VG-Wort Pixel

Bildung Studium Generale vom Sofa aus


Online-Kurse revolutionieren die Weiterbildung. Gratis. Mit neuen Formen des gemeinschaftlichen Lernens könnten sie auch die klassische Universität beflügeln. Haben Sie Erfahrung mit Online-Lehrangeboten? Dann schreiben Sie einen Kommentar unten auf dieser Seite!

In einem leeren Hörsaal steht Christoph Meinel und hält seine Vorlesung. Es geht um die technischen Grundlagen des Internet. "Was geschieht eigentlich mit der E-Mail, während sie unterwegs ist?", fragt der Informatikprofessor und lässt seinen Blick über verlassene Bänke schweifen. Dann schaut er wieder in die Kamera. Durch sie wird er mit seinem Publikum in Kontakt treten - in einer Woche, online. Bis zu 10 000 Studenten werden seinen Vortrag dann im Internet verfolgen - 50-mal mehr, als in diesen Hörsaal 2 am Hasso-Plattner-Institut (HPI) an der Universität Potsdam passen.

Bildung für alle! Auf dem neuesten Stand der Erkenntnis! Kostenlos! Wikipedia hat den Zugang zum lexikalischen Wissen verändert - nun könnten Online-Kurse das Lernen selbst revolutionieren. Welches Potenzial es für die sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses) gibt, zeigte sich eindrucksvoll bereits im Oktober 2011. Damals bot Sebastian Thrun, Professor für Robotik an der Universität Stanford und einer der Gründer der Lernplattform Udacity, einen Online-Lehrgang über künstliche Intelligenz an. An seinem Drei-Monats-Kurs beteiligten sich 160 000 Studenten aus 190 Ländern. "Bildung hat endlich den Weg zu jedem Computer gefunden, egal ob dahinter ein Schüler oder ein Rentner, ein Bauarbeiter oder ein Lehrer sitzt", sagt Thrun.

Das Angebotsspektrum ist so bunt wie das Netz selbst. Als Gratisdozenten treten beispielsweise Musiker auf, die per Youtube Grundlagen des Bongotrommelns demonstrieren. Daneben Organisationen wie die von der Gates-Stiftung geförderte Khan Academy: Sie entstand, weil ihr Gründer Salman Khan im Jahr 2004 seiner Cousine Nadia online Mathematiknachhilfe gab. Es folgten Lehrvideos für Freunde und Verwandte. Der Erfolg sprach sich herum. 2009 gab Khan seinen lukrativen Job in der Finanzbranche auf; 3800 Kurzvideos auf seiner Online-Plattform vermitteln inzwischen Wissen von der Differentialrechnung bis zur Kunstgeschichte.

Sehr viel spezieller zugeschnitten sind Angebote wie der einjährige Masterstudiengang "Internationaler Multimedia-Journalismus" für 24 Studierende aus der ganzen Welt, eine Kooperation der britischen Universität Bolton mit der Fremdsprachenuniversität Beijing. Es gibt Lehrphasen in Beijing, der Rest besteht aus individuellen Projekten und Online-Treffen mit Pflicht zur virtuellen Anwesenheit. Egal ob in Dänemark oder der afrikanischen Provinz, egal ob dort Morgen oder Mitternacht ist - alle müssen sich einmal pro Woche gleichzeitig in einer Art Chatroom mit Tafel einloggen. "Wir reizen die räumlichen Freiheiten, die das Internet bietet, maximal aus", sagt der englische Studienleiter Dr. David J. Clark, der auch als Multimedia-Reporter für "China Daily" arbeitet. Die Studenten seiner kleinen Weltgemeinschaft sollen mit- und voneinander lernen und am Ende alle Formen von Print über Video bis Blog beherrschen, um "starke Geschichten" zu erzählen.

