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Teilen, leihen, tauschen, verschenken - online und offline entstehen derzeit viele Angebote gemeinschaftlichen Konsums. Unser Autor hat einige davon ausprobiert. Teil 1 der Serie zur Share Economy: Foodsharing

Inhaltsverzeichnis

Lebensmittel teilen, das habe ich bisher höchstens mit guten Freunden oder Nachbarn gemacht. Man "leiht" sich zwei fehlende Eier für den Kuchen am Sonntag oder bietet nach einer Party die übrig gebliebenen Leckereien an. Meistens lehnen die Gäste ab, weil sie selbst zu viel haben, oder man fragt gar nicht erst, sondern wirft gleich alles weg, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Das gleiche passiert vor dem Urlaub oder wenn man wieder mal zu viel gekauft hat. Jeder Deutsche wirft so jedes Jahr knapp 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll - vieles davon ist noch essbar.

Die Tauschplattform Foodsharing will das ändern. Wer Lebensmittel übrig hat, kann sie auf www.foodsharing.de an Menschen weitergeben, die sie brauchen können. Jeder kann so dazu beitragen, dass weniger weg geschmissen wird. Das will ich ausprobieren.

An einem Samstagmorgen verschenkt jemand in Berlin 500 Gramm Mate-Tee und ein Päckchen Süßstoff, ein anderer bietet fünf Kilogramm Giersch zum selber pflücken. Auch wer im eigenen Garten etwas übrig hat, kann es anbieten. Giersch kenne ich als Unkraut, aber bei Wikipedia lese ich, dass es auch ein "wohlschmeckendes Wildgemüse" ist. Das würde ich gerne mal kosten, muss aber nicht heute sein. Und meine letzte Packung Mate-Tee habe ich selbst weggeworfen.

Serie: Jeder Deutsche wirft jedes Jahr knapp 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll - vieles davon ist noch essbar. Die Lösung: Teilen statt entsorgen finden Foodsharer Raphael Fellmer und Benjamin Schmitt
Jeder Deutsche wirft jedes Jahr knapp 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll - vieles davon ist noch essbar. Die Lösung: Teilen statt entsorgen finden Foodsharer Raphael Fellmer und Benjamin Schmitt
© Mirco Lomoth

Bewusster Umgang mit Nahrung

Also schaue im Vorratsschrank nach, was ich abgeben kann. Leicht verderbliche Waren, wie Frischfleisch, Fisch oder Eier dürfen über Foodsharing nicht getauscht werden. Aber eine Packung Yogi-Tee bietet sich an, ein Fehlkauf wegen der Geschmacksrichtung "Schoko", der würde bei mir nur ewig im Regal herum stehen und irgendwann im Abfall landen. Ein Säckchen roter vietnamesischer Reis kann auch weg (ich nehme immer nur Basmati) und eine zu viel gekaufte Packung Grieß. Die Artikel stelle ich auf www.foodsharing.de ein, es erscheint ein kleines Korb-Symbol auf einer Berlin-Karte. Jetzt kann jeder meinen "Essenskorb" online sehen - und ihn bei mir anfragen.

Es dauert keine halbe Stunde, bis sich eine Frau meldet, die ihn gerne abholen möchte, ein paar Minuten später kommt eine weitere Mail, dann die nächste. Ich markiere den Essenkorb als reserviert. Die Frau kommt am Nachmittag, pünktlich um 17 Uhr, freut sich über den roten Reis und vor allem den Yogi-Tee. Sie sagt, dass sie oft Essenskörbe holt und bisher alles verwerten konnte. Auch ich würde es wieder machen, so unkompliziert war es.

Ein paar Tage später treffe ich Foodsharing-Koordinator Raphael Fellmer bei den Mülltonnen hinter einer Bio Company-Filiale in Berlin-Steglitz, er sortiert Lebensmittel aus zwei Einkaufswägen, die ihm ein Mitarbeiter des Supermarkts hergeschoben hat. Was schlecht ist, wirft er in die Bio-Tonne, alles andere nimmt er mit nach Hause, nutzt es selber, oder verteilt es im Foodsharing-Netzwerk. Es sind mehrere Packungen Kirschtomaten dabei, von denen nur einige etwas matschig sind, Kartoffeln, recht braune Artischocken, Paprika, leicht welke Kresse und Bärlauch, Rhabarber, Rosmarin, Himbeeren, Büffel-Mozzarella, Bio-Ricotta, vegane Lupinenfilets. Am Ende ist sein Fahrradanhänger voll mit Essbarem.

