Pestizide im Wein Umweltschützerin entlarvt "Öko"-Winzer im Bordeaux - und soll 450.000 Euro Schadenersatz zahlen

Manche Bordeaux-Weine werben mit einem "hohen Wert für die Umwelt" - enthalten aber Rückstände von bis zu 15 verschiedenen Pestiziden. Nun steht die Umweltschützerin, die den Skandal öffentlich gemacht hat, vor Gericht
Pestizidausbringung im Weinanbau

Im konventionellen Weinbau ist der Pestizideinsatz gang und gäbe - hier in der französischen Weinbauregion Chablis im Burgund

Seit Weihnachten 2020 steht die Umweltschützerin Valérie Murat vor einem Gericht in der französischen Kleinstadt Libourne bei Bordeaux. Der Vorwurf: Sie habe Weinbauern verunglimpft – und schädige den Ruf einer der wichtigsten und renommiertesten Weinbauregionen der Welt.

Was war passiert? Die 47-Jährige stammt selbst aus einer Winzerfamilie, ihr Vater starb an Lungenkrebs – einer Krankheit, die die französische landwirtschaftliche Sozialversicherung als Berufskrankheit anerkennt. Seither recherchiert Murat mit ihrer Organisation Alerte aux Toxiques („Giftalarm“) zum Pestizideinsatz im französischen Weinbau, wie das Umweltinstitut München berichtet.

Mit ihren Mitstreitern – darunter auch Winzerfamilien – machte Murat öffentlich, dass in den Weinbaugebieten versprühte Pestizide mit dem Wind auf Schulhöfe gelangen, sie klärte über die gesundheitlichen Folgen für die Winzer selbst auf. Und über Pestizid-Rückstände im Wein.

„Hoher ökologischer Wert“ trotz Pestizideinsatz?

Im Jahr 2020 nahm ihre Organisation das Thema Greenwashing unter die Lupe. Denn neben Winzern, die nach den Kriterien der etablierten Ökosiegel wirtschaften, gibt es auch konventionell arbeitende, die mit ökologisch klingenden Botschaften werben. So wird auf den Flaschen einiger Erzeuger mit dem Slogan „Haute Valeur Environnementale“ (HVE) geworben, zu deutsch „hoher ökologischer Wert“. Zu Unrecht, wie Murat fand.

Sie ließ Proben von insgesamt 22 HVE-Weingütern von einem unabhängigen Labor analysieren. Das Ergebnis: In allen Weinen fanden sich Pestizidrückstände, darunter auch von solchen Wirkstoffen, die im Verdacht stehen, in das menschliche Hormonsystem einzugreifen und die für Wasserorganismen schädlich sind.

Insgesamt listete das Labor 28 verschiedene, teilweise langlebige Wirkstoffe auf; in einzelnen Flaschen konnten gleich 15 von ihnen nachgewiesen werden. Die detaillierten Analyse-Ergebnisse stellte der Verein auf seine Homepage.

Branchenverband kritisiert öffentliche Laborbefunde

Dort sollen sie nun gelöscht werden, fordert der Branchenverband für Bordeaux-Weine (Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux, CIVB). Außerdem soll Murat insgesamt etwa 450.000 Euro zahlen – unter anderem als Schadenersatz für den Verband und die betroffenen Winzer.

Nach dem ersten Verhandlungstag in der Woche vor Weihnachten schrieb Murat auf Facebook über die „arrogant und aggressiv“ auftretenden Anwälte der Gegenseite. Und über persönliche Angriffe. Im Februar soll der Prozess fortgesetzt werden.

„Der Einsatz von giftigen Pestiziden im konventionellen Weinbau ist ein Teil der Realität“, kommentiert Karl Bär vom Umweltinstitut München. „Die Realität lässt sich nicht verstecken und die Wahrheit auszusprechen, ist kein Verbrechen. Durch den Prozess wird ganz Europa vom Pestizidproblem in seiner berühmtesten Weinbauregion erfahren. Denn obwohl Valérie ihren Aktivismus und den Prozess neben ihrem normalen Beruf stemmen muss, hat sie nicht vor, sich einschüchtern zu lassen.“

Einschüchterung als Strategie kennt auch Karl Bär. Der Umweltreferent vom Umweltinstitut München steht zurzeit wegen einer Buchveröffentlichung und einer Aufklärungskampagne im Zusammenhang mit dem hohen Pestizideinsatz auf den Südtiroler Apfelplantagen in Bozen vor Gericht.

Wenn die breite Öffentlichkeit von diesem Vorgehen gegen Kritiker erfahre, so Karl Bär, könne die Strategie des CIVB „nach hinten losgehen“.