Thunfisch-Zucht Der Superfisch: Forschern gelang das Unmögliche - doch um welchen Preis?

Japanischen Forschern ist gelungen, was Jahrzehnte als unmöglich galt: Blauflossenthune zu züchten. Damit wächst eine Hoffnung: Kann Aquakultur die Ozeane retten und die Welt ernähren? Denn das Meer ist leer gefischt und der Mensch hungrig. Doch was wäre der Preis dafür? Eine Spurensuche
Ein Pazifischer Blauflossenthun

Ein Pazifischer Blauflossenthun schwimmt mit Hunderten Artgenossen in einem Netzkäfig nahe Kushimoto in Japan. Forscher in einem weltweit einmaligen Projekt brauchten mehr als 30 Jahre für seine Zucht. Und gründeten Restaurants, in denen der Fisch auf der Speisekarte steht

Diese Geschichte handelt von einem Traum, den man kaufen kann, für 21,30 Euro. So viel kostet eine Portion Blauflossenthun im Restaurant der Kindai-Universität in Osaka, und wer sie bestellt, darf davon träumen, dass dieser Fisch nie von der Erde verschwindet.

Draußen im Ozean, in der Wirklichkeit, geht es dem Blauflossenthun schlecht. Es gibt zu wenige von ihm. Leider lässt sich das nicht mit der Realität des Marktes vereinbaren: Da sind zu viele, die ihn essen wollen.

Das Restaurant funktioniert deshalb wie eine Art Traumfabrik: Hier kommen ausschließlich Fische aus Aquakultur auf den Teller, aus der Zucht von Wassergetier. Dafür vollbrachten Forscher der Kindai-Universität ein kleines Wunder, denn Blauflossenthunfisch zu züchten schien utopisch: Mehr als 30 Jahre lang haben sie daran getüftelt, wie sich dieser Gigant in Käfigen großziehen lässt. Sie haben für ihn ein eigenes Ökosystem geschaffen, damit der Nachschub niemals versiegt, der Traum niemals endet.

Jeder, der hier Thun isst, weiß, woher der Fisch kommt. Auf der Speisekarte, an den Wänden, auf Monitoren: Überall sieht der Gast die Bilder aus der Kindai-Aquakultur. Urkunden beglaubigen die Nachhaltigkeit und die Erlesenheit der Ware. Was sich dahinter verbirgt, sieht hier niemand.

An diesem Spätnachmittag füllt sich das Restaurant schnell. Geschäftsleute in dunklen Anzügen ordern Blauflossenthun. Seine Zucht ist das Apollo-Projekt der Aquakultur. Sie ist eine Meisterleistung, sie rettet die Thunfische, setzt ein Zeichen der Hoffnung für die Ozeane. Und für die Ernährung einer hungrigen Welt. So sehen es einige.

Die Kellnerin reicht uns eine Schüssel mit neun winzigen Stücken Thun. Jedes Scheibchen durchziehen feinste weiße Schichten Fett. Blauflossenthun soll schmecken, wie man sich das Meer vorstellt: tief, komplex und wild. Sein Muskelfleisch steckt voller natürlicher Geschmacksverstärker. Im Mund entfalten sie, was man mit dem japanischen Wort umami umschreibt. Wohlgeschmack. Kenner genießen den Fisch roh. Pur wie in unserem Sashimi oder als Zutat beim Sushi.

Darf man den Blauflossenthun überhaupt essen?

Der Fotograf Christoph Gerigk und ich schauen uns an. In unseren Köpfen rumort eine Frage: Darf man den Blauflossenthun überhaupt essen? Denn da gibt es noch die andere Perspektive. Seine Zucht ist eine Meisterleistung, aber sie bringt die Thunfische dem Untergang näher, gefährdet die Umwelt, bedeutet ein schlechtes Omen für die Ozeane. Wo liegt die Wahrheit?

Wir haben sie gesucht, in Labors, Thunfischkäfigen, auf Fischmärkten und in Restaurants. Unsere Suche hat zu Gewissheiten geführt, darüber, was Aquakultur vermag. Und was der Preis dafür ist. Sie hat Eindrücke hinterlassen, die nachwirken. Die Geschichte beginnt im Reich eines Mannes, der den Fisch zu Gold macht.

 

Der König gewährt uns eine Audienz. Kiyoshi Kimura empfängt im sechsten Stock eines Hochhauses in Tokio. Seine Assistentin geleitet uns durch das Großraumbüro. Angestellte springen auf, drücken den Rücken durch und verneigen sich. In einem Separee mit Aussicht sitzt der Chef. Damenhände nesteln ihm das Jackett zurecht. Dann ist Herr Kimura, nach eigenen Angaben „Sushikönig“ und Präsident der „größten Sushi-und-Sashimi-Restaurantkette Japans“, bereit für das Interview.

Es gibt Menschen, die kaufen für 3,1 Millionen Dollar eine Villa in Beverly Hills oder ein Gemälde von Banksy. Kiyoshi Kimura hat dafür einen Pazifischen Blauflossenthun ersteigert, und er ist geneigt, mit uns darüber zu sprechen.

Am ersten Samstag im Januar 2019 bot er in Tokio den höchsten jemals gezahlten Preis für einen Blauflossenthun, 278 Kilogramm schwer, gefangen im Pazifik. Die Summe von 3,1 Millionen Dollar geisterte danach durchs Internet. Man sah die Bilder dazu, ein dicker Fisch und ein kleiner Mann. Der trug in der Hand ein Messer, und sein Gesicht glänzte vor Stolz.

