Lebensmittelverschwendung Geschäft mit Schönheitsfehlern

Knorriges, fleckiges, kleines Obst und Gemüse hat im Norm-Sortiment der Supermärkte bislang keinen Platz. Das ändert sich jetzt

Lea Brumsack und Tanja Krakowski hatten das polierte Standardsortiment der Supermärkte satt. Sie gründeten im vergangenen Jahr das Catering-Unternehmen Culinary Misfits und beliefern nun Partys mit Delikatessen aus ungewöhnlichem, schrumpeligem, kurz: nicht normgerechtem Obst und Gemüse. Feldfrüchten, die ihrer Meinung nach völlig zu Unrecht durch das Schönheitsraster gefallen waren. Ihr Motto: "Esst die ganze Ernte."

Geschäft mit Schönheitsfehlern

Krumme Gurken, verwachsene Zucchini: Inhaltsstoffe und Geschmack sind dem Normgemüse ebenbürtig

Ob clevere Geschäftsidee oder kreativer Protest gegen die Wegwerfgesellschaft: Mit ihrem Konzept liegen die beiden im Trend. Schon seit einigen Jahren wird die Kritik an der globalen Lebensmittelverschwendung, besonders in den industrialisierten Nationen, lauter. Allein die Deutschen werfen jedes Jahr 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel weg - nicht eingerechnet jene Lebensmittel, die gar nicht erst in den Handel gelangen. Die im Entsafter, in Tierfutter oder in der Biogas-Anlage landen. Oder schon auf dem Acker wieder untergepflügt werden. Die EU-Kommission hat sich darum vorgenommen, die Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2020 zu halbieren. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel: Schon vor vier Jahren schaffte sie 26 der ehemals 36 EU-Normen für Obst und Gemüse wieder ab. Darunter auch die berüchtigte Vorschrift für die maximal zulässige Krümmung einer Gurke. Geändert hat das bislang wenig.

Erfolgreiches Nischenprodukt

Dabei gibt es den Markt jenseits der Norm. Das hat kürzlich der Schweizer Coop-Konzern gezeigt. Im Sommer dieses Jahres verhagelte den Bauern im Wallis buchstäblich die Aprikosen-Ernte. Die Früchte reiften gut, hatten einen tadellosen Geschmack - aber auch braune Flecken. Weil sie sich gut zum Einkochen eignen, entschloss sich Coop dazu, sie neben der Standardware anzubieten. Ermutigt hatte die Schweizer der gute Erfolg ihrer Linie "ProSpecieRara". Unter diesem Namen verkauft Coop seltene und regionale Obst- und Gemüsesorten. "Die Menschen schätzen es, dass nicht alles gleich aussieht und schmeckt. Sie wollen mehr Varietät", sagt Coop-Pressesprecherin Nadja Ruch. Unter dem Namen "Ünique", einzigartig, bieten die Eidgenossen nun weiteres unvollkommenes Obst und Gemüse an: Karotten, Auberginen, Zucchetti, Gurken, Kabis, Blumenkohl oder Tomaten mit Schönheitsfehlern - oft für den halben Preis. Der Erfolg gibt Coop Recht: "Wir hätten noch mehr verkaufen können", sagt Ruch. "Die Nachfrage hat das Angebot deutlich überstiegen."

Österreich und Deutschland zogen nach. Anfang Oktober legte der österreichische Rewe-Konzern seine "Wunderlinge"-Linie auf. Das Unternehmen will damit nach eigener Auskunft der Wegwerfkultur entgegenwirken und das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln schärfen. "Von diesem Projekt profitieren beide Seiten - der Konsument freut sich über günstigeres Obst und Gemüse, das sich vor allem zum Kochen und Weiterverarbeiten bestens eignet. Und unsere Lieferanten können zusätzliche Ware absetzen, die sie bislang nicht an den Lebensmittelhandel verkaufen konnten", sagt Alfred Propst, Chef-Einkäufer bei REWE International. Die Rechnung geht offenbar auf. "Das wird bisher gut angenommen", sagt Pressesprecherin Ines Schurin.

In Deutschland griff auch Edeka den Trend auf. Unter dem Slogan "Keiner ist perfekt" bot die Supermarktkette von Mitte Oktober bis Mitte November in ausgewählten Märkten krumme Gurken, zweibeinige Möhren, schorfige Äpfel an - ebenfalls bis zu 50 Prozent günstiger. Ob Edeka das Geschäft mit den krummen Dingern fortführt oder sogar ausweitet, das beschließt der Konzern nach der Auswertung der Testphase. Fest steht schon jetzt: Die Zeit für die neue Vielfalt im Supermarkt-Regal ist reif. Überreif.

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