Promession Grüner sterben

Verrotten oder verbrennen: So heißt heute die Alternative bei Bestattungen. Susanne Wiigh-Mäsak schlägt einen dritten Weg vor. Die Schwedin hat eine Methode erfunden, mit der Tote im Handumdrehen zu Humus werden - Promession
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Vom Kreislauf des Lebens
Wie man zu Kompost wird

Vom Kreislauf des Lebens

Jeder, der nach Lyr kommt, muss an ihrem Laden vorbei. Es ist das einzige Geschäft. Weniger als 200 Menschen wohnen das ganze Jahr über auf der Insel, die vor der zerklüfteten Küste von Bohuslän, der Provinz nördlich von Göteborg, liegt. Susanne Wiigh-Mäsak trägt einen geflochtenen Zopf und eine helle Latzhose. Aus einer der vielen Hosentaschen gucken Arbeitshandschuhe. Sie kommt gerade von der Gartenarbeit. Sie sagt: "Im Garten kommen mir die besten Ideen."

Eine davon ist eine neue Bestattungsmethode, die den Tod umweltfreundlicher machen soll - und etwas schöner, wenn so etwas geht. Die menschlichen Überreste verrotten nicht jahrzehntelang im Boden oder verbrennen in kürzester Zeit zu Asche. Sondern werden innerhalb eines Jahres zu Erde. Etwas verkürzt funktioniert das so: Der tote Körper wird zunächst auf minus 18 Grad heruntergekühlt und anschließend in flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad schockgefroren. Er ist nun brüchig wie Glas und zerfällt durch Vibration in ein Granulat. Das Wasser wird entzogen und so das Gewicht um siebzig Prozent reduziert. Zahnfüllungen und andere Metalle werden mit einem Magneten herausgefiltert. Nun kann das organische, geruchsfreie Pulver in einer kompostierbaren Urne in etwa vierzig Zentimeter Tiefe bestattet werden. Und wer möchte, kann seine Überreste zum Beispiel mit der Saat eines Baumes beerdigen lassen.

Grüner sterben

Will mal ein Rhododendron werden: Susanne Wiigh-Mäsak

Vom Kreislauf des Lebens

"Für viele ist der Tod nicht mehr als das Gegenteil von Leben", sagt Susanne Wiigh-Mäsak, "ich wollte aber eine Alternative, die den Menschen Hoffnung geben kann, die den Tod - so traurig er auch ist - mit einem positiven Gedanken verbindet und vielleicht sogar etwas die Angst vor dem großen Nichts nimmt. Wenn man sagen kann, dass aus Großvater eine Blume geworden ist, dass er wieder neues Leben gegeben hat, kann man das leichter verstehen und sogar einem Kind erklären. Das ist der Gedanke des natürlichen Kreislaufs, das ist das ewige Leben."

Ende der Siebziger war sie mit ihrem Mann aus Göteborg nach Lyr gezogen. Susanne pendelte damals noch täglich mit der Fähre ans Festland. Sie hatte eine Stelle als Umweltinspektorin in einer nahe gelegenen Fabrik für Petrochemie gefunden. Ihre Aufgabe war es, auf Sicherheitsdefizite und mögliche Risiken für die Umwelt hinzuweisen. Und sie befasste sich auch verstärkt mit Kompostierung und mit den Alternativen, die diese bot: Sie testete Teller und Tüten aus Maisstärke. Doch nach 15 Jahren brauchte sie eine Veränderung. 1996 kündigte sie. Ein Jahr später eröffnete sie ihren Laden auf der Insel.

Feuer- und Erdbestattungen verpesten Luft und Boden

Susanne ist eine gute Erzählerin. Sie hat schon Vorträge auf der ganzen Welt gehalten. Und jetzt hat sie sich warmgeredet. "Wir Menschen", sagt sie, "benehmen uns, als ob wir nicht wüssten, dass die beiden Bestattungsarten den menschliche Körper daran hindern, in den Kreislauf der Natur zurückzukehren. Man hat die Wahl zwischen zwei schlechten Möglichkeiten, die beide respektlos gegenüber dem Verstorbenen sind und die beide im hohen Maße die Umwelt belasten. Die eine verpestet die Luft mit Kohlendioxid und Quecksilber, die andere verseucht den Boden, das Grundwasser, die Meere und verschmutzt die Luft mit hochgiftigem Methan. Unsere Toten sind längst zu einem ökologischen Problem geworden."