HASSO PLATTNER, MITGRÜNDER des Softwarekonzerns SAP und Stifter des nach ihm benannten HPI an der Potsdamer Universität, hat ein anderes Ziel: Fachkurse für eine große Teilnehmerzahl. Vorlesungsvideos wechseln mit Übungen samt schnellem Feedback. Christoph Meinels Kurs startete Anfang November 2012, danach fanden die Teilnehmer sechs Wochen lang jeweils montags neue Inhalte im Netz: zu den technischen Grundlagen des Internets, Zwischenstationen und Knotenpunkten für E-Mails, zum Funktionsprinzip von Netzwerken wie LAN und WAN, zur Rolle von Kommunikationsprotokollen, zur Datensicherheit.

Wann und wo gebüffelt wird, spielt keine Rolle. Doch ein Termin steht fest: Am Montagabend um 22 Uhr MEZ muss das Wochenpensum geschafft sein, dann ist der Abgabetermin für die Hausaufgaben der Vorwoche. Die bestehen meistens aus Fragen zum Ankreuzen; manchmal sind Dinge zu ordnen oder Zahlen einzugeben. Alles ist so konzipiert, dass Fehler automatisch korrigiert und kommentiert werden - aber immer erst am Dienstag, einen Tag nach Abgabeschluss. Das spornt zum Weitermachen an: Beim ersten Kurs, den Hasso Plattner im Herbst 2012 persönlich auf Englisch hielt, bestanden von 13 000 Teilnehmern aus 100 Ländern 2132 die Abschlussklausur. Für das unverbindliche Internet, wo Ablenkung bei jedem Link droht, ist das eine beachtliche Quote. Selbst bei Online-Kursen von Elite-Universitäten wie Harvard oder Stanford geben bei ähnlichen Angeboten meist mehr als 90 Prozent auf.

Im Online-Forum des "openHPI" sind an manchen Tagen mehr als 100 Kommentare zu lesen, von Informatikstudenten, aber auch von einem Rentnerehepaar aus der Schweiz, einem 13-jährigen Schüler, von Lehrern, die sich weiterbilden. Wie erhofft, zeigt die "Community" eigene Kreativität. Wenn Forumsbetreuer Christian Willems, ein Mitarbeiter Meinels, die Nutzerfragen des Vorabends durchgeht, sind die meisten schon von Kursteilnehmern beantwortet. Die "soziale Lerngemeinschaft", die Christoph Meinel sich wünscht, funktioniert.

Ein Zertifikat winkt bei "openHPI" allen, die bei den Hausarbeiten plus Klausur über die Hälfte der möglichen Punkte Perreicht haben. Das kann bei Bewerbungen hilfreich sein. Aber die meisten Teilnehmer wollen einfach ihren Wissenshunger stillen, eine Rückmeldung bekommen, sich austauschen.

Ist die Universität der Zukunft womöglich nur noch im Netz zu finden? Das bezweifelt selbst Sebastian Thrun, der Udacity weiterentwickelt: "Das Buch hat die Universität auch nicht abgeschafft, aber dazu geführt, dass sie besser wurde und sich mehr verbreitet hat. Ebenso werden Online-Kurse die Universitäten umkrempeln, aber nicht ersetzen." Geisteswissenschaft lebe von direkter Kommunikation; für Chemie und Physik brauche man Labors. Veranstaltungen zur Informatik oder Mathematik jedoch ließen sich großenteils ins Netz verlagern.

Ideal also für das HPI, das seit 13 Jahren IT-Spezialisten ausbildet. Bisher sind die Online-Kurse dort erst ein Experiment ohne eigenes Budget. Und für den Professor vor der Kamera auch eine Herausforderung: "Normalerweise sorgen die Studenten dafür, dass ich mich konzentriere und versuche, unterhaltsam zu sein", sagt Meinel, "vor einem leeren Hörsaal zu sprechen, ist verdammt anstrengend."

Links zum Thema: openhpi.de Englischsprachig: www.udacity.com und www.khanacademy.org

GEO Nr. 03/13 - Das Jahr 1813: Deutschland, wohin aber gehst du?

Mehr zum Thema