Kiyoshi Kimura ließ später Visitenkarten drucken, die ihn als „Weltrekordbieter“ zeigen. Kimura, 67 Jahre alt, 1700 Angestellte, hat sein Königreich auf Fisch aufgebaut. Ein Drittel seines Umsatzes erziele er mit Blauflossenthun, sagt er, dem fettesten und schmackhaftesten aller Thune. Sein Coup auf dem Toyosu-shijo, einem der größten Fischmärkte der Welt, war ein weiterer Triumph der Macht. Wie immer hatte Kimura weit mehr als den üblichen Marktpreis hingelegt. Außerdem versucht er sich jedes Jahr den ersten Blauflossenthunfisch zu sichern. Weil das Glück bringen soll. Und weil der Rummel darum seine Restaurantkette in Japan noch bekannter macht.

Aquakultur

Kann Aquakultur den Pazifischen Blauflossenthun schützen? In einem Labor der Kindai-Universität auf der Insel Kii-shima nahe Kushimoto experimentieren Forscher mit Eiern und Larven des Giganten, die in Bottichen treiben. Den Wissenschaftlern der Hochschule gelang es 2002 erstmals, den Fisch zu züchten

2018 hatte Kimura noch rund ein Zehntel des Rekordpreises gezahlt. Ein Jahr später kosteten vier Kilogramm Thunfisch plötzlich mehr als ein Kilogramm Gold. Es waren nur Zahlen, aber in ihnen offenbarte sich ein Drama.

Schätzungen des International Scientific Committee for Tuna and Tuna-like Species zufolge hat die jahrzehntelange Überfischung die Biomasse der erwachsenen Tiere auf weniger als fünf Prozent geschrumpft. Fangquoten sollen jetzt die Restbestände schützen, und sie führen schon zu Engpässen. Auf dem Tokioter Fischgroßmarkt soll das Angebot binnen weniger Monate beinahe um die Hälfte eingebrochen sein, erzählen Händler. Niemand weiß, ob der Thunfisch da draußen im Pazifik noch so einfach zu retten ist.

Es wäre natürlich unfair, allein Menschen wie Kimura für den Niedergang verantwortlich zu machen. Man kann es fragwürdig finden, wie er den Blauflossenthunfisch als Statussymbol inszeniert. Oder dass er Dinge sagt wie: „Seine Haut muss sein wie die Haut einer jungen Frau, fest, aber elastisch. Dann ist er gut.“ Man kann es als merkwürdig bezeichnen, dass in seinem Büro auf den meisten Bildern er selbst zu sehen ist: Kimura mit Würdenträgern. Kimura im Kampfjet. Kimura im Wasser, wie er mit einem Thunfisch ringt, das Wasser rot von Blut. Aber Kimura kann sich nur zum Sushikönig krönen, weil seine Untertanen, die Verbraucher, es so wollen. Der Markt für Sushi in Japan ist gigantisch, der Blauflossenthun unter allen Zutaten das Nonplusultra.

Netzkäfige

In ringförmigen, von Schwimmkörpern getragenen Netzkäfigen wachsen die Thune heran, bis sie nach drei Jahren mit etwa 1,5 Meter Größe schlachtreif sind

Der speckige Fisch galt noch Mitte des 19. Jahrhunderts als ungenießbar, doch dann entdeckte ein Koch in Tokio eine Methode, ihn in Sojasoße zu marinieren, um seinen intensiven Geschmack zu dämpfen. Ab 1930 gehörte er unbedingt zum Sushi. Die Nachfrage nahm Tempo auf, als Fischer ihren frischen Fang schon an Bord einfrieren und so konservieren konnten.

In den 1970er Jahren begannen japanische Geschäftsleute sogar, Sportanglern in den USA und Kanada Thunfische für ein Trinkgeld abzukaufen und sie billig ins Heimatland transportieren zu lassen, darunter hauptsächlich Atlantischer Blauflossenthun, der hierzulande als Roter Thun bezeichnet wird und mit dem Pazifischen Blauflossenthun nahe verwandt ist. Sie beluden Frachtflug zeuge, die Fernsehgeräte und Videorekorder gebracht hatten und andernfalls leer zurückgeflogen wären, einfach mit Thunen. Der Nachschub schien geradezu unerschöpflich.

Heute importiert Japan drei Viertel aller weltweit gehandelten Blauflossenthune. Aber Sushi wird zunehmend ein Allerweltsgericht, das etliche Kulturen schätzen. Und allmählich will die Welt auch Blauflossenthun. In den USA, Italien oder Spanien etwa erwacht gerade der Bedarf. Japan drängt darauf, die Fangquoten wieder zu lockern. Das sind gute Nachrichten für all jene, die mit ihm Geld verdienen, und schlechte für den Fisch.

Lachs ist ein Mittelstandsfisch geworden

Nein!, antwortet Kiyoshi Kimura auf die Frage, ob der Blauflossenthun ausstirbt. „Das wird nicht passieren!“, ruft er, und seine Stimme schwillt zu einem Brüllen an. „Wir haben die Aquakultur!“ Die beiden Assistentinnen und der Assistent, die neben ihm auf Stühlen postiert sind, nicken. Woher er den Zuchtfisch bezieht, will er nicht verraten.