Sie sagt, sie könne sich noch gut an den Tag erinnern, als sie das erste Mal darüber nachdachte, dass der Rest eines Apfels und jeder Vogel ein besseres Ende finden als ein Mensch. Es war ein Moment der Klarheit, in dem sie vieles verstanden hat. An diesem Herbstnachmittag 1998 stand sie in ihrem Gewächshaus mit einer Topfpflanze in ihrer Hand. Sie dachte: Das soll alles sein, wofür ich mich entscheiden kann? Verrotten oder verbrennen? Das kann es nicht sein, dachte sie. Doch wie kann man einen Verstorbenen möglichst schonend in den Kreislauf des Lebens integrieren? Der Körper muss zu hundert Prozent organisch bleiben und kleiner werden, damit er nicht verwest, sondern kompostiert. Das war schnell klar, sagt Susanne.

Wie man zu Kompost wird

Wie man zu Kompost wird

Sie taucht nun etwas tiefer ein in die Welt des Kompostierens: "Wenn es um eine Blume oder eine kleine Maus geht, hat die Natur nicht wirklich viel zu tun, beides wird relativ schnell zu Erde. Geht es aber um größere Tiere oder Menschen, schaffen das die Mikroorganismen nicht alleine. Sie brauchen vor allem Sauerstoff, um Erde produzieren zu können. Tief unter der Erde gibt es aber keinen Sauerstoff. Dort lebt gar nichts mehr. Wenn die Menschen sehen würden, was da unten mit den Körpern passiert, würden sie sofort aufhören, ihre Verstorbenen zu vergraben."

Zunächst arbeitete sie mit einem Labor zusammen, das mit Tierkadavern experimentierte. Sie holte sich Rat bei Experten. Dann testete sie mit einem Verfahren, das auch bei der Herstellung von Instantkaffee und Astronautennahrung zum Einsatz kommt: Gefriertrocknung. Schließlich machte sie erste Versuche mit flüssigem Stickstoff und größeren Tieren. Es funktionierte: Die Schweine und Rinder wurden zu Granulat. Das Granulat wurde zu Humus. Susanne legte Rosenbeete darauf an. Die Blumen gedeihen heute noch hervorragend, sagt sie. Sie hatte einen Weg gefunden. Im Jahr 1999 meldete sie ihre Innovation zum Patent an. Etwas später gründete sie eine Firma: Promessa Organic - italienisch für Versprechen.

Schallwellen lassen den Körper zerbröseln Wenn Susanne etwas Kompliziertes einfach machen möchte, malt sie es auf ein Stück Papier. Jetzt holt sie einen Schreibblock aus dem Arbeitszimmer und skizziert den Prototyp des Promators, so wie er in Einzelteilen bereits gebaut und später zusammengesetzt werden soll: Hier der Behälter, wo der Sarg mit dem Leichnam das Stickstoffbad nimmt, dort die Vakuumkammer, in der die Flüssigkeit entzogen wird. Sie malt einen Magneten, der die künstlichen Gelenke, Schrauben, Platten und Herzschrittmacher anzieht. Sie erklärt, dass Schallwellen Sarg und Körper in wenigen Sekunden in einer weißen Wolke aufgehen lassen und etwa ein Drittel des Körpergewichts zurückbleibt.

