Ab in die Tonne

Täglich werden Lebensmittel aussortiert, die eigentlich noch essbar wären. Das gilt für Supermärkte genauso, wie für Privathaushalte. Doch was passiert mit den "schlechten Lebensmitteln"?

Lebensmittel aus dem Supermarkt haben fast immer einen langen Weg hinter sich. Während früher überwiegend saisonale und regionale Produkte gegessen wurden, erreichen uns heute Lebensmittel aus der ganzen Welt. Selbst Produkte aus Deutschland reisen quer durch die Republik und wandern durch zahlreiche Hände, bevor wir sie aus dem Regal im Supermarkt nehmen können. Sie werden umgeladen, neu verpackt und etikettiert. Dabei wird jedes Mal ein Teil der Lebensmittel aussortiert. Allerdings nicht, weil sie unterwegs schlecht geworden sind, sondern weil die Produkte nicht den gängigen Marktkriterien entsprechen. Krumme Gurken werden zu schlecht verkauft und schaffen es daher häufig nicht mal bis auf den Großmarkt. Zusätzlich landen ganze Obst- oder Gemüseladungen auf dem Müll, weil unterwegs die Kühlkette unterbrochen wurde.

Ab in die Tonne

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Über die Hälfte aller Lebensmittel landen im Abfall - der Großteil schon bevor sie überhaupt den Kunden erreichen. So genannte Nachernteverluste betreffen derzeit fast ein Drittel aller erzeugten Lebensmittel. Sie werden weggeworfen, weil es beispielsweise an vernünftigem Transport, rechtzeitiger Verarbeitung oder Kühlung fehlt. Nach Schätzungen des WWF erzeugt die Landwirtschaft weltweit 4.600 Kilokalorien pro Tag und Mensch. Davon erreichen 1.400 Kalorien niemals einen Magen.

Auch in den Supermärkten wird täglich aussortiert. Gemüse, das nicht mehr schön aussieht oder Lebensmittel deren Ablaufdatum kurz bevor steht, könnten noch bedenkenlos verzehrt werden. Da die Produkte aber nicht mehr den Erwartungen der Käufer entsprechen und sich schlecht verkaufen, werden sie aussortiert. Nicht immer landet die überschüssige Ware auf dem Müll. Einen Großteil schöpfen die Tafeln oder andere karitative Vereine ab. Allein in Hamburg klappert die Tafel regelmäßig etwa 60 Supermärkte, Großküchen und Bäckereien ab. Hinzu kommen Reste von Cateringunternehmen, Hotels und Restaurants. Knapp dreieinhalb Tonnen Lebensmittel kommen so nach Angaben der Hamburger Tafel täglich zusammen. Doch die 7 Fahrzeuge und rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter reichen nicht, um wirklich alle aussortierten Nahrungsmittel einzusammeln.

Was die Tafeln nicht abholen, wird weg geworfen. Dass noch gute Lebensmittel in den Containern hinter den Supermärkten landen, nutzen sogenannte "Mülltaucher" zu ihrem Vorteil aus. Im Schutz der Dunkelheit, durchwühlen sie die Mülltonnen nach Resten. Bei den Mülltauchern handelt es sich in den meisten Fällen nicht um arme Menschen, die sich kein Essen leisten können. Stattdessen wollen sie gar nicht einkaufen. In zahlreichen Foren im Internet ist man sich einig: "Warum sollten wir Geld für Essen ausgeben, wenn wir es uns einfach aus den Mülltonnen holen können?" Zusammen mit einigen anderen Mülltauchern zieht Stephan Clemens aus Bayern von Zeit zu Zeit los. Er sieht darin eine Form von Recycling: "Was noch essbar ist, sollte auch gegessen werden". Dass das nächtliche Wühlen in Supermarkt-Mülltonnen nicht legal ist und sie jedes mal eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch riskieren, stört die meisten Essenssammler nicht "Ich glaube der Image-Schaden wäre größer als das Interesse des Unternehmens ihr Recht durchzusetzen". Der aus den USA stammende Trend findet in Deutschland immer mehr Anhänger. In Foren verabreden sich immer mehr Menschen zum gemeinsamen Müllsammeln, beraten über die besten Sammelplätze oder tauschen Rezepte aus. Die hochgeladenen Bilder zeigen eindeutig: Oft finden die Sammler so viel Obst, Gemüse und Brot, dass sie es alleine kaum essen könnten. Dann wird eingefroren, eingekocht und verschenkt - in der Tonne verrotten lassen wollen sie nichts.

Privathaushalte stehen den Supermärkten in ihrem Wegwerfverhalten fast in nichts nach. Laut einer von Cofresco in Auftrag gegebenen Studie werfen europäische Konsumenten durchschnittlich 20 Prozent ihrer eingekauften Lebensmittel weg. Genaue Zahlen, wie viel Essen tatsächlich im Abfall landet gibt es nicht. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen sind es in Deutschland jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen - darunter auch ein großer Teil original verpackte Ware. Das entspricht in etwa einer Menge von 250 Kilo pro Einwohner. Das Bundesverbraucherministerium wird Ende des Jahres eine nationale Wegwerf-Studie vorlegen, die die Situation in Deutschland erstmals genauer untersucht und mögliche Lösungsansätze entwickelt.