Hamburger Hafen Im Maschinen-Raum der Stadt

Hafenrundfahrt mal anders: Klaus Baumgardt vom Förderkreis "Rettet die Elbe" geht mit seinen Gästen den Umweltauswirkungen des Hamburger Hafens auf den schwermetallbelasteten Grund. Und natürlich geht es auch um die Elbvertiefung
Im Maschinen-Raum der Stadt

Der Containerumschlag im Hamburger Hafen wächst rasant. Die Schiffe auch. Der Streit zwischen Stadt und Umweltschutzverbänden um die nächste Elbvertiefung ist jetzt vor Gericht

Es dämmert schon, als die "Bettina Ehlers" mit gurgelnder Heckwelle den Anleger am Hamburger Baumwall verlässt. Auf dem schwarzen Elbwasser tanzen die erwachenden Lichter der Stadt, der Innenstadt am Nordufer und der schicken Hafencity mit der Baustelle der Elbphilharmonie. An Bord der kleinen Hafenbarkasse: Gut 15 Hamburgerinnen und Hamburger, Touristen, der Skipper und der Referent, Klaus Baumgardt vom Förderkreis "Rettet die Elbe" e.V. Das Ziel: der Hafen am gegenüberliegenden, südlichen Elbufer. Den steuern in den Sommermonaten Hunderte Barkassen täglich an, gefüllt mit schaulustigen Binnenländern. Doch diese Hafenrundfahrt ist anders.

Während normale Fahrten den Hafen und seine Kräne, Terminals und Containerriesen, die rund um die Uhr rauchenden Schlote und ackernden Containerbrücken den staunenden Gästen wie auf einer Leistungsschau präsentieren, zeigt Baumgardt die Schattenseiten des 100 Quadratkilometer großen Molochs: Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung durch Industriebetriebe, Flächenfraß, Uferbegradigungen und -befestigungen, Fluss- und Hafenbeckenvertiefungen und ihre Folgen.

Seit 1988 engagiert sich der promovierte Chemiker - gemütlicher Vollbart, schwarze Lederhose mit Hosenträgern - für "seinen" Fluss. Und ist für alle Nachfragen gerüstet. Vor sich hat er zwei Kartons mit Unterlagen aufgebaut. Die Rundfahrten, sagt der 65-Jährige, mache er zum Spaß. Die Fronarbeit, das sei das Aktenwälzen, die Gutachten, Planfeststellungverfahren und Gerichtsbeschlüsse. Das täglich Brot des modernen Umweltschützers.

Zunächst steuert uns der Skipper in den Zollkanal, der die historische Speicherstadt von der City trennt. Wo im Mittelalter rund 25 Meter lange Hansekoggen die Hansestadt anliefen, beladen mit bis zu 200 Tonnen Fracht, erstreckt sich heute ein Gewirr von Kanälen, Brücken und Lagerhäusern aus dem 19. Jahrhundert, damals gefüllt mit Kostbarkeiten aus aller Herren Länder. Ein Symbol für Hamburger Kaufmannschaft und Wohlstand.

Die "Bettina Ehlers" wendet sich nach Süden und quert nun den mehrere hundert Meter breiten Strom durch kniehohe, schwarze Brackwasser-Wellen. Der Hafen heute, das ist ein 100 Quadratkilometer großer Moloch aus Stahl, Stein, Teer und Beton am gegenüberliegenden Südufer der Elbe. Stromauf- und stromabwärts, so weit das Auge reicht, Kräne, qualmende Schlote, Industrieanlagen, gestapelte Container, getaucht in das gelbrote Licht eines elektrischen Tages.

Während wir in den Steinwerder Hafen eindringen, umfängt uns ein Hauch von Schweröl, Metallschrott und einer Melange aus anderen, unbestimmbaren Industrie-Düften. Baumgardt erklärt, wie die natürliche Landschaft zwischen dem nördlichen und südlichen Elbarm mit ihren zahllosen Flussarmen, kleinen Inseln und Süßwasser-Schlickwatten in eine künstliche Umwelt verwandelt wurde. Klar: Was hier und heute zählt, sind Funktionalität und Rentabilität. Nicht Bachflohkrebse oder Schierlingswasserfenchel.

Das goldene Kalb der Hafenwirtschaft

Wir gleiten an einem verwaisten Beton-Brückenpfeiler vorbei. Oben ein lebensgroßes, goldenes Kalb, beleuchtet. Der Fingerzeig einer Künstlerin, erläutert Baumgardt, die inmitten der Industriewüste das kollektive Profitstreben, "die Hamburgische Mentalität", wie er sagt - in Frage stellt. Dass von Seiten der Stadt auch auf Umweltbelange geachtet wurde, das habe man sich mühsam erstreiten müssen. So begann Ende der 70er-Jahre eine Gruppe von Studenten der Hamburger Uni auf eigene Faust mit Messungen von Schadstoffbelastungen im Boden. Und fand Arsen, Quecksilber, Blei, Cadmium: die chemischen "Fingerabdrücke" von Raffinerien, Chemiefabriken oder der Kupferhütte.

Seither sei einiges besser geworden, sagt Baumgardt. Auch bei seinem "Lieblingsgegner", der Kupferhütte Aurubis, die ihre Umgebung mit Arsen vergiftete. Manche Unterlagen und Informationen müssen sich er und die Kollegen von anderen Umweltschutzverbänden aber immer noch vor Gericht erklagen. Denn beim Thema Umweltauflagen, Flächensanierungen, Abgasreinigungsanlagen geht es immer um Geld. Und damit um Standortwahl, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.

