Tiefsee Das große Fressen

Wenn tonnenschwere Meeressäuger am Ende ihres Lebens tot auf den Grund der Meere sinken, locken die Kadaver Scharen bizarrer Aasfresser an. Britische Forscher machten sich auf, einen der verendeten Giganten zu finden - um mit seiner Hilfe grundlegende Rätsel der Evolution zu lösen

Irgendwo dort unten muss es sein. Auf dem Grund des Ärmelkanals, irgendwo unter dem Rumpf des Expeditionsschiffs "Callista". Adrian Glover, ein Zoologe am Londoner Natural History Museum, hockt angespannt am Oberdeck vor einem Ensemble aus Monitoren, um Zeichen für das Tier zu finden. Es war ein Finnwal, Balaenoptera physalus, Familie der Furchenwale, 16 Meter lang bei seinem Tod.

Vor acht Jahren haben die Behörden hier, sieben nautische Meilen vor Plymouth, den Kadaver des zuvor gestrandeten Tieres, mit einem Anker beschwert, versenkt. Nun beginnt die Suche nach ihm. Adrian Glover erforscht das Schicksal versunkener Wale - denn ihr Tod ist nicht das Ende, sondern der Anfang einer erstaunlichen Geschichte über das Leben.

Das große Fressen

Ein Finnwal durchpflügt den Golf von Kalifornien - noch. 70.000 Meeresriesen, so schätzen Experten, sinken jedes Jahr auf den Grund der Ozeane

Er weiß: Wo die Giganten in die Tiefe sinken, rücken bizarre Aasfresser an. Sie kommen wie aus dem Nichts und machen sich über Speck, Fleisch und Knochen her. Abertausende sind es. Und dennoch benötigen sie mitunter Dekaden, bis sie einen Leichnam beseitigt haben.

Diese unterseeischen Totengräber will Adrian Glover einmal mehr finden, ihretwegen ist er gemeinsam mit Craig Smith, Meeresökologe an der University of Hawaii, zu der Mission im Kanal aufgebrochen. Weltweit sind Glover und Smith den Walverwertern auf der Spur, waren bislang vor allem in der Tiefsee unterwegs, nun fahnden sie auch in flachen Zonen nach ihnen.

Wie, so lautet ihre Frage, sieht die Lebenslinie aus, welche die Küstenzonen mit dem untersten Stockwerk der Meere verbindet? Denn wer den Weg einiger der Aasfresser verfolgt, der kann, vermuten die Forscher, grundlegende Mechanismen der Evolution entschlüsseln: wie sich Lebewesen in den Ozeanen ausbreiten, wie sie fremde Regionen erobern.

Das große Fressen

Auf den Meeresboden gesunken, bietet ein verendeter Wal einer Armada von absonderlichen Kreaturen Nahrung für Jahrzehnte. Ein großer Leichnam zieht mehr als 400 hungrige Spezies an, darunter Schlafhaie, Schleimaale, Grenadierfische und Krebse

"Wer verstehen will, was ein toter Wal für die See bedeutet", sagt Glover, "der muss sich vor Augen führen, wie angespannt die Nahrungssituation in weiten Teilen der Ozeane ist." Denn es gibt die reichen Etagen, die oberen. In sie fällt Sonnenlicht. Dort wachsen Pflanzen. Darunter liegen die armen Geschosse.

Ab 200 Meter Tiefe aber wird es finster, unterhalb des ersten Kilometers beginnt dann die Tiefsee. Deren Weite ist so kolossal, wie es die Zumutungen sind, die sie dem Leben stellt. Die Wassermassen lasten dort im Vergleich zu Normalnull mit dem bis zu 1100-fachen Druck auf jeglichem Gewebe. Die Temperaturen liegen zumeist nur knapp über dem Gefrierpunkt. Und vor allem: Niemals erhellt ein Sonnenstrahl die Dunkelheit.

Die meisten Bewohner der Kellergeschosse sind im Vergleich zu den Wesen in der Beletage von zwergenhafter Gestalt; ihr Stoffwechsel läuft gedrosselt, sie treten selten in großer Zahl auf. Denn ihr Zuhause ist vor allem eines: Notstandsgebiet. Ohne Licht keine Fotosynthese und somit keine Pflanzen - mithin fehlt die Basisversorgung der Tierwelt.

Eine Nahrungsquelle aber existiert: Die Habenichtse leben von Abfall. Beständig rieselt organische Materie als "mariner Schnee" auf die Fauna herab. Bezogen auf alle Ozeane, entspricht die jährliche Menge im Durchschnitt jedoch gerade mal einer halben Scheibe Toastbrot pro Quadratmeter.

Was haben bleiche Knochen und giftige Schlote gemein?

Glovers Kollege Smith gehört zu den ersten Menschen, die Knochen eines verrottenden Leviathans aus der Nähe begutachten konnten. Als Wissenschaftler bei einer von Smith geleiteten Mission 1987 in einem Unterseeboot den Meeresboden vor der kalifornischen Küste kartierten, erschien auf dem Sonar plötzlich eine Abfolge von hellen Objekten. Die Besatzung an Bord rätselte noch - da tauchten im Lichtkegel bleiche Schädelknochen, Wirbel und Rippen auf. Das Skelett eines 21 Meter langen Blauwals, seit 50 Jahren tot, was Smith später anhand eines geborgenen Knochenstücks nachweisen konnte.