Rund 300 registrierte Foodsaver holen in Berlin mittlerweile Lebensmittel von Bio-Supermärkten und Bäckereien ab, 50 Läden beteiligen sich. "Sie geben uns, was übrig ist und wir helfen ihnen bei der Müllvermeidung", sagt Fellmer. Für die Unternehmen bedeutet das auch eine Kostenersparnis: Seit Fellmer und seine Mitstreiter in Steglitz die Reste abholen, konnte der Supermarkt eine große Mülltonne abschaffen. "Und sie beweisen ihren Kunden einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln."

Essensretter bewahren eineinhalb Tonnen Lebensmittel

Serie: Foodsharing-Koordinator Raphael Fellmer (l.) sortiert mit Benjamin Schmitt die Lebensmittel, die im Supermarkt nicht mehr verkauft werden können. So helfen die Foodsaver dem Supermarkt bei der Mülltrennung und der kann deshalb eine große Restmülltonne einsparen
Foodsharing-Koordinator Raphael Fellmer (l.) sortiert mit Benjamin Schmitt die Lebensmittel, die im Supermarkt nicht mehr verkauft werden können. So helfen die Foodsaver dem Supermarkt bei der Mülltrennung und der kann deshalb eine große Restmülltonne einsparen
© Mirco Lomoth

Die Macher von Foodsharing wollen jetzt in ganz Deutschland ein enges Netzwerk aus privaten Spendern, Einzelhändlern, ehrenamtlichen Foodsavern und Koordinatoren aufbauen. Auch Getränkelieferanten und Kantinen großer Unternehmen, etwa der Beiersdorf AG, haben angekündigt, mit den Essensrettern zusammenarbeiten zu wollen. Alles sieht danach aus, als würde die Internetplattform ein dauerhafter Erfolg werden: Seit dem Start vor einem halben Jahr haben sich 20.000 Mitglieder angemeldet, allein in Berlin wechseln laut Betreiber jede Woche um die 100 Essenskörbe den Besitzer. So wurden seither knapp eineinhalb Tonnen Lebensmittel "gerettet". Ende Mai ist Foodsharing auch in Österreich online gegangen, Spanien, England und weitere Länder sollen folgen.

Am Nachmittag sitze ich mit Raphael Fellmer im Garten hinter dem Friedenszentrum Martin Niemöller-Haus in Dahlem, wo er mit seiner Familie in einer WG wohnt. Wir trinken Rhabarberschorle, die laut Etikett seit einigen Monaten abgelaufen ist. "Hat sich ein bisschen abgesetzt, aber sonst ist nichts damit", sagt er. Seine Tochter Alma steckt sich frisch "gerettete" Bio-Himbeeren in den Mund. Am Gartenzaun wuchert der Giersch, den er im Netzwerk anbietet. Ich pflücke mir einen Bund, für den Salat am Abend. Wäre doch schade, wenn er verkommt.

Info

Neben Foodsharing gibt es nur wenige Tauschplattformen für Lebensmittel: Bei www.mundraub.org kann jeder herrenlose Obstbäume eintragen, damit deren Früchte nicht ungeerntet vergammeln. Bei www.mealsharing.org findet man Leute, mit denen man gemeinsam den Esstisch teilen kann.

In "Taste the Waste" bieten Thurn und Gundula Oertel Kochrezepte und Anregungen für "Essensretter" (KiWi 2012, 18,99 Euro). Das Buch "Die Essensvernichter" von Foodsharing-Gründer Valentin Thurn beschreibt den Frischewahn der Konsumenten, die damit einhergehende Lebensmittelverschwendung und gibt Tipps, wie man selbst gegensteuern kann (KiWi 2012, 8,99 Euro). Auch Thurns neuester Film Die Essensretter berichtet von Ideen zur Vermeidung von Lebensmittelvernichtung.

Serie: Supermärkte sortieren Lebensmittel aus, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist oder sie nicht mehr perfekt aussehen. Manche der Lebensmittel werden zu 50-Prozent-Preisen angeboten, bevor sie an die Foodsaver weiter gegeben werden.
Supermärkte sortieren Lebensmittel aus, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist oder sie nicht mehr perfekt aussehen. Manche der Lebensmittel werden zu 50-Prozent-Preisen angeboten, bevor sie an die Foodsaver weiter gegeben werden.
© Mirco Lomoth

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