Aber er sei in der Lage, mehr und mehr davon auf den Markt zu bringen. Als wir gehen, rennt eine Sekretärin hinter uns her. „Es ist Herrn Kimura wichtig zu betonen“, sagt sie höflich, „dass der Blauflossenthunfisch niemals aussterben wird.“ Für uns hört sich das so an: Es gibt ein Problem, aber wir kriegen es in den Griff.

Schon immer suchte der Mensch nach Kontrolle, angesichts der Unwägbarkeiten der Natur. So macht es Kimura, wenn er auf die Aquakultur setzt – und so taten es rund 8000 Jahre vor ihm die Steinzeitbauern, die Karpfen auf Reisfeldern hielten. Die Pioniere der Fischzucht sicherten sich auf diese Weise ihre Versorgung.

Und so war es auch vor nicht langer Zeit, als der Atlantische Lachs in Europa und den USA auszusterben drohte. Da nahm man ein paar Exemplare, sperrte sie in Käfige und fütterte sie. Man wählte die schnell Wachsenden aus, vervielfältigte sie und machte aus ihnen eine zuverlässige Ressource. Der Mensch gewann Kontrolle über die Natur. 

Heute ist Lachs eine Industrieware mit eigenem Nasdaq-Index; er ist ein Mittelstandsfisch geworden. Das Verhältnis Zuchtlachs zu Atlantischem Wildlachs inzwischen: 1000 zu eins. Sein Fantasiename: Salmo domesticus, der Hauslachs. Die Frage ist nun, ob sich auch der Thun bändigen lässt. Und schließlich: Ob Aquakultur eine globale Herausforderung meistern kann – die Ernährung der Menschheit zu sichern.

Für Japaner ist der Blauflossenthun fast ein nationales Heiligtum

Hunderte Kilometer südlich von Tokio beginnt das Ringen um die Kontrolle mit einem Ei. Es ist transparent, gerade einen Millimeter groß. Das Ei schwimmt im Salzwasser mit Tausenden von seinesgleichen, und jedes trägt in sich die Larve eines Blauflossenthuns. Sauerstoff perlt in die Bottiche, in denen die Eierwolken treiben.
Forscher in Gummistiefeln messen die Temperatur und dosieren die Beleuchtung. In ein paar Stunden soll wieder mal das Wunder geschehen, sollen die Larven in einem Labor auf der japanischen Insel Kii-Oshima schlüpfen. So fängt es an.

In drei Jahren werden vielleicht zweihundert Thunfische übrig sein, in Netzkäfigen ziehen sie dann ihre Kreise nahe der „Oshima Station“, dem auf Kii-Oshima gelegenen Aquakultur-Forschungsinstitut der Kindai-Universität. Sie sind noch jung, höchstens 150 Zentimeter lang, aber schon alt genug für die Schlachtung. So hört es auf.
Wenn alles läuft. Aber dazwischen lauern die Probleme. Das weiß Yoshifumi Sawada, Professor der Fischereibiologie und Direktor der Station, besser als kaum jemand sonst. Sawada züchtet nicht nur das wertvollste Nutztier der Erde. Sondern auch das komplizierteste. Thunnus orientalis, der Pazifische Blauflossenthun, ist ausgewachsen ein bis zu drei Meter großer und knapp eine halbe Tonne schwerer Räuber. Draußen im Pazifik jagt er Makrelen und Tintenfische, fegt mit bis zu 70 Sachen durchs Meer. Drinnen in Sawadas Gehegen auf Kii-Oshima stellt er eine beispiellose Herausforderung dar.

Der Professor ringt Tag und Nacht mit seinem Forschungsobjekt. Er hat es zum Glück nicht weit: Ein paar Schritte sind es nur von seiner Wohnung zu den Labors oder zum Kai, wo die Boote liegen. Wann immer es seine Zeit zulässt, schaut er in den Tanks und den Käfigen in der Bucht nach, wie es seinen Schützlingen geht. „Ich nenne sie meine Töchter und Söhne“, sagt Sawada, kinderlos, Jahrgang 1959, seit 23 Jahren auf Kii-Oshima und ein Mann von distanzierter Höflichkeit.

Als wir ihn zum ersten Mal treffen, überreicht er uns zwei in Klarsichtfolie gehüllte Ablaufpläne auf Englisch, die zeigen, was wir wann besichtigen dürfen. Von Sekunde eins unseres Besuchs an scheint mir: Sawada und seine Kollegen werden versuchen, die Recherche zu lenken. In diesem Moment ahnen wir noch nicht, welche erstaunlichen Einsichten uns der Plan verschaffen wird. An den beiden letzten Tagen unseres Aufenthalts sind Tauchgänge in den Gehegen vorgesehen.

Woran sterben Jungfische?

Woran sterben Jungfische? Der Aquakultur-Spezialist Tomoki Honryountersucht Röntgen­bilder von Fingerlingen. Viele, so zeigt sich, gehenan Kunststoffpartikelnzugrunde. Oder an Verletzungen, etwa nachZusammenstößen

Noch vor Sawadas Zeit, um 1970, fischten Wissenschaftler der Oshima Station die ersten Jungtiere aus dem Meer, um sie zu beobachten. Sie wussten fast nichts. Niemand hatte zuvor versucht, Blauflossenthun wie einen Goldfisch zu halten. Es war ein Experiment der biologischen Grundlagenforschung. Die Menschen auf Kii-Oshima glaubten, die Forscher seien verrückt geworden.

