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Entscheidungen Psychologie des Ausmistens: Brauche ich das? Oder kann das weg?

Frau beim Ausmisten des Kleiderschranks
In fast jedem Haushalt liegen unzählige Dinge herum, die niemand mehr braucht. Sie auszusortieren kann ungemein befriedigend sein
© Kostikova Natalia - Shutterstock
Der genaue Blick auf die Dinge lässt uns erkennen, was wirklich von Bedeutung ist und was überflüssig. Und wie wir das eine vom anderen unterscheiden

Es begann damit, dass ich meinen Schreibtisch aufräumte. Ich hatte gelesen, dass Angestellte des Statistischen Bundesamtes den Besitz der Deutschen zählen. Jedenfalls kamen sie zu dem Schluss, dass in jedem deutschen Haushalt durchschnittlich 10000 Dinge rumliegen, rumstehen, gebraucht werden oder verstauben.

Ich schaute mich um, mein Blick fiel auf den Schreibtisch, und ich hatte sofort den Verdacht, dass unser Vierpersonenhaushalt die 10000er-Marke locker überschreitet.

Also packte ich alle Dinge vom Schreibtisch auf das Bett. Dann zählte ich: 504 Gegenstände. Der Schreibtisch ist wirklich klein, ich befürchte, wir besitzen in der ganzen Wohnung Hunderttausende Dinge. Ich habe dann aussortiert.

Ich verkaufte einen Taschenkalender und die Sammlung ausländischer Münzen. Ich stellte Filzstifte, Ladegeräte, Kabel, einen Klammeraffen und einen Golfball in einer Kiste auf den Bürgersteig. Zwei Stunden später war alles verschwunden. Ich warf alte Notizzettel in den Müll, ausgetrocknete Textmarker und endlich mein Federmäppchen aus der Schulzeit.

Aufräumen ist das Heilsversprechen der vermüllten Moderne

Danach betrachtete ich mein Werk, also den aufgeräumten Schreibtisch, und ja, ich fühlte mich richtig gut und befreit. Davon schwärmen die Aufräumer und Minimalisten immer: Wer ausmistet, ist glücklicher. Eigentlich versprechen sie noch viel mehr. Sie sagen: Wirf Zeug weg, und deine neue, aufgeräumte Zukunft beginnt. Du wirst endlich den Job finden, der zu dir passt. Oder den richtigen Partner. Du wirst abnehmen, mehr Sport treiben, endlich faulenzen können, was immer dich glücklich macht. Aufräumen ist das Heilsversprechen der vermüllten Moderne.

Die Idee der Einfachheit ist verführerisch. Nicht nur die Wohnung wird aufgeräumt, sondern die Gedanken im Kopf entwirren sich. Mehr Luft. Mehr Klarheit. Mehr Kontrolle. Es gibt in den Menschen eine tiefe Sehnsucht danach, das Zuviel hinter sich zu lassen.

Andererseits: So einfach kann das mit dem einfachen Leben nicht sein. Sonst würde ich nicht ratlos vor meinem vollgestopften Kleiderschrank stehen und viel mehr Leute würden auf viel mehr Dinge verzichten. Der Minimalismus treibt merkwürdige Blüten. Menschen packen ihren einzigen Besitz in sieben Koffer. Einige behaupten, sie würden nur noch 100 Dinge besitzen. Als hinge das Glück von einer bestimmten Zahl ab. Oder von einer Wohnung, die aussieht wie ein Reinraum.

Überflüssiges von Anderem zu unterscheiden, ist die eigentliche Herausforderung

US-amerikanische Forscher untersuchten 1991 die psychologischen Folgen eines Feuers in Kalifornien. Die Versicherungen ersetzten einen großen Teil des Besitzes, der verbrannt war. Dennoch berichteten viele Menschen von regelrechten Identitätskrisen. „Das Feuer nahm mir alles, was ich hatte, aber auch alles, was ich war.“ „Wir wurden Waisen ohne Erinnerung.“

William James, einer der Urväter der modernen Psychologie, prägte für den Besitz den Begriff des „erweiterten Selbst“. Die Gegenstände, die wir anschaffen und bei uns behalten, sind auch Teil unserer Identität. Diese Dinge stehen dafür, wer wir waren, wer wir sind und wer wir gern wären. Deshalb hängt unser Herz an scheinbar nutzlosen Dingen.

