Sauerstoffmangel im Meer Kurzatmiger Ozean

Der Klimawandel bringt die Strömungen der Ozeane durcheinander. In der Folge könnten ganze Ökosysteme zusammenbrechen

Fische tummeln sich im offenen Meer vor allem dort, wo es viel Plankton und Kleinstlebewesen zu fressen gibt. Und die gibt es vor allem dort, wo kaltes, nährstoffreiches Wasser aus tieferen Schichten an die Oberfläche steigt. "Auftriebsgebiete" nennen Forscher solche Meeresregionen. Fischereiexperten gehen davon aus, dass sie bislang rund die Hälfte des Fangpotenzials in den Ozeanen darstellen. Und das, obwohl sie nur einen Bruchteil ihrer Oberfläche ausmachen. Umso bedrohlicher, wenn diese natürliche Dynamik erlahmt. Anzeichen dafür hat der Meeresökologe Andreas Kunzmann vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) jetzt vor der Küste Namibias beobachtet.

Kurzatmiger Ozean

An der Küste Namibias trifft das 14 Grad kalte und nährstoffreiche Meer auf extrem trockene Wüstengebiete

Kunzmann und seine Kollegen untersuchen im Rahmen des Forschungsprojekts GENUS seit Jahren den Benguelastrom vor der südwestafrikanischen Küste. Es ist neben der Westküste Australiens und Südamerikas eines der drei großen Auftriebsgebiete der Erde. Bis zu 17 Millionen Tonnen Fisch fingen hier bis Mitte der 1970-er Jahre Fangflotten aus aller Welt - rund ein Fünftel der weltweiten Fangmengen. Bis die Zahlen abrupt einbrachen. Statt Sardinen und Sardellen fanden die Fischer nun immer öfter Quallen in ihren Netzen. Was war geschehen?

"Eine Mitschuld am Verschwinden der großen Fischschwärme tragen sicher auch die hochgerüsteten internationalen Fangflotten", sagt Kunzmann. Doch seit der Unabhängigkeit Namibias im Jahre 1990 kontrollieren nationale Fischereibehörde die Fangmengen. Von der Überfischung erholt haben sich die Bestände trotzdem nicht - trotz hoher Reproduktionsraten. Offenbar liegt das Problem tiefer.

Keine Erholung nach dem Ende der Überfischung

In Auftriebsgebieten gibt es extrem sauerstoffarme Zonen. Sie entstehen, weil nur ein Teil des Planktons gefressen wird. Der Rest stirbt ab und wird von Bakterien zersetzt. Das verbraucht Sauerstoff. Gefährlich wird der Sauerstoffmangel, wenn er sich über weite Gebiete erstreckt. "Wir reden von einem Effekt nicht auf einem, sondern auf Hunderten von Quadratkilometern", sagt Andreas Kunzmann. Fische flüchten aus solchen Zonen, so gut sie können. Und wo sie fehlen, stirbt mehr Plankton ab und verschärft das Problem. "Das sind Prozesse, die sich gegenseitig verstärken", sagt Kunzmann.

Kurzatmiger Ozean

Vor der Küste Namibias gehen Fischern immer mehr Quallen ins Netz. Oder Fischarten, die hier bis vor wenigen Jahren nicht häufig waren. Wie etwa die Holzmakrele (im Bild: Jungstadium)

Selbst Krabben hat der Meeresökologe dabei beobachtet, wie sie aus dem sauerstoffarmen Wasser an Land flüchteten. "In flachen Gewässern kann der Sauerstoffmangel das Schicksal von ganzen Tierpopulationen bestimmen", sagt Kunzmann. Betroffen sind nicht nur die lokale Fischerei, sondern auch die großen Jäger am Ende der Nahrungskette: Seelöwen, Haie, Delphine und Wale, aber auch große Meeresvögel.

Kunzmann und seine Kollegen erwarten, dass sich solche sauerstoffarmen Zonen auch in den anderen großen Auftriebsgebieten der Ozeane ausdehnen. Denn offenbar verändern sich die großen Strömungssysteme der Ozeane großflächig. "Und das", sagt Kunzmann, "hat mit Sicherheit mit dem Klimawandel zu tun."

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Mehr Informationen auf der Homepage des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT)

Mehr über das Forschungsprojekt GENUS