Für Japaner ist der Blauflossenthun fast ein nationales Heiligtum, er gilt als Symbol der Stärke. Seine Rückenfinne kann er einfahren, um die Stromlinienform zu optimieren. Auf Wanderungen legt er Tausende Kilometer zurück. Bis zu 26 Jahre wird er alt. Sein Leib ist so starr, dass er sich selbst bei heftigstem Schlagen der Schwanzflosse kaum verformt. Seine Muskeln speisen Wärme zurück ins Körperinnere. Deshalb durchschwimmt er selbst kühle Gewässer im Höchsttempo.
Aber die Forscher, so erzählt es Sawada heute, stoßen seinerzeit auf Schwächen, als sie die ersten Tiere fangen: Deren Haut reißt, wenn sie mit Netzen und Angelhaken in Kontakt gerät. Sie reißt sogar, als sie sie nur anfassen. Die Haut entzündet sich, sämtliche Gefangenen sterben.
Ein paar Jahre später gelingt es, die Thunfische ohne Verletzungen zu bergen und in ein Gehege im Meer zu setzen. Was genau Sawadas Kollegen verändert hatten, erzählt uns der Professor nicht. Ein Betriebsgeheimnis.

Aus Fischlein werden schließlich Riesen, eines der Weibchen legt sogar Eier. Die Wissenschaftler schöpfen sie aus dem Wasser und bringen sie ins Labor. Doch erst im Jahr danach schlüpfen aus Eiern auch Larven. Und damit fangen neue Schwierigkeiten an. Larven gehen zugrunde, ohne erkennbare Ursache. Larven, die überleben, haben nach drei Tagen all ihre Vorräte aus dem Dotter aufgebraucht. Und suchen gierig nach Beute. Ein Lachs dagegen lebt sparsam, er zehrt bis zu vier Wochen von seinem Dottersack. Danach begnügt er sich in der Zucht mit Trockenfutter. Sein Magen-Darm-Trakt ist schon so weit entwickelt, dass er fast alles verdauen kann. Sogar die Fertignahrung der Aquakultur.

Wenn die Lachse die Musterschüler der Zucht sind, dann sind die Blauflossenthune die Problemkinder: maßlos und wählerisch zugleich. Mit Fischmehl braucht man ihnen nach Tag drei gar nicht erst zu kommen. Ihr Verdauungssystem verlangt vielmehr nach lebendem Plankton.
Zehn Tage lang bleibt zwischen ihnen alles friedlich. Dann beobachten die damaligen Forscher, wie den Fischen Zähne wachsen – und sie sich gegenseitig auffressen. Man muss sie mit Essbarem ablenken. Das funktioniert, sofern sich das Futter bewegt und jagen lässt. Die Forscher füttern die Gourmets mit Larven von Stachelmakrelen.

Der Chef persönlich fährt uns zu seinen Kindern

Das nächste problem taucht auf an Tag 25. Die Thune haben ihre Schwanzflossen ausgebildet. Es fehlen jedoch die Brustflossen, die beim Steuern helfen. Sie besitzen zwar den Motor, aber noch keine verlässliche Lenkung. Außerdem können sie noch nicht scharf sehen. In der Weite des Ozeans gibt es kaum Hindernisse. Da macht es nichts, wenn sie unbeholfen durchs Wasser preschen. In den Bottichen der Labors auf Kii-Oshima aber rasen sie ungebremst gegen die Wände, wenn etwas sie aufscheucht, ein Geräusch oder ein Licht. Die Überlebensrate nach drei Monaten: fünf Prozent.

Sobald die Thune fingerlang sind, siedeln die Wissenschaftler sie ins Meer vor dem Institut um. Aber auch dort in einem aus Netz gebauten Käfig gehen die Fische immer wieder nach Karambolagen zugrunde. Besonders nachts.

Der Chef persönlich fährt uns zu seinen Kindern – der Generation, die er heute betreut. Mit sonorem Brummen tuckert Sawadas Barkasse durch die türkisfarbene See.

Christoph Gerigk schraubt an der Stange, mit der er seine Kamera unter Wasser halten und per Fernsteuerung auslösen kann. Wir dürfen heute das erste Mal draußen Thune fotografieren, Sawada will dabei sein und schauen, wie seine Tiere auf das unbekannte Objekt reagieren. Vorbei geht es an der Insel Kii-Oshima, auf der anderen Seite der Meerenge liegt das Festland mit dem Hafen und der Häuserzeile des Städtchens Kushimoto.

Das künstliche Ökosystem der Thune nahm in den 1990er Jahren Gestalt an, und seine Lage ist klug gewählt. Die Küste Kushimotos ist dünn besiedelt wie das Eiland selber. Keine Industrieabflüsse verpesten den Pazifik. Zwar verschlägt es Angler in die Provinz im Süden der Hauptinsel Honshu, aber Touristenboote sind rar.

Das Wasser ist meist klar und zwischen 14 und 29 Grad Celsius warm. Für den Blauflossenthun ist es perfekt. Am Meeresgrund ankern mehrere Netzkäfige, 15 Meter breit sind sie für die Fingerlinge, 30 Meter für die Großen, gekrönt jeweils von einem ringförmigen Schwimmkörper. Die Kreise sind so etwas wie das Logo der Aquakultur.
In der Enge zwischen Kii-Oshima und dem Festland liegen die Gehege geschützt, eine sanfte Tide trägt den Dreck der Versuchstiere fort. Die Fahrt vom Labor, wo Eier und Larven reifen, bis zu den Käfigen dauert mit dem Boot nur Minuten.

