein Biathlon-Stadion errichtet - mitten in einem Nationalpark

Sehen Sie eine vernünftige Nachnutzung, etwa durch den Tourismus?

Nein. Den Russen sind mit der Unabhängigkeit ehemaliger Sowjetrepubliken wichtige Urlaubsdestinationen abhanden gekommen. Darum spielte Sotschi insbesondere als Badeort in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle. Aber mit dem Wachsen der Mittelschicht in Russland ist auch das hinfällig geworden. Denn die Ziele der russischen Badetouristen liegen mittlerweile in der ganzen Welt. Und wer Geld hat, fährt zum Skifahren in die Alpen.

Nicht nur die Stadt Sotschi wurde umgebaut. Welche Schutzgebiete in der Region sind betroffen und inwiefern?

Im Sotschinski-Nationalpark wurde ein besonders sensibles Gebiet durch Baumaßnahmen und Müllhalden massiv beeinträchtigt: die sogenannte Eiben-Buchsbaum-Schlucht bei Khosta. Dieses nur wenige Hektar große Gebiet ist besonders wertvoll, weil es an den Südhängen des Westkaukasus liegt, die während der Eiszeiten nicht vergletschert waren. Hier hat sich eine ganz ursprüngliche Flora erhalten, mit mehrere hundert Jahre alten Eiben und Buchsbäumen. Ein anderes Beispiel: Östlich von Sotschi, in der Nähe von Krasnaja Poljana, wurde ein Gebiet zerstört, in dem 2001 eine bislang unbekannte Schlangenart entdeckt wurde, die Orlov-Viper. Über die weitere Verbreitung der Tiere wissen wir bis heute nichts. Andererseits hat die Kritik, auch vom NABU, dazu geführt, dass nicht jeder hochfliegende Plan umgesetzt wurde. Ein Teil der olympischen Anlagen, zum Beispiel die Bobbahn und die Biathlon-Anlage, sind zwar im Sotschinski-Nationalpark errichtet worden, sollten aber ursprünglich noch weiter an die Kernzone des UNESCO-Weltnaturerbes Westkaukasus herangelegt werden.

Viele Naturschützer in der Region klagen über wilde Mülldeponien …

Die Baumaßnahmen wurden unter hohem Zeitdruck durchgeführt. Hunderte, vielleicht Tausende Firmen haben gleichzeitig und schlecht koordiniert gearbeitet. Baustoffe wurden falsch kalkuliert und geliefert, Verpackungsmaterial fiel in großen Mengen an. Wenn die Bauaufsicht schlampt, gibt es solche Probleme. Leider werden in Russland regelmäßig die kleineren Flüsse benutzt, um an ihren Hängen Müll zu deponieren. Man hofft dann auf starke Regenfälle, die den Müll ins Meer schwemmen.

Um welche Größenordnungen geht es bei den betroffenen Flächen überhaupt?

Das lässt sich nicht sagen. Dass 10.000 Hektar Wald abgeholzt worden seien, wie hier und da zu lesen ist, halte ich für Spekulation.

Welche Bemühungen gibt es, die entstandenen Schäden auszugleichen?

Auch nach russischem Recht müssen Kompensationen geleistet werden. Bei den Planungen dafür wurden die russischen Behörden von der UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, unterstützt. Aber nach allem, was unsere Fachleute vor Ort berichten, scheint das nach hinten losgegangen zu sein. Wenn man kostbare Primärwälder an Berghängen abholzt, ist es nicht sinnvoll, dafür Baumarktware in der Küstenebene zu pflanzen. Genau das ist aber passiert, und kaum etwas davon ist angewachsen. Wir fordern darum die russische Regierung und den Verwaltungsbezirk Krasnodar auf, die Maßnahmen noch einmal fachgerecht anzugehen. Immerhin hat die russische Regierung angekündigt, im Nordwestkaukasus mehr Schutzgebiete auszuweisen und das Management in den bestehenden Schutzgebieten zu verbessern. Das werden wir sehr aufmerksam verfolgen.

Was sind Ihre Forderungen für kommende Spiele?

Das IOC hat sich in Turin, bei den Winterspielen 2006, einen Umweltkriterienkatalog für Entscheidungen über Austragungsorte gegeben. Es wäre schon viel gewonnen, wenn es sich daran hielte. In Sotschi war das eindeutig nicht der Fall. Die Maßnahmen hier sind völlig überdimensioniert und gehen am Bedarf vorbei. Es ist zu befürchten, dass die Anlagen irgendwann dem Verfall preisgegeben werden, so wie viele andere Anlagen zu Sowjetzeiten auch.

Sehen Sie sich die Wettkämpfe an?

Nein. Solche sportlichen Großereignisse mögen auf viele Menschen eine Faszination ausüben. Mich verstört aber der gigantische Aufwand, der für eine nur zwei Wochen dauernde Show betrieben wird. Und mit deren Folgen die Region viele Jahrzehnte leben muss. Da stimmt einfach das Verhältnis nicht.

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Mehr Informationen auf den Seiten des NABU

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