Promession ist ein automatisierter Vorgang, der ganz nach Größe und Gewicht des Körpers etwa vier Stunden dauert. Die Kosten sind nicht höher als in einem Krematorium. Ein Sarg geht hinein, eine Urne oder ein kleinerer Sarg aus Mais- oder Kartoffelstärke kommt heraus. Die Überreste werden in den oberen, Humus bildenden Erdschichten bestattet. "In lebender Erde", wie Susanne sagt, dort, wo ausreichend Sauerstoff und Kleinstlebewesen sind. "Und die Pflanze, die daraus wächst, wird zum Symbol des beerdigten Menschen. Jeder, der eine Erinnerung haben möchte, kann sich einen Ableger in den Garten pflanzen."

Widerstand aus der Einäscherungsbranche

"Promessa hat weniger mit dem Tod zu tun, aber viel mit dem Leben, der Umwelt und der Zukunft." Und es hat mittlerweile auch sehr viel mit Geld und Macht zu tun. Die Bestattungsindustrie ist ein großes Geschäft, in dem es immer etwas zu verdienen geben wird. Erst recht mit einer Alternative, die ökologischer ist als die anderen. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht von einer großen Firma geschluckt werden", weiß Susanne, "diese Sache ist viel zu wichtig, so dass ich das kontrollieren möchte, da sonst die Gefahr besteht, dass etwas Schlechtes daraus gemacht wird." Oft wird sie gefragt, warum es so lange dauert, warum ihre Idee nach all den Jahren noch nicht umgesetzt ist. Und dann erzählt sie von Widerständen und Zweifeln, die immer wieder ausgeräumt werden mussten, wenn es um das Thema Tod geht. Vorträge mussten gehalten, Geldgeber gefunden, Verträge ausgearbeitet und unzählige Unterschriften verschiedenster Entscheidungsträger eingeholt werden. Und nicht selten mussten Rückschläge weggesteckt werden. Und auch die Weiterentwickelung der Technik und der Bau des Promators musste daher mehrfach verschoben werden. "Das alles hat sehr viel Zeit gekostet", sagt Susanne, "und es gibt nach wie vor starke Kräfte in der Einäscherungsbranche, die alles dafür tun, um Promession zu stoppen."

Wo wird die erste Promession stattfinden?

Sie sagt aber: "Wo das erste Promatorium stehen wird, wird sich in diesem Jahr entscheiden." Sehr wahrscheinlich in Schweden. Denn dort ist es möglich, Promession in das Bestattungsrecht zu integrieren, ohne die Gesetze groß ändern zu müssen. Und auch die katholische und die evangelische Kirche haben der neuen Bestattungstechnologie bereits ihren Segen gegeben. Auf Orust, einer Insel vor der Westküste, nördlich von Göteborg, prüfen Politiker derzeit den Antrag für den Bau eines Promatoriums. Für den Herbst wird eine Entscheidung erwartet. Susanne sagt: "Wieder müssen wir warten, aber es sieht vielversprechend aus." Und mittlerweile ist Promession auch in über dreißig Ländern patentiert, dreißig weitere zeigen Interesse. Selbst Japan oder Indien, wo die Verstorbenen seit Jahrhunderten traditionell verbrannt werden, sind interessiert, weil sie wissen, dass Kremierung wegen der enormen Umweltbelastung keine Lösung auf Dauer mehr sein kann. "Jeder kann Verantwortung für die Umwelt übernehmen", sagt Susanne, "selbst nach seinem Tod. Stattdessen behandeln wir unsere Leichen immer noch wie Sondermüll, der irgendwie entsorgt werden muss."

Susanne Wiigh-Mäsak weiß bereits, was sie nach ihrem Tod einmal werden will: ein schneeweiß blühender Rhododendron der Sorte Cunningham White. Ein immergrüner Busch, der auch die eisigen Winter an der schwedischen Westküste übersteht. Eine Pflanze, die humusreiche und gut durchlüftete Böden bevorzugt. Sehr robust, sehr anpassungsfähig. "So wie ich", sagt sie und schmunzelt. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat selber einen Cunningham White in ihrem Garten. Vor Jahren hatte sie einen Ableger von einer Englandreise mitgebracht. Mittlerweile ist er riesig, trotz Temperaturen von manchmal minus zwanzig Grad - der Rhododendron hat überlebt.

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