Klimakrise "Da sollen sich mal die Profis drum kümmern!"

Dürfen wir die Klimakrise allein den Experten überlassen? Skepsis ist angebracht
"Da sollen sich mal die Profis drum kümmern!"

Das Motto der Klimakonferenz in Madrid wurde klar und groß kommuniziert. Über die erzielten Ergebnisse zeigten sich am Ende die wenigsten Teilnehmer zufrieden

Die Proteste von Fridays for Future haben nicht nur eine Welle der Sympathie ausgelöst. Es gab auch Kritik. Richtig grundsätzlich wurde zum Beispiel der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner. Der meinte lapidar, das mit dem Klima sei so kompliziert – das sollten die jungen Leute mal lieber den Profis überlassen. Mit »Profis« meinte er natürlich nicht sich selbst oder die Klimaexperten von der AfD, sondern richtige Experten. Also zum Beispiel Leute, die sich regelmäßig auf Klimakonferenzen treffen, um den internationalen Klimaschutz voranzubringen. Sehen wir uns also mal an, was die so machen.

Strip Poker in Hopenhagen

Zu der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 waren 27.000 Teilnehmer angereist, davon mehr als 10.000 staatliche Abgesandte. Im Vorfeld waren die Hoffnungen groß, dass der globale Klimaschutz hier einen Durchbruch erleben würde; manche sprachen sogar von "Hopenhagen". Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der selbst als Experte teilnahm, beschreibt in seinem Buch "Selbstverbrennung" die hektische Stimmung nach Tagen der Verhandlungen und Abstimmungen, kurz vor Abschluss der Konferenz:

"Nun sollen, endlich, in irgendwelchen Separees die Chefs, also die Minister mit nur noch ein oder zwei Experten an ihrer Seite, die eckig geklammerten Streitnüsse [in der Abschlusserklärung] knacken und dafür alle diplomatische Unterwäsche abwerfen. Die Regie bei diesem ›Strip Poker‹ führt idealerweise die Konferenzpräsidentschaft, wenn sie nicht schon längst den Überblick verloren hat. Sämtliche Tricks aus den Erfahrungsschätzen der psychologischen Kriegführung, der Unternehmensberatung und der Partnerschaftsanbahnung werden nun ausgegraben. Vor allem steigt mit jeder Stunde die Hoffnung, dass die physische Erschöpfung der Akteure sie zu Zugeständnissen – also aus ihrer Sicht irrationalen Handlungen – bewegen könnte. Denn die Minister haben in den letzten 48 Stunden kaum noch geschlafen, und ihre Spitzenbeamten bewegen sich inzwischen wie Untote durchs Geschehen."

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Der "Meilenstein" von Paris

Das Ergebnis des nervenzehrenden Konferenzmarathons war aus Sicht von Umwelt- und Klimaschutzorganisationen enttäuschend (Schellnhuber nennt es sogar eine »Tragödie«): In allerletzter Sekunde konnten sich die Delegierten lediglich darauf einigen, dass die Erderwärmung auf »unter zwei Grad« gegenüber
vorindustrieller Zeit begrenzt werden soll. Wie allerdings – das blieb unklar. Statt Ergebnisse zu präsentieren, wurde die COP 15-Konferenz als »wichtiger Meilenstein« für weitere Konferenzen und Beschlüsse verkauft.

Ein weiterer solcher Meilenstein sollte dann die COP 21-Konferenz sechs Jahre später in Paris werden. Nach zehn Konferenztagen im Dezember 2015 mit knapp 40.000 Teilnehmern einigten sich die Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens darauf, die Erderwärmung auf »deutlich unter zwei Grad«, möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Ein historischer Durchbruch? Auf dem Papier schon. Denn ein so ambitioniertes Ziel war von der Staatengemeinschaft noch nie formuliert worden. Ein nüchterner Blick auf die CO2-Emissionen vier Jahre nach der Konferenz zeigt allerdings: Sie steigen ungebremst. Und selbst wenn alle Staaten ihre in Paris gegebenen Zusagen einhielten (was unwahrscheinlich ist), müssten wir bis zum Jahr 2100 mit einer Aufheizung von mehr als 3 Grad rechnen.

Cover "Das Klimaparadox" von Peter Carstens

Während der Kollaps des Klimas durch Wetterkapriolen und -katastrophen in unser Bewusstsein dringt, wird die Kluft zwischen Wissen und Handeln immer größer. Doch nicht nur Regierungen und Weltklimakonferenzen versagen dabei, die größte Herausforderung der Gegenwart zu bewältigen. Sondern wir alle. Peter Carstens entlarvt in seinem Buch "Das Klimaparadox" die Ausreden und Rechtfertigungsmuster, mit denen wir uns selbst ausbremsen.

Wir müssen alle ran

Trotz der aufreibenden Arbeit Zehntausender Profis blieb die entschlossene kollektive und politische Antwort auf das drängendste Problem unserer Zeit bislang aus. Wir müssen also selber ran. Jede und jeder Einzelne.

Übrigens gibt es mit dem Plädoyer, den Klima-Job doch lieber den »Profis« zu überlassen, ein weiteres Problem: Immer mehr Klimaforscher und Wissenschaftler, so zum Beispiel auch Mojib Latif und Harald Lesch, stärken – ebenso wie Scientists for Future den demonstrierenden Schülern den Rücken. Die Stellungnahme der engagierten Forscher unterschrieben mehr als 26.800 Wissenschaftler aus aller Welt. Offenbar haben die jungen Leute nach Ansicht sehr vieler Profis etwas begriffen. Im Gegensatz zu Christian Lindner.