Ernährung Besser essen!

Sie glauben, der Einzelne könne das globale Ernährungsproblem ohnehin nicht lösen? Doch, da geht einiges! Ein Speise- und Handlungsplan für eine neue Tischkultur

1. Teller statt Tonne. Rund die Hälfte der Weltproduktion an Lebensmitteln landet im Müll. Viele Produkte schon bevor sie zum Endverbraucher gelangen. Gemüse, das nicht der Norm entspricht, bleibt auf dem Acker liegen, weil der Kunde es angeblich nicht will; Bäckereien schmeißen oft jeden fünften Laib Brot weg, obwohl er noch genießbar wäre. Natürlich können wir alte Brötchen nicht nach Afrika schicken - aber dafür sorgen, dass kein Getreide vergeudet und dem Weltmarkt entzogen wird, was den Preis auch für die Armen immer weiter in die Höhe treibt. Jeder Europäer wirft im Schnitt 95 Kilogramm Essen pro Jahr weg, auch weil wir beim Haltbarkeitsdatum übertrieben vorsichtig sind. Dabei sind etwa Joghurts und Eier noch einige Zeit länger essbar als auf der Verpackung angegeben. Lesetipp: Claudia Boss-Teichmann, "Kreative Resteküche", 232 Seiten, 9,90 Euro.

Besser essen!

Wer Nahrungsmittel selbst anbaut, bekommt wieder einen Sinn für ihren wahren Wert - und Gesundes auf den Teller

2. Zurück zu den Wurzeln. Egal ob auf der Fensterbank-Farm, auf dem Balkon oder im eigenen Garten - wer sein Essen selber sät, pflegt und erntet, bekommt wieder ein Gefühl für den Wert von Lebensmitteln. Und kann zudem die geschmackliche Vielfalt im Beet und auf dem Teller retten helfen. Portulak, Topinambur, Teltower Rübchen - Saatgut für in Vergessenheit geratenes Gemüse und Obst findet sich z. B. unter www.dreschflegel-saatgut.de.

3. Gut is(s)t nah. Wer regionale Lebensmittel kauft, vermeidet Transportkilometer und stärkt die lokale Wirtschaft. Doch die Etiketten, die Waren als regional anpreisen, trügen oft. Tests in Supermärkten im Rhein-Main-Gebiet ergaben: Bei 90 Prozent aller angeblich regionalen Produkte lag die Herkunft der Zutaten im Dunkeln. Und das ganz legal. Nürnberger Bratwürste und Schwarzwälder Schinken tragen zwar das EU-Siegel "geschützte geographische Angabe". Doch dafür muss nur die Herstellung lokal sein, das Fleisch kann auch aus Polen oder Dänemark kommen. Allein das Etikett "Geschützte Ursprungsbezeichnung" garantiert, dass das Produkt in der Region erzeugt und verarbeitet wurde. Gute Alternative: den Wochenmarkt besuchen. Oder bei einem Bauern vor Ort Frisches vom Feld abonnieren (www.gemuesekiste.de).

4. Gemüse ist mein Fleisch. Statt 250 Gramm Steak und 125 Gramm Gemüse lieber die umgekehrten Mengen essen: 125 Gramm Steak und 250 Gramm Gemüse. Denn weniger Fleisch heißt: weniger Getreide, das im Trog von Masttieren landet. Es könnte stattdessen zur Linderung des Welthungers beitragen: Berechnungen gehen davon aus, dass schon zehn Prozent weniger Getreide für Futtermittel die Ernährung von 225 Millionen Menschen sichern würde. Und warum nicht öfter mal Wild aus heimischen Wäldern statt Rind, Lamm oder Schwein? Denn Keiler und Reh kommen völlig ohne Soja, Mais und Weizen aus.

5. Nie mehr im Trüben fischen. Welchen Fisch darf man eigentlich noch guten Gewissens essen? Karpfen und Forelle zum Beispiel. Aal und Rotbarsch besser vom Speisezettel streichen, Kabeljau, Hering und Lachs nur eingeschränkt genießen. Der Greenpeace-Ratgeber "Fisch - beliebt, aber bedroht" (www.greenpeace.de/themen/meere/fischerei) oder die iPhone-App "Fischratgeber" (gratis) erklären, was auf den Teller gehört und was nicht.

6. Im Kollektiv kaufen. Und wenn Sie es richtig ernst meinen: Gründen Sie eine Lebensmittelkooperative. Suchen Sie Gleichgesinnte, mit denen Sie die Standards festlegen, auf die es Ihnen beim Essen ankommt: Soll es ökologisch sein? Fair gehandelt? Sozial verträglich? Regional? Saisonal? Oder am besten alles zusammen? Es liegt in Ihrer Hand, Lieferanten, Großhändler, Läden und Erzeuger ausfindig zu machen, denen Sie vertrauen und bei denen Sie künftig einkaufen wollen. Große Mengen senken obendrein den Preis. Von Bestellgemeinschaften über Kooperativen mit eigenen Lagerräumen bis hin zu Vereinen mit Angestellten ist alles möglich. Infos unter: www.foodcoops.de, www.coops.bombina.net/wiki/Foodcoop.

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