Beiersdorf Wie der Nivea-Konzern das Plastik-Recycling vorantreiben will

Der Kosmetik-Hersteller Beiersdorf setzt bei seinen Verpackungen auf Recycling-Material. Wir sprachen mit zwei Experten des Konzerns über Herausforderungen und Ziele
Recycling, Beiersdorf

"Wir arbeiten mit den Recyclingunternehmen daran, die Sortierprozesse zu optimieren und störende Stoffe über die sogenannte Dekontamination wieder herausbekommen," sagt Michael Becker von Beiersdorf

GEO.de: Beiersdorf will bis zum Jahresende bei 90 Prozent seiner PET-Verpackungen für den europäischen Markt auf Recyclingmaterial umsteigen. Wo stehen Sie jetzt?

Michael Becker: Das Ziel wird erreicht.

Welchen Anteil machen PET-Verpackungen aus?

Michael Becker: Die Gesamtmenge von PET ist in unserem Haus natürlich eine geringere als in der Lebensmittel- oder der Waschmittelindustrie. Insgesamt sind das zehn Prozent unserer Flaschen. Der Hauptanteil ist bei uns HDPE. Das ist auch der Grund, warum wir intensiv daran arbeiten, auch das HDPE-Recycling zu steigern.

Norbert Menzel: Zwischen PET und HDPE gibt es einen großen Unterschied. PET ist transparent und kann leicht recycelt werden, und der Großteil des PET stammt aus sortierten Sammlungen aus der Foodindustrie. Bei HDPE ist der technische Aufwand deutlich höher, um Recycling-Material in der gewünschten Qualität und Menge zu erhalten. Wir haben gerade die erste HDPE-Flasche mit einem Recycling-Anteil von 97 Prozent gelauncht.

Warum nur 97 Prozent?

Norbert Menzel: 100 Prozent erreichen wir nicht ganz, weil wir Farbpigmente in den Flaschen verwenden, die nicht recycelbar sind. Da sind wir ehrlich und geben nicht „100 Prozent“ an.

Warum ist es generell so schwierig, bei Verpackungen auf Recycling-Material zurückzugreifen? Wir sammeln doch schon alles im Gelben Sack?

Michael Becker: Was im Gelben Sack landet, ist oft kontaminiert mit Verpackungsinhalt. Reste von Lebensmitteln und Haushaltsprodukten vermischen sich, und die organischen Stoffe beeinträchtigen die Qualität des Recycling-Materials. Für uns als Inverkehrbringer von kosmetischen Produkten, also von Produkten, die auf die Haut gebracht werden, ist die Produktsicherheit ein ganz wichtiger Punkt. Und darum arbeiten wir mit den Recyclingunternehmen daran, die Sortierprozesse zu optimieren und störende Stoffe über die sogenannte Dekontamination wieder herausbekommen.

Wie viel aus dem Gelben Sack ist denn für Sie überhaupt interessant?

Michael Becker: Zurzeit ist es so, dass wir nur etwa 30 Prozent aus dem Gelben Sack verwenden können. Wir überlegen momentan, wie wir die Sortiertechnologie verbessern können, etwa, indem wir Verpackungen mit einem maschinell lesbaren Marker versehen.

Sie schwimmen also gegen den Markttrend?

Michael Becker: Preislich gesehen, ja. Das wird für die komplette Industrie eine Herausforderung sein. Und es ist definitiv nicht hilfreich für die Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft.

Norbert Menzel: Wir hoffen, dass die Politik uns irgendwann unterstützt, zum Beispiel mit einer Steuer auf Produkte aus virgin plastic. Da gibt es im Moment noch ein Ungleichgewicht.

Was bedeutet das für Ihre Produktpreise?

Michael Becker: Bei der Preisgestaltung spielen viele Aspekte eine Rolle. Es ist nicht ohne weiteres möglich, gestiegene Preise, etwa für Verpackungen, an die Kunden weiterzugeben. Wir betrachten das als Investment unsererseits im Sinne unserer Nachhaltigkeitsziele und einer Kreislaufwirtschaft.

Sie entwickeln zusammen mit Werner & Mertz (Marke Frosch) einen neuen Industriestandard für Kosmetikverpackungen. Was bedeutet das?

Michael Becker: Das ist ein entscheidender Punkt. Wir wollen, dass nicht nur PET und HDPE, sondern alle Materialien aus dem Gelben Sack wiederverwendet werden. Die können zwar nicht im Foodbereich wiederverwendet werden, weil die entsprechende Regulierung das verbietet. Im Kosmetikbereich ginge es aber. Um dort die Standards zu setzen, unter welchen Bedingungen wir das machen können, arbeiten wir mit Werner & Mertz und dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung zusammen.

Wie reagiert die Branche?

Norbert Menzel: Die Vorarbeiten sind sehr positiv aufgenommen worden, und wir treiben die Finalisierung des Standards mit anderen großen Unternehmen voran. Wir gehen davon aus, dass der Standard weltweit Anerkennung finden wird.

Was sind die nächsten Schritte? Was ist Ihre Vision?

Michael Becker: Unser Ziel und unsere Vision ist die Kreislaufwirtschaft. Im Kunststoffbereich wollen wir bis 2025 in unseren Produkten 30 Prozent Recyclingmaterial einsetzen. Und wir wollen im Vergleich zu 2019 den Einsatz von virgin plastic um 50 Prozent reduzieren. Das ist ein sehr intensiver Prozess, der im vollen Gange ist. Ein weiteres wichtiges Thema ist für uns Materialeinsparung. Wir gehen davon aus, dass recyceltes Material auch mittelfristig teurer sein wird als virgin plastic. Das müssen wir irgendwie kompensieren. Wir haben gerade ein Produkt auf den Markt gebracht, dessen Flasche mit der Hälfte des Kunststoffs auskommt.

Norbert Menzel: Es ist für uns wie für alle Verpackungsingenieure eine sehr spannende Zeit. Recycling ist im Moment das Thema, das die größten Veränderungen in der Industrie mit sich bringt. Es wird sehr ernst genommen – und es geht definitiv in die richtige Richtung. 

 

Michael Becker ist Head of Global Packaging Development bei der Beiersdorf AG

Norbert Menzel ist Beiersdorf-Experte für das Thema Plastik/Recycling