Der Hafen wächst und wächst, aber ein Jobmotor ist er nicht. Gab es in den 60er Jahren noch 25.000 Arbeiter, die am Kai arbeiteten, sind es heute nur noch weniger als 5000. Das liegt, erklärt Baumgardt, auch daran, dass aus dem einstigen Produktionsstandort eine Drehscheibe für den Güterverkehr wurde. Eine Durchgangsstation für Waren aller Art, verschifft in praktischen, genormten Stahlschachteln. Das Geschäft mit den mobilen Lagerschuppen begann 1968 mit einer Schiffsladung von 700 Containern. Im Jahr 2013 waren es neun Millionen TEU (twenty foot equivalent unit, das entspricht einem Container von gut sechs Metern Länge). Und bis zum Jahr 2025 soll der Umschlag nach dem Hafenentwicklungsplan auf 25 Millionen TEU anwachsen.

Unter der riesenhaften Köhlbrandbrücke, die den gleichnamigen Kanal überspannt, macht die "Bettina Ehlers" mit röhrenden Motor und vibrierendem Stahlrumpf kehrt. Voraus, Richtung Süden, das 2002 eingeweihte Containerterminal Altenwerder, eines der modernsten seiner Art. Der gleichnamige Stadtteil musste dafür weichen, unter heftigem Protest von Anwohnern und Umweltschützern. Heute steht vom Stadtteil nur noch die Kirche St. Gertrud mit dem Friedhof, ein melancholisches Denkmal.

Größere Schiffe, tiefere Elbe?

Das Geschäft mit den Containern bringt Baumgardt auf das wichtigste Thema der vergangenen Jahre: die Elbvertiefung. Hamburg, das "Tor zur Welt", ist ein Binnenhafen. Bevor der Fluss zur Schifffahrtsstraße aus- und umgebaut wurde, hatte er bei Hamburg nur eine Tiefe von zwei bis vier Metern. Damit auch große Frachter Hamburg anlaufen können, muss nun ständig gebaggert werden. Der - teilweise giftige - Hafenschlick wird auf riesigen Spülfeldern entsorgt oder in der Nordsee verklappt. Achtmal schon wurde die Elbe zwischen Hamburg und der 100 Kilometer entfernten Mündung in die Nordsee ausgebaggert. Heute hat sie hier eine durchgängige Tiefe von rund 16 Metern.

Baumgardt erläutert die Nebenwirkungen. Der Tidenhub, also der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, wird mit zunehmender Tiefe des Flusses größer. Dadurch steigt die Gefahr von Deichbrüchen bei Sturmfluten, der Fluss transportiert mehr Sediment flussaufwärts, die Bagger sind rund ums Jahr im Einsatz. Obstbauern im alten Land befürchten, dass das Grundwasser versalzt. So genannte Sauerstofflöcher entstehen dadurch, dass Algen im tiefen, dunklen Wasser keine Photosynthese treiben können, absterben und von Bakterien zersetzt werden. Besonders im Sommer kommt es immer wieder zu Fischsterben, wenn die kritische Untergrenze von drei Milligramm Sauerstoff erreicht ist. Die Liste der negativen Auswirkungen ist lang. Und nun die neue Vertiefung um weitere ein bis zwei Meter. Der Hafen soll nun auch für die Containerriesen der neuesten und größten Generation erreichbar sein. Diese Kolosse sind 400 Meter lang und können mehr als 18.000 TEU transportieren.

BUND und NABU haben dagegen geklagt; Unterstützung erhoffen sie sich aus Brüssel. Denn die EU-Wasserrahmenrichtlinie verbietet eine ökologische Verschlechterung von Flüssen in Europa. Ob die Vertiefung kommt, wird sich wohl im kommenden Frühjahr entscheiden, wenn der Europäische Gerichtshof über einen ähnlichen Fall urteilt, die Vertiefung der Weser.

Die Rundfahrt nähert sich ihrem Ende. Am Köhlbrandshöft schwenkt die "Bettina Ehlers" in die Elbe ein – und gerät in den Bugwellen der Frachtschiffe noch einmal bedenklich ins Schwanken. Baumgardt stört das nicht. Er lobt standfest das zentrale Hamburger Klärwerk, dessen Abwässer sauberer geworden seien. In den schick blau beleuchteten Faultürmen, die sich auf der Steuerbordseite zeigen, werde zudem Gas für den eigenen Strombedarf und das Hamburger Gasnetz produziert.

Bevor wir den Anleger erreichen, zeigt sich Hamburg am nördlichen Elbufer wieder von seiner Postkartenseite. Eine Girlande von schicken Bürogebäuden, elbaufwärts die historischen Landungsbrücken, das Segelschiff "Rickmer Rickmers", das Museumsschiff "Cap San Diego", schließlich das neue Wahrzeichen der Stadt, die Elbphilharmonie. Ja, Hamburg ist schon schön. Und sicherlich ist beides richtig: Dass es das repräsentative Nordufer ohne den Hafen nicht gäbe. Und dass der Hafen ohne Leute wie Klaus Baumgardt ein weitaus gefährlicherer Ort wäre.

Die Alternative Hafenrundfahrt findet in den Monaten von April bis Oktober 14-täglich statt. Weitere Informationen: www.rettet-die-elbe.de

Ein weiterführendes Kapitel über den Hamburger Hafen findet sich in dem Band "Zukunftsfähiges Hamburg" (hier online als PDF, S. 217-121), herausgegeben vom BUND Hamburg, Diakonie Hamburg und Zukunftsrat Hamburg.