„Streifen oder Punkte reduzieren die Zahl der Toten“

Lange Jahre, so erinnert sich Professor Sawada, sind die Verluste unter den Blauflossenthunen groß. Aber die Fisch farmer lernen. Und sie entdecken schließlich einen Weg, mehr Larven durchzubringen. Das Problem ist die Oberflächenspannung des Wassers in den Tanks. Die Spannung lässt die Larven an der Oberfläche kleben, wo sie schließlich sterben. Ein paar Tropfen Fischöl pro Bottich verhindern das.

Zu der Zeit begreifen die Forscher: Sie können die Bedingungen nicht 1:1 nachstellen, ihr Ökosystem wird immer ein Behelf bleiben. Aber sie nähern es der Realität an, finden heraus, welcher Sauerstoffgehalt und welche Temperatur des Wassers ideal sind. Wenn die Larven schlüpfen, ist die Beleuchtung im Labor entscheidend, erfahren sie. Bei der richtigen Dosis gedeiht der Nachwuchs. Lässt man es zu lange an, geht er zugrunde.

Irgendwann kommen die Biologen darauf, dass Muster wichtig sind, um die Kollisionen zwischen Fisch und Wand einzudämmen. „Streifen oder Punkte reduzieren die Zahl der Toten“, sagt Sawada, ohne viel mehr zu verraten. Die ganze Zeit über ist der Professor freundlich bemüht, uns seine Forschung zu vermitteln und dabei nicht allzu viele Details preiszugeben.

Denn wer den Schlüssel zur Zucht eines Blauflossenthuns findet, der will nicht, dass der Rest der Welt davon alles erfährt.

Draußen in den Gehegen probieren sie es zunächst mit dehnbarem Geflecht, das den Auffahrunfällen die Wucht nehmen soll. Aber auch daran verletzen sich die Tiere. Netze in Signalfarben zeigen ebenfalls keine Wirkung. Rasch überwuchern Algen die Maschen. Die Fischzüchter experimentieren jahrelang auch mit Lampen, die sie in der Mitte der Käfige knapp über dem Wasser aufhängen. Ihre Tiere kreisen nach der Dämmerung um die Leuchte wie Motten. Doch nur eine ganz bestimmte Intensität lenkt den Schwarm in ruhige Bahnen, senkt die Zahl der Todesfälle.

Sie röntgen die Leichen von Thunfischchen, die sich am Boden der Gehege sammeln. Sie sehen verkrümmte Kiefer, eine Folge der Zusammenstöße. Sie sehen auch Kunststoffbröckchen in den Mägen. Viele verenden daran, stellt sich heraus. Styropor ist besonders tödlich. Niemand kann verhindern, dass die kleinen Thune in den Netzkäfigen danach schnappen. Doch immerhin ist nun eine weitere Todesursache bekannt.

Sie versuchen, die Tiere einzeln zu kennzeichnen. Wer züchten will, muss gut von schlecht, groß von klein, dick von dünn trennen, muss Daten sammeln. Das Experiment scheitert: Die in das Muskelfleisch geschobenen Marker werden zu schnell wieder abgestoßen.

Yoshifumi  Sawada

Nur ein paar Minuten braucht Institutsdirektor Yoshifumi Sawada mit dem Boot vom Labor bis zu den Thunfischkäfigen in der Bucht von Kushimoto. So können die Forscher jeden Tag ihre kostbaren Tiere kontrollieren

Die bedeutendste Leistung der Forscher liegt vielleicht in der Geduld. Zehn Jahre lang laichen ihre Thune nicht. Die Biologen probieren es mit Hormonen. Ohne Erfolg. Das Meer ist zu kalt für Thunfisch-Sex, vermuten sie. Sie bauen ein beheizbares Gehege mit geschlossenen Wänden. Aber der Versuch, die Wassertemperatur zu steuern, schlägt fehl. Die Strömung zerrt zu stark an dem Käfig.

Am Ende wird ihnen klar, dass es mit der Ernährung zu tun hat. Sie stellen sie um. Und dann legen die Blauflossenthune auch wieder Eier.
Der Durchbruch glückt erst nach 32 Jahren Forschung: Aus in Gefangenschaft entstandenen Eiern sind Thune hervorgegangen, die am 23. Juni 2002 erstmals selber laichen. Niemand ist das bis zu diesem Zeitpunkt gelungen. Endlich wird der Traum Realität. Die Kindai-Universität züchtet an vielen Standorten in Japan insgesamt 18 Arten Fisch, doch der Blauflossenthun überstrahlt alles.

Zwar sterben immer noch zu viele Tiere; aus 100 Eiern erzeugen die Forscher im Durchschnitt nur zwei schlachtreife Thune. Bei Meerbrassen, die in den Bassins der Kindai-Universität heranwachsen, kommt die Hälfte durch. Das hört sich wie ein schlechter Deal an, aber der Markt lockt mit satten Preisen.
Das Institut gründet ein Restaurant in Osaka, eines in Tokio. Und es stockt die Produktion auf. Die offizielle Stückzahl heute: 2000 erwachsene Tiere pro Jahr. Das Unglück im Hunderte Kilometer entfernten Fukushima habe ihnen Kundschaft gebracht, sagt Sawada. Weil manche Abnehmer sicherstellen wollten, dass ihr Sushi möglichst weit weg von verseuchtem Wasser war.

