Lebensmittelverschwendung Schluss mit der Wegwerfmentalität: Warum wir wahre Preise brauchen

Wir werfen zu viele Lebensmittel weg. Ein Grund dafür: Vor allem tierische Lebensmittel sind einfach zu billig - auf Kosten zukünftiger Generationen
Fleischkosten

Bei wahren Preisen würden vor allem tierische Lebensmittel deutlich teurer

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Der knallbunte Unterbietungswettbewerb der Lebensmitteldiscounter hat seit einigen Jahren eine irritierende Begleitmusik: Es ist die Klage über enorme Lebensmittelabfälle in Deutschland, über die Verschwendung von eigentlich noch Essbarem. Völlig zu Recht weisen Verbraucher- und Umweltschützer, Hilfswerke ebenso wie das Agrarministerium auf den Missstand hin, dass ein Drittel der produzierten Lebensmittel im Müll landet. Doch Appelle an Konsumenten und Verbraucher, weniger zu kaufen und besser zu lagern, entfalten kaum Wirksamkeit. Denn eine tiefer liegende Ursache der Verschwendung ist ein strukturelles Problem: Die Ladenpreise sagen nicht die Wahrheit.

Was Plastik, Kohle und Lebensmittel gemeinsam haben

So wie im Preis für eine Plastiktüte oder ein beliebiges Kunststoffprodukt nicht die irreversible Vermüllung der Ozeane enthalten ist, so wenig werden in den Preis für konventionell erzeugten Strom die immensen Schäden eingerechnet, die via Klimawandel auf die Menschheit zukommen. Und auch bei der Produktion von Lebensmitteln fallen Risiken und Kosten an, die im Ladenpreis nicht inbegriffen sind.

Dazu gehören die Abholzung von Regenwäldern, die Umwandlung von Grünland in Ackerland, die Verwendung von chemisch-synthetischen Pestiziden und Mineraldüngern, die Verarmung von Böden, die Ausbeutung und Belastung von Grundwasser, Seen und Flüssen mit Gülle und Chemie, CO2- oder Ammoniak-Emissionen – und weitere Folgekosten, wie zum Beispiel Vertragsstrafen der EU wegen der Überschreitung von Grenzwerten. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Das Leid von Tieren in der Massentierhaltung, auf dem Transport und im Schlachthof wird mit keinem einzigen Cent veranschlagt.

Im Licht dieser enormen, tatsächlichen Kosten erscheint die Unterbietungsschlacht der Lebensmitteldiscounter um Centbeträge verantwortungslos. Doch sie folgt einem bekannten Muster: der Externalisierung von Kosten um des Preis- und Marktvorteils willen. Dafür, dass wir heute billig essen (und im Schnitt 75 Kilo Lebensmittel jährlich wegwerfen), zahlt die Allgemeinheit via Staatshaushalt, zahlen Menschen und Tiere auch in anderen Erdteilen – oder zukünftige Generationen.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Die wahren Kosten sind marktwirtschaftlich noch Theorie

Längst gibt es Versuche, diese Ungerechtigkeit – Forscher sprechen auch von einer Marktverzerrung – sichtbar zu machen. Erst vor kurzem zeigte eine Studie der Universität Augsburg (im Auftrag eines Lebensmitteldiscounters): Würden Kosten für Umweltschäden eingerechnet, müssten Nahrungsmittel teilweise um ein Vielfaches teurer sein. Der Preis für Fleisch etwa würde sich fast verdreifachen.  

Erste Ansätze zu einer Bepreisung von Folgeschäden – Forscher sprechen von True Cost Accounting – gibt es bereits, etwa in Form eines CO2-Preises auf fossile Brennstoffe. Der Nebeneffekt einer solchen, sozial und ökologisch gerechten Verteuerung wäre nicht nur, dass weniger gekauft würde – vor allem tierische Lebensmittel. Wir würden auch weniger davon wegwerfen.

Kein Aufbewahrungstipp der Welt, keine noch so bunte Aufklärungskampagne über das Mindesthaltbarkeitsdatum wäre auch nur annähernd so effektiv wie der wahre Preis.