Bleimunition Das Sterben nach dem Töten muss aufhören

Jedes Jahr gelangen durch Jäger und Angler EU-weit Tausende Tonnen Blei in die Landschaft - und Millionen Vögel verenden daran qualvoll. Damit muss endlich Schluss sein
Das Sterben nach dem Töten muss aufhören

Bleihaltige Munitionsreste sind in Feuchtgebieten besonders schädlich. Jedes Jahr verenden in der EU eine Million Wasservögel daran

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Wenn im Herbst das große Schlachten in Feld, Wald, Sumpf und Wiese vorüber ist, beginnt das langsame Sterben: Allein eine Million Wasservögel verenden in den Ländern der Europäischen Union jedes Jahr qualvoll – weil sie angeschossen wurden oder Schrot aus Blei verschluckt haben. Die Vögel halten die Kügelchen aus dem hochgiftigen Schwermetall für Nahrung oder für Steinchen, die sie für ihre Verdauung brauchen. Schon wenige davon können den Bewohnern von Teichen, Seen oder Feuchtgebieten zum Verhängnis werden. Nach wochenlangen Krämpfen, Lähmungen, Erbrechen, Flugunfähigkeit tritt der Tod ein.

Doch damit nicht genug: Seeadler, die sich auch von Aas ernähren, nehmen das Blei aus den kontaminierten Körpern auf. Es greift ihr Gehirn und ihr Nervensystem an, die mächtigen Tiere verenden daran ebenso qualvoll wie ihre Beute. Bei jedem dritten oder vierten tot aufgefundenen Seeadler, so schätzen Experten, lautet die Diagnose: Bleivergiftung.

Das ist umso beschämender, als schon vor einem Vierteljahrhundert 24 von 28 Mitgliedsstaaten eine völkerrechtlich bindende UN-Konvention zum Schutz von ziehenden Wasservogelarten (AEWA) unterschrieben haben. Immerhin ist in Deutschland der Einsatz von bleihaltiger Munition schon in 14 von 16 Bundesländern verboten. Allerdings nur in jenen Feuchtgebieten, auf das das Schutzabkommen abzielt.

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Bis zu 21.000 Tonnen Blei gelangen jedes Jahr in die Landschaft

Man mag vergiftete Vögel für einen bedauernswerten Kollateralschaden der Jagd halten. Die Zahlen, die die Europäische Chemikalienagentur ECHA vor zwei Jahren erhoben hat, zeigen allerdings: Jäger, Sportschützen und Fischer bringen mit bleihaltiger Munition und Angelzubehör wie Grundgewichten systematisch große Mengen des toxischen Metalls in die Landschaft ein.

Insgesamt, so schätzen die ECHA-Experten, gelangen jedes Jahr EU-weit rund 5000 Tonnen Blei in ökologische besonders wertvolle Sümpfe und Feuchtgebiete. In den übrigen Gebieten sind es sogar 14.000 Tonnen.

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Was also spricht für Blei? Das Argument der Jägerschaft, Bleimunition töte schneller und sicherer als Stahlmunition, ist haltlos. Darin sind sich die EU-Kommission und viele Experten einig. Auch der geringfügig höhere Preis bleifreier Alternativen darf kein Argument für das sinnlose und qualvolle Sterben und eine weitere systematische Vergiftung der Landschaft sein.

Dass Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner jüngst das von der Wissenschaft gestützte Vorhaben der EU-Kommission torpedierte, Bleimunition wenigstens in Sümpfen und Mooren zu verbieten, ist ein Zugeständnis an Jäger und Jägerinnen mit einem falschen Traditionsbewusstsein. Und ein umweltpolitischer Skandal.