Vor allem aber verdient die Oshima Station jetzt Geld mit dem Verkauf ihrer Jungfische an die Aquakultur-Farmer der Region. Thune werden schon seit Jahrzehnten kommerziell gezüchtet, allerdings fangen die Betreiber dafür wilde Tiere ein und mästen sie für kurze Zeit in Käfigen.

Vom Meer unabhängige Aquakultur des Gelbflossenthuns

„Das aber dezimiert den Bestand weiter“, sagt der Professor, „daher hilft es dem Thun da draußen, wenn wir ihnen jetzt unsere Fische liefern.“
Die Zukunft sieht also schimmernd aus, für den Blauflossenthun und für das Institut. Sie wollen die Kooperation mit anderen Unternehmen ausweiten und ihren Thun mehr und mehr in Lizenz züchten lassen. Auch die Konkurrenz aus der Industrie arbeitet daran, Blauflossenthune von null großzuziehen, und angeblich gibt es erste Erfolge. Sawada sieht schon ein neues Projekt: die vollständige, vom Meer unabhängige Aquakultur des Gelbflossenthuns.

Das könnte der überfischten Art ebenfalls die Existenz sichern. Alles, was sie über Blauflossenthune gelernt haben, kann helfen. Der kleinere Verwandte hat zwar nicht denselben Luxusstatus. Sein Fleisch aber ist die Basis für jedes Sushi. Man kann ihn überall in tropischen und subtropischen Meeren aufziehen. Sein Territorium ist weit größer als das des Blauflossenthuns. Und das heißt: Eine Massenproduktion wäre möglich.

Eigentlich könnte die Geschichte an dieser Stelle ausklingen. Sie könnte noch darauf verweisen, dass es nicht nur um Thune geht. Sondern auch um eine zentrale Frage der Welternährung: Wie kommt in Zukunft Fisch auf den Tisch? Sie könnte berichten, dass 90 Prozent der wilden Bestände in den Ozeanen als dezimiert gelten und die Menschheit ohne Aquakultur einen Schatz verliert. Dass Zucht schon heute fast die Hälfte aller Meeresfrüchte hervorbringt, rechnet man Gehege im Süßwasser hinzu. Und damit die richtige Antwort auf die Krise in den Ozeanen liefert.

Das wäre aber nur die halbe Wahrheit. Denn das Ökosystem, das die Forscher vor Kii-Oshima für ihre Thunfische gebaut haben, besteht nicht nur aus Bottichen und Netzen. Damit es ein Ökosystem sein kann, müssen darin noch andere Lebewesen vorkommen, die das System am Laufen halten. Selbst wenn sie gar nicht mehr leben.
In diesem Fall sind das kleine braune Bällchen, die ein Mitarbeiter des Instituts jetzt Schaufel für Schaufel in den Netzkäfig schippt, nachdem Sawada das Boot an dessen Seite vertäut hat. Vor unseren Augen zerfurchen graue Geschosse das Wasser – die halbwüchsigen Blauflossenthune holen sich ihre Beute: zu Kügelchen gepresstes Fischmehl, gemixt mit geheimen Zutaten. Ihr Magen-Darm-Trakt ist inzwischen so robust, dass sie Fertigkost zu vertragen scheinen. Am Rand darf Christoph Gerigk seine Kamera ins Gehege senken.

Erfindung des Zuchtlachses hat das Verlangen nach Lachs erst entfacht

Die großen Thune bekommen auch ganzen Fisch. Er stammt vom Festland. Wie eine Festung erhebt sich dort, nicht weit von unserem Hotel, die Kühlhalle von Kushimoto. Sie versorgt die Farmen rund um Kii-Oshima mit Sardinen und anderen kleinen Fischen. Täglich treffen Lastwagen ein, voll mit Futter. Nicht nur die Kindai-Universität bezieht von hier, auch die kommerziellen Züchter holen sich palettenweise gefrorenen Fisch und verschiffen sie zu den Käfigen, um Blauflossenthune zu mästen.

Wird am Kai verladen, lauern Krähen, Schwarzmilane und Reiher auf ihren Anteil. Das Schauspiel schärft den Blick für ein Dilemma: Raubtiere wollen Fleisch. Viel Fleisch. Lachs benötigt im Schnitt bis zu fünf Kilogramm, um sich ein Kilogramm Gewicht anzufuttern. Für dieses problematische Verhältnis hat die Aquakultur-Industrie ein Wortgebilde geschaffen: „FiFo“ – Fish in, Fish out. Fisch rein, Fisch raus. Lachs-FiFo 5:1. Blauflossenthun-FiFo 15:1. Beim „Porsche of the Seas“, wie manche den Thun nennen, ist der Verbrauch so ungezügelt wie bei einem Sportwagen.

Weil die Aquakultur aber weltweit boomt, sind die Preise für Sardinen, Anchovis oder Makrelen binnen wenigen Jahrzehnten um das Zwei- bis Dreifache gestiegen. Und der Futterfisch droht knapp zu werden. Was besonders Menschen in Entwicklungsländern trifft, wo das Kleinzeug oft die Eiweißversorgung sichert. Wer also davon träumt, dass der Thun als Produkt überlebt, muss den Traum auch zu Ende träumen. Und da steht die Frage, woher die Fischmahlzeit des Riesen kommen soll. Was passiert, wenn immer mehr von ihnen in Käfigen aufwachsen?