Aber der Fund dieser Überreste in 1240 Meter Tiefe war nicht die einzige Sensation: Der Meeresökologe konnte große Venusmuscheln auf den Gebeinen identifizieren, Aberhunderte. Und zwar solche, die Smith bisher nur an außergewöhnlichen Orten der Tiefsee gesehen hatte: an hydrothermalen Schloten. Das sind Schornsteine in den Katakomben der Ozeane, aus deren Mündungen bis zu 400 Grad Celsius heißes Wasser sprudelt, angereichert mit giftigen Schwefelverbindungen.

See-Bestattung: Betonblöcke ziehen die Toten auf den Grund

Nachdem Craig Smith 1987 von seinem Rendezvous mit dem Blauwal zurückgekehrt war, beschloss er, seine Trittstein- These zu überprüfen. Weil der Fund purer Zufall gewesen war, entschied er sich, Kadaver angeschwemmter Tiere selbst zu versenken. Recherchierte, dass allein zehn bis 100 Grauwale jedes Jahr in den USA anlanden. Alarmiert von Behörden oder Kollegen, fand er sie an den Stränden Kaliforniens oder Alaskas. Oder in Neuseeland. Mit Motorbooten zogen Smith und seine Helfer die Riesen ins offene Meer, wickelten sie in Netze, hängten ihnen Betonblöcke oder Eisenbahnräder an die Fluken.

In Chile buddelten sie einen auf einer Müllhalde vergrabenen Pottwal wieder aus und ließen dessen Überreste in einem Kühlcontainer per Schiff in die Antarktis transportieren. Und wenn sie kein Geld für eine Komplett-Bestattung hatten, sägten sie in stundenlanger Arbeit, bis zu den Knien in Blut, wenigstens Rippen oder Wirbel aus den Kadavern. Die Leichname oder deren Teile versenkten sie in der Tiefsee wie auch in flachen Gewässern. Und so ging Craig Smith, nach und nach und über Jahrzehnte, seiner Hypothese nach.

Er fand auf den Meeressäugern zuhauf jene Venusmuscheln, die er auch an jenem ersten Blauwal entdeckt hatte. Und er und seine Kollegen stießen auf bestimmte Miesmuscheln. Deren Verwandte leben auf Steinen oder Felsen der Küstenzone, ganz ohne Wal. Genetische Untersuchungen ergaben, dass die ältesten und ursprünglichsten Vertreter der Miesmuscheln an den Küsten existieren, etwas komplexere auf den Walkadavern und die am weitesten entwickelten, evolutionär jüngsten Tiere schließlich in der Tiefsee, etwa an Rauchern. Es lässt sich also eine Linie ziehen vom Flachen hinab bis in die tiefsten Abgründe: Die Muscheln, sagt Smith, haben sich von der Küste in die Tiefsee gewagt.

Gasthäuser reisender Tiefseegeschöpfe

Aber wie breiten sich Wesen in einer Welt aus, in der scheinbar keine Barrieren existieren? Theoretisch sind alle Winkel der Weltmeere zugänglich, doch die gigantischen Druckunterschiede, das schwindende Licht und die sinkenden Temperaturen haben dazu geführt, dass in den Ozeanen stockwerkspezifische Biotope existieren. Unter dem Dach diejenigen Lebewesen, die der Brandung trotzen, darunter die sonnenhungrigen Korallen, im Kellergeschoss die Spezialisten für extreme Standorte. Zwar gibt es auch hier viele Kosmopoliten, die sich frei bewegen können, doch die Mehrheit bleibt ihrer Etage treu.

Wie aber hat sich dieses Haus bevölkert? Die Wale könnten zumindest für einige Pioniere wie Zwischenstationen gewesen sein. Gut 700.000 Kadaver, schätzt Smith, liegen in unterschiedlichen Zuständen der Verwesung auf dem Grund der Meere, jedes Jahr sinken 70.000 neu in die Tiefe. Allein auf den Wanderrouten der Grauwale könnte alle fünf Kilometer ein Koloss ruhen.

Nicht alle Kollegen teilen Smiths Meinung, dass Walkadaver die Etappengasthäuser reisender Tiefseegeschöpfe sein könnten, aber er hat gute Argumente. Neben den Miesmuscheln auch Osedax, den Zombiewurm. Der Knochenbohrer ist mit den Röhrenwürmern verwandt, die an hydrothermalen Quellen leben - bis zu drei Meter lange Kreaturen, mit Kiemenbüscheln und symbiotischen Bakterien im Gewebe, die von Schwefelwasserstoff zehren. Vor rund 40 Millionen Jahren spaltete sich eine Osedax-Spezies vom gemeinsamen Urahn ab, das lassen genetische Analysen vermuten. "Zu dieser Zeit breiteten sich Wale massiv in den Ozeanen aus", sagt Glover. Deshalb sind der kuriose Wurm und die Muscheln wichtige "Modellorganismen" der Forschung.

Doch immer noch fehlen ausreichende Daten, besonders aus flachen Zonen. Um etwa die Verwandtschaftsverhältnisse bei Osedax und bei den Muscheln genetisch zu durchleuchten, um ihre Verbreitungswege zu analysieren. Und erst recht, um das gesamte Verkehrsnetz der Besiedelung zu entwirren. Von der Südhalbkugel etwa gibt es kaum Befunde über das Leben auf Walkadavern, vom Nordatlantik ebenfalls nur spärliche. Deshalb ist die Untersuchung des Finnwals im Ärmelkanal so wichtig.

Doch Glover und Smith brechen die Tour an diesem Tag ab, es wird zu dunkel. Die beiden wissen nun immerhin, wo der Wal nicht ist. Im kommenden Jahr wollen sie einen nächsten Versuch starten.

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