Einfachheit bedeutet nicht, sich so weit einzuschränken, bis nur noch 100 Gegenstände übrig bleiben – und nichts von der eigenen Persönlichkeit. Es geht eher darum, zu erkennen, was wirklich von Bedeutung ist und was überflüssig. Und wie wir das eine vom anderen unterscheiden.

Das ist die eigentliche Herausforderung. Das ist der Grund dafür, warum einfaches Leben so schwer ist. Wir leben ein Leben voller Möglichkeiten. Im Supermarkt kann ich zwischen 100 Sorten Marmelade wählen. Wenn ich einen Film schaue, könnte ich nebenbei auch noch Mails checken. Ich könnte weiterhin schreiben und damit mein Geld verdienen. Oder noch einmal etwas ganz Neues lernen. Ich könnte vielleicht woanders leben, mit jemand anderem.

Diese vielen Möglichkeiten vermitteln ein Gefühl der Freiheit. Zufrie­dener machen sie uns aber nicht. Denn jedes Mal, wenn ich mich für eine der Möglichkeiten entscheide, beschleicht mich das ungute Gefühl, etwas anderes verpasst zu haben. Kapitalismus und Konsum erzählen den Menschen, dass sie immer mehr haben wollen müssen.

Das führt zu einem Paradoxon: Wir spüren, was uns guttut: weniger Besitz, weniger Termine, weniger Bildschirmzeit. Aber wie trotzige Kinder kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen. Und verirren uns im sozialen Netzwerk. Und entscheiden uns für einen Job, der mehr Geld verspricht, uns aber nicht glücklich machen wird.

Wenn mir heute jemand eine größere Wohnung zu einem angemessenen Preis anbieten würde, würde ich vermutlich ohne zu zögern zuschlagen. Dabei fand ich meine Wohnung eigentlich immer groß genug. Noch im Jahr 1991 lebte jeder Bundesbürger auf durchschnittlich knapp 35 Quadrat­meter Wohnfläche. Im Jahr 2019 waren es schon 47 Quadratmeter.

Die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben mag groß sein. Aber die Versuchung, für ein paar Quadratmeter mehr den nächsten Kaufvertrag zu unterschreiben, ist offensichtlich größer. Die Kraft des Konsums ist so stark, dass er auch die Idee des Minimalismus längst gekapert hat. Das Wort „einfach“ war 2017 der am zweithäufigsten verwendete Begriff in deutschsprachigen Werbeslogans. Aldi warb mit dem Spruch „Einfach ist mehr.“ Die Firma Vorwerk preist das Küchengerät Thermomix an mit den Worten: „einfach“, „schnell“, „macht dein Leben leichter“. Die Maschine kostet 1325 Euro.

Einfach leben ist ein Zukunftsprojekt

Verzicht bedeutet eigentlich, etwas nicht zu tun. Wie schwierig kann das schon sein? Es ist nicht einfach, weil es bedeutet, einem mächtigen Impuls zu widerstehen. Ich habe mit dem Aufräumen begonnen. Das war ehrlich gesagt ein Klacks gegen den Versuch, weniger und nachhaltiger zu konsumieren.

Jeden Tag flattern mir analog und digital Sonderangebote und Werbung ins Haus. Ich muss Lebensmittelver­packungen studieren, um mich für ein gutes Produkt zu entscheiden. Das ist anstrengend. Es lohnt sich aber, weil Minimalismus und Verzicht notwendig sind, um den Planeten zu retten. Ich kann nicht weiter die Ressourcen der Erde ausbeuten und damit die Augen davor verschließen, dass deshalb Klima und Biodiversität vor die Hunde gehen.

Einfach leben ist ein Zukunftsprojekt. Es gibt Menschen, die veröffent­lichen Bücher, in denen steht, dass Verzicht Spaß macht. Es macht keinen Spaß. Verzicht ist eine Entscheidung. Das ist nicht einfach. Aber es fühlt sich einfach besser an.


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