Die Erfindung des Zuchtlachses hat das Verlangen nach Lachs erst entfacht. Auch weil dessen industrielle Produktion die Preise drückt. Sie wirft jedes Jahr zweieinhalb Millionen Tonnen Lachs auf den Markt – in der westlichen Welt geht kein anderer Fisch häufiger über die Ladentheke. Kein Zweig auf dem Agrarsektor wächst rapider als die Lachszucht. Kein Meer, kein Fluss könnte diesen Bedarf decken. Wie aber stopft man Abermillionen Lachsmünder in den Gehegen? Und was wäre, wenn Massen an Thunfischen hinzukämen?

Sardinen

Stapelweise werden Sardinen aufgetaut und an die Zuchtthune nahe Kushimoto verfüttert. Denn Räuber wie der Thun, in Massen gehalten, fressen massenhaft Fleisch

Forscher glauben, eine Antwort gefunden zu haben: Soja. In der Lachszucht ersetzt die Bohne das Fischmehl zu bis zu 80 Prozent. An der Kindai-Universität testen sie gerade, ob sich auch Thune mit der eiweißreichen Zutat füttern lassen. Sie seien bei einem Anteil von gut 20 Prozent, erzählt Amal Biswas, 45 Jahre alt, Ernährungsspezialist.

Bei Lachsen kann die vegane Kost je nach Rezeptur allerdings die Gedärme schrumpfen lassen und das Wachstum drosseln. „Im Blauflossenthun entzündet sich bei falscher Dosierung der Magen-Darm-Trakt. Oder die Leber geht kaputt“, sagt Biswas. Deswegen experimentieren sie mit Mehl aus Insekten, Bakterienprotein, Blut und Abfällen der Geflügelmast und der Fischverarbeitung. Und mit selbst gezogenen Algen. Aber vor allem suchen sie Auswege aus einer Sackgasse.

Nach einer Prognose der amerikanischen Soja-Industrie könnte die Nachfrage nach der Bohne in den nächsten Jahrzehnten explodieren. Weil immer mehr Fische, Schweine, Hühner Soja fressen sollen. Ein Drittel der weltweiten Ernte könnte demnächst von der Aquakultur verschlungen werden. Nur: Woher soll so viel Soja kommen? „Wer eine Lösung findet“, sagt Amal Biswas, „der erlangt den Heiligen Gral der Aquakultur.“

Als wir zurück im Institut sind, klicken wir uns durch die Aufnahmen der Unterwasserkamera, die Christoph Gerigk im Netzkäfig versenkt hatte. Die Forscher haben für uns im Konferenzraum Platz geschaffen, wir sind unter uns. Von einem Podest stiert ein ausgestopfter, 2,20 Meter langer Blauflossenthun.
Die Fotos von den lebenden Nachfolgern, sehen wir sofort, sind gut. Das Wasser ist trübe, aber man erkennt ein paar Details. Und dann bemerken wir die Missbildungen. Bei zwei der jugendlichen Blauflossenthune wirken die Mäuler sonderbar verformt. Bei einem Tier glauben wir eine Entzündung zu sehen, bei einem anderen scheinen die Kiemen auf einer Seite zudem zerfetzt.

„Deformationen“ kämen schon mal vor

„Deformationen“ hätten ihre Thune schon mal, räumt er ein und scheint sich jedes Wort zu überlegen: Yasuo Agawa, am Institut zuständig für Molekularbiologie und Genetik. Sie hätten Probleme, sagt der Forscher. Zum Beispiel mit einem unangenehmen Gast, der die Enge der Gehege ausnutzt. Der winzige Saugwurm Cardicola orientalis. Er sucht gern Schnecken und Borstenwürmer heim, die auf den Netzen sitzen. Verlässt dann seine Zwischenwirte und entert die Kiemen eines vorbeischwimmenden Thunfischs.

Dringt bis zum Herzen vor und legt Eier, die der Blutstrom bis in die Kapillaren der Atemorgane trägt. Wo die Eier dann alles verstopfen, Infektionen verursachen und das Gewebe zerstören können. Etwa jeder zehnte befallene Fisch sterbe daran. Für Menschen aber sei der Schmarotzer nicht gefährlich. „Außerdem behandeln wir die Thune mit Entwurmungsmitteln“, sagt Agawa. Sie hätten es unter Kontrolle. Aber da wären außerdem noch die Kollisionen, Thunfisch gegen Käfig.

Der Gedanke an Parasiten und Auffahrunfälle lässt mich nicht los, als wir für Fotoaufnahmen in den Käfig hinabtauchen. Das Wasser ist milchig, auf den ersten Metern sehe ich fast nichts. Weiter unten klart die Sicht ein wenig auf. Schon hagelt es Projektile: Thunfische, vielleicht einen halben Meter lang, schießen an uns vorbei. Schlanke, stromlinienförmige Wesen. Von Verformungen ist in dem Sturm aus Körpern nichts zu erkennen.

Auch nicht beim zweiten Tauchgang, als wir uns den Großen nähern. Außerhalb des Netzes sinken wir in die Tiefe. Innen wäre es zu gefährlich, hatte Sawada gesagt. Ein Zusammenprall könnte für uns tödlich enden. Wir schauen durch die Maschen auf die Tiere, die kraftvoll ihre Runden drehen. Sie erscheinen, mustern uns durch das Geflecht. Verschwinden, bis sie plötzlich wieder auftauchen. Als wären es Trugbilder. Bei uns hält sich das Gefühl, dass hier nicht alles stimmt.

