African-European Youth Forum "Wir wollen uns einbringen - wenn man uns lässt"

Wie wird die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika aussehen? Für die Beantwortung dieser Frage zog Entwicklungsminister Gerd Müller jetzt 100 junge Menschen aus 45 Staaten zu Rate. Ein Rückblick auf das erste rein virtuelle African-European Youth Forum
"Wir wollen uns einbringen - wenn man uns lässt"

Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, lud zum ersten rein virtuellen African-European Youth Forum 

Es hakt etwas bei der Verbindung über zigtausende Kilometer. Hier ist kein Bild zu sehen, dort kein Ton zu hören – doch die Moderatorin Shary Reeves ist an diesem Montagmittag, 12 Uhr deutscher Zeit, bester Laune. „Hallo an Sie alle, wo auch immer auf der Welt Sie sich befinden“, grüßt sie und pickt sich dann der Reihe nach Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem virtuellen Meeting heraus. Sie ist bemüht, sich Zeit für möglichst viele der immerhin 100 Gäste zu nehmen: Adrian aus Marokko, Mia aus Finnland, Robert aus Deutschland, Kusai aus Libyen und viele mehr berichten über ihre Erwartungen und Wünsche an das Forum. Die Gruppe ist divers: Frauen und Männer zwischen 18 und 35 Jahren aus 45 Ländern werden hier und heute die junge Generation des europäischen und afrikanischen Kontinents vertreten.

Eingeladen zum ersten rein virtuellen African-European Youth Forum hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. An den zwei Veranstaltungstagen soll eine Sammlung an Empfehlungen entstehen, die Bundesminister Gerd Müller in seine Gremien trägt.

„Wir bewältigen globale Krisen nur gemeinsam.“

Gleich nach der Begrüßungsrunde und einer formalen Botschaft vom Staatssekretär Martin Jäger wird der Anlass und vor allem der Ernst der Lage dann auch sehr deutlich: Ein Kurzfilm hebt die großen Probleme dieser Zeit eindringlich hervor und untermalt, wie wichtig die Einhaltung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDG), bis 2030 ist.

So gilt es…

  • Hunger und Armut zu bekämpfen,
  • nachhaltige Entwicklung und Beschäftigung zu stärken
  • Bildung und Digitalisierung voranzutreiben
  • erneuerbare Energien zu fördern
  • Frieden, Sicherheit, gute Regierungsführung und politische Inklusion zu schaffen und
  • die Folgen der COVID-19-Pandemie zu überwinden.

Der Erfolg dieser Aufgaben und somit auch einigen Zielen der Agenda 2030 steht im Angesicht der Klimakrise und Corona-Pandemie vor zusätzlichen, beispiellosen Herausforderungen. Doch „die Macher der Zukunft, die Changemaker, die Stimmen der Jungen dieser Welt“, wie sie von Moderatorin Reeves betitelt werden – sind sicher: Mit den richtigen Strategien kann es gelingen.

"Wir wollen uns einbringen - wenn man uns lässt"

Regina Mary Asanga ist eine junge Aktivistin aus Nigeria. Ihr Kernbotschaft auf dem African-European Youth Forum: „Die Entwicklungshilfe der Europäischen Union sollte sich stärker auf die Verringerung der Armut und die Förderung eines nachhaltigen Wachstums konzentrieren.“

Regina Mary Asanga ist eine junge Aktivistin aus Nigeria – und hat sich heute ganz bewusst der Arbeitsgruppe „nachhaltige Entwicklung und Arbeitsbeschaffung“ angeschlossen: Sie studiert in ihrem Heimatland Biochemie und ist in einem Agritech-Startup (Farmz2U) sowie in einem Social-Business tätig, welche durch Training und Mentoring Farmer sowie Jungunternehmer berät. Zudem hat Asanga mit Kutama Enterprise ein Unternehmen mitgegründet. „Ich bin sehr lösungsorientiert und optimistisch“, erklärt die 25-Jährige und ergänzt, dass sie nicht einfach nur studieren könne. Es sei ihr eine Herzensangelegenheit, eine nachhaltige Entwicklung der afrikanischen Länder anzustreben und Lösungen für die hohe Arbeitslosenquote unter Jugendlichen zu finden. Deshalb sei sie auch politisch so aktiv.

