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Meeresplastik Verblüffende Artenvielfalt: Forscher entdecken neues Ökosystem im Plastikmüll der Tiefsee

Muscheln an Meeresplastik
Festsitzende Organismen wie Muscheln nutzen Meeresplastik oft als Lebensraum
© tanewpix168 / shutterstock
Kunststoffreste in der Tiefsee bieten zahlreichen Lebensformen einen neuen Lebensraum. Forscher sprechen von einem „neuen Hotspot der Biodiversität“

Plastik in den Ozeanen gefährdet das Leben von zahllosen Meereslebewesen und Vögeln. Es findet sich nicht nur in der Nähe der Wasseroberfläche und an den Polen – sondern auch in der Tiefsee. Erst 2017 entdeckten Forscher Mikroplastik in Meeresorganismen vom Grund des Marianengrabens. In einer Tiefe von fast elf Kilometern.

Was die meisten dieser Bestandsaufnahmen übersehen: Plastikteile, die länger im Meer schwimmen oder auf dem schlammigen Meeresboden liegen, bieten manchen Organismen einen attraktiven Lebensraum. Ein Forscherteam um Xikun Song von der Universität Xiamen in China hat sich nun genauer angesehen, was auf und an Kunststoffresten in der Tiefsee lebt.

Polyp einer Schirmqualle
Jugenstadien von Schirmquallen, so genannte Polypen, brauchen feste Unterlagen zum Leben
© B. Ruthensteiner

Wie die Forscher im Fachmagazin Environmental Science & Technology Letters berichten, fanden sie in einem bis zu 3200 Meter tiefen Tiefseegraben im Südchinesischen Meer Folienreste, Verpackungen, Flaschen – hochgerechnet auf einen Quadratkilometer rund 52.000 sichtbare Plastikteile, auch als Makroplastik bezeichnet. Insgesamt 33 Teile konnten die Forscher mit ihrem U-Boot sichern und im Labor untersuchen.

„Hotspots der Biodiversität“

Das Ergebnis: Auf der Oberfläche des Kunststoffmülls fanden die Forscher insgesamt 1200 Organismen von einer Größe zwischen 0,4 und 25 Millimetern, die sie 49 verschiedenen Tierarten zuordnen konnten. Darunter Korallen und Seepocken, Würmer und Schnecken. Die häufigsten Arten waren festsitzende Jugendstadien von Schirmquallen und Armfüßer, muschelähnliche Schalentiere.

"Die Formenfülle, aber auch die Individuendichte auf einzelnen Stücken hat uns überrascht", sagt Ko-Autor Bernhard Ruthensteiner von der Zoologische Staatssammlung München laut einer Pressemitteilung. Die Forscher beschreiben die unterseeischen Mülldeponien in ihrer Studie als "Biodiversitäts-Hotspots", ähnlich hydrothermalen Quellen oder zum Meeresgrund gesunkenen Wal-Kadavern.

Und sie vermuten, dass die neuen Plastik-Behausungen in der Tiefsee langfristig ganze Ökosysteme verändern können.


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