Einen Tag später, am Nachmittag vor unserem Heimflug, hocken wir in Osaka vor der Portion Blauflossenthun. Wir haben das Sashimi bestellt und wissen nicht, ob wir es essen sollen. „Danke, dass du heute den Gaumen des Kunden erfreust“, steht auf der beiliegenden Visitenkarte in blauer Schrift. Es ist eine Widmung an den Thun, der in Scheiben vor uns auf Eis liegt. „Du hast das Aquakultur-Curriculum mit Bestnote bestanden.“

Mir fällt der FiFo-Index wieder ein. In diesem Augenblick wird ein abstrakter Zusammenhang greifbar. Ich stelle mir vor, wie viele Sardinen in diesen Stückchen stecken. Wie viel Aufwand nötig war, wie viele tote Thunfische es gekostet hat, damit das Business ins Rollen kommen und das Restaurant öffnen konnte. Ich denke an Kimuras Auftritt, an die Käfige, die Parasiten, die deformierten Thune. Und frage mich, ob nicht die genetische Vielfalt im Laufe der Zucht gelitten hat.

Das erste Stück Blauflossenthun zerfließt fast auf der Zunge, so zart ist es. Ein kleines Scheibchen vom großen Traum, der für uns jetzt endet.

Bilder zeigen sonderbare Kreaturen

Drei Wochen später schauen wir uns alle Bilder an, die während der Recherche entstanden sind. Zum ersten Mal sehen wir weitere sonderbare Fische. Da sind krummschnäuzige Kreaturen. Wesen mit nur einem Auge. Tiere mit verdicktem Unterkiefer. Und solche, bei denen sich unterhalb des Mauls ein weiteres Maul zu öffnen scheint – als machte ein zweiter Fischkopf dem ersten Konkurrenz.

Ich fahre zu Dušan Palic nach München, einem Experten für Fischkrankheiten an der Ludwig-Maximilians-Universität, und lege ihm die Fotos vor. Unter Hunderten Fischen sind wir auf vielleicht 40 Tiere mit solchen Verformungen gestoßen. Palíc weiß nichts über die Recherche, kennt weder die Bedingungen der Zucht noch die Herkunft der Bilder. Ich nenne ihm die spärlichen Informationen, die Yasuo Agawa mir zugestanden hat, über den Saugwurm Cardicola orientalis, Kollisionen und das dezimierte Erbgut der Thune.

Mutation

Beim Tauchen in einem der Netzkäfige begegnet GEO-­Reporter Jörn Auf dem Kampe diesem Thun, der aussieht, als bilde er einen zweiten Kopfaus. Zwischen den gesunden Fischen schwimmen einige mit starken Verformungen. Inzucht könnte ein Grund dafür sein. Durch Züchtung geht die genetische Vielfalt verloren – auch in der Aquakultur

„Der Parasit ist nicht die Ursache“, sagt der Tierarzt Palic, „und uns wird er auch nicht gefährlich, selbst wenn wir Sushi essen.“ Kollisionen aber könnten sicherlich ein Grund für viele Missbildungen sein. Und die Probleme mit dem Erbgut. Wer züchtet, schottet seine Tiere von der Umwelt ab, verhindert natürliche Vermischung, lenkt die Evolution. Und nimmt Fehlbildungen in Kauf. Oder sogar Inzucht. „Selbst für die Maßstäbe der Aquakultur“, schreibt mir Palic später, „erscheint der Genpool in diesem Fall enorm reduziert.“

Als wir die Japaner mit einem der Bilder und unseren Vermutungen konfrontieren, wiegelt Sawada ab. Grund für die Deformationen seien Unfälle in den Gehegen, nicht der Parasit. Und auch nicht das Erbgut. Yasuo Agawa, der Genetiker, wird sich bis Redaktionsschluss gar nicht äußern. Als wir ihn und seine Kollegen in Kushimoto trafen, war es schon schwer, Zwischentöne einzufangen, hinter die Fassade zu blicken. Jetzt scheint er sich abzuschotten. Aber wir haben die Bilder und die Einschätzung von Dušan Palic.

Und für mich bedeuten sie: Diese Tiere sollten besser nicht ausbrechen. Viele der Thune sind offenbar genetisch verarmt, pflanzen sich aber vielleicht dennoch fort. Auch Zuchtlachse brechen immer wieder aus und kontaminieren das Erbgut verbliebener Wildbestände. Spätestens damit wird aus der Traumfabrik ein Albtraum.

Daraus folgern wir: Raubtiere wie Lachse und Thunfische eignen sich nicht für die Zucht im industriellen Maßstab, weil sie zu viel fressen und ihr Erbgut verstreuen können.
„Wir haben uns auf die Aquakultur eingelassen“, sagt der Meeresbiologe Philipp Kanstinger vom WWF Deutschland, „nun müssen wir lernen, damit umzugehen.“

Er sagt auch: „Keine Zucht schützt den wilden Bestand.“ Der Atlantische Lachs ist in der Natur immer noch bedroht, trotz großflächiger Aquakultur. Eine solche Zucht erschafft nur eine Illusion von Rettung. Sie kompensiert ein einst funktionierendes Ökosystem durch ein künstliches, das Probleme hat. Sie erzeugt ein neues Lebewesen. Die Frage ist nur, ob der Preis dafür nicht zu hoch ist.