Über vier Stunden vergehen, in denen junge Menschen wie Asanga über die großen Themen dieser Zeit beraten. Sie tragen Erfahrungen zusammen, werfen Ideen ein, priorisieren und wägen ab – und fassen letztlich jeweils drei Punkte zusammen, die ihnen am wichtigsten erscheinen. Asanga ist zufrieden: „Es war eine mitreißende Atmosphäre und die positive Energie einfach großartig. Wir spielen eine entscheidende Rolle in der Frage, ob es gelingen wird, die SDGs bis 2030 zu erreichen oder nicht – es ist toll, dass das auch gesehen wird.“

Ähnlich überzeugt klingen auch die Referenten und Referentinnen am zweiten Tag des Youth Forum, an dem die Ergebnisse der Arbeitsgruppen präsentiert werden. Neben Jutta Urpilainen (EU-Kommissarin für Internationale Partnerschaften), Sarah Anyang Abgor (African Union Commissioner for Human Resources, Science and Technology) und Toni Garrn (SDG-Botschafterin) ist auch Bundesminister Gerd Müller beim virtuellen Meeting dabei: „Sie, die junge Generation in Europa und Afrika, halten den Schlüssel für die Zukunft in Ihren Händen“, sagt er zu Beginn seiner Rede.

Auch sein Bedauern, dass das Forum nicht wie einst geplant live und real mit 800 Teilnehmer in Bonn stattfinden konnte, wird deutlich: „Wir hätten getanzt, gelacht, uns besser kennengelernt.“ Aber so viel die Corona-Pandemie auch einschränke, so sehr habe sie auch gezeigt: „Wir bewältigen globale Krisen nur gemeinsam.“ Deshalb sehe er den Fokus seiner Amtszeit auch in einer Stärkung der Partnerschaft, „oder besser noch der Freundschaft zwischen Europa und Afrika“. Es sei ihm ein Anliegen, dass dabei besonders die jungen Leute aus Afrika – dem jüngsten Kontinent des Planeten – Politikern wie ihm zur Seite stehen. Nicht nur die „älteren Herren“, wie er es selbst sagt, sollten die entscheidenden Impulse für die Zukunft setzen.

Es geht auch um eine grüne Revolution Afrikas

100 junge Menschen lauschen gespannt von ihren Mobiltelefonen und Computern. Hier und da hakt das Internet noch. Asangas Leitung aber bleibt zum Glück stabil – denn jetzt sind alle Augen auf sie gerichtet: Voll Motivation und mit Stimmgewalt trägt sie als Repräsentantin die drei Empfehlungen vor. Ihre Kernaussage: „Die Entwicklungshilfe der Europäischen Union sollte sich stärker auf die Verringerung der Armut und die Förderung eines nachhaltigen Wachstums konzentrieren.“ Wie sie referieren fünf weitere Teilnehmer aus den Arbeitsgruppen. Es geht um den Austausch von Afrika und Europa, um politische Partizipation der jungen Generationen, um Gleichberechtigung, den dringend notwendigen Ausbau der Technologie und eine grüne Revolution Afrikas.

Alle Vortragenden beweisen sich als immens starke Stimmen der Jugend dieser Welt, die auch Minister Müller imponieren: „Durch mich bekommen Sie Gehör. Ich verstehe mich als Ihr Sprachrohr in den Entscheidungsgremien und sehe diese Veranstaltung nur als Auftakt. Es ist so ergebnisorientiert. Wir sollten uns in den sechs Gruppen weiter austauschen – und den Kreis noch vergrößern.“

Leere Worte waren das nicht: Später am Tag berät Müller mit 27 Entwicklungsministern aus Europa und bringt dabei nach eigener Aussage die Empfehlungen des Youth Forums direkt ein. Zudem, so verspricht er, werde er die Vorschläge im anstehenden EU-Afrika-Gipfel der Regierungsvertreter 2021 thematisieren.

Asanga macht das Hoffnung: „Ob Digitalisierung, Innovation oder Gleichberechtigung: Wir können und wollen uns austauschen und einbringen – wenn man uns lässt.“