Interview "Verschmutzung sollte es nicht geben"

Eine von sieben Milliarden: GEO fragt Menschen aus aller Welt nach ihren Träumen und Ängsten. Diesmal: Bio-Restaurant-Besitzerin Anna Olkhovska aus Tiflis, Georgien
"Verschmutzung sollte es nicht geben"

Anna Olkhovska, 24 Jahre alt, aus Kiew (Ukraine), hat in Tiflis (Georgien) das Bio-Restaurant "Jospers" eröffnet

GEO: Was ist Ihnen wichtig?

Anna Olkhovska: Essen. Und Selbstbestimmtheit. Das ist beides etwas Besonderes, weil es so normal ist: genau wie die Luft, die wir atmen, und die Art, wie wir uns bewegen. Weil wir uns keine Gedanken darüber machen, wird es gleichzeitig speziell, wenn wir es doch tun.

An was glauben Sie?

Ich glaube, dass wir Menschen irgendwann zu dem zurückkehren werden, was natürlich ist. Man sieht es doch schon: Viele essen Produkte mit höherer Qualität, Werte zählen. Ich glaube, dass die Zukunft in der Einfachheit liegt.

Warum sind Sie ausgewandert?

Ich musste auswandern, um ein Geschäft zu eröffnen. In der Ukraine ist die Bürokratie sehr viel langsamer als hier. Und Korruption ist dort ein großes Problem. In Georgien sind die Steuern niedriger, man ist einfach willkommen. Ich will nicht wieder zurück.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Meine Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle. Hier im Restaurant. Ich versuche, mein Stück Ukraine in mir zu tragen. Meine Erfahrung ist, dass es nicht auf das Land ankommt, sondern auf das, was man tut. Erfüllt einen das, kann man sich überall zu Hause fühlen.

Was vermissen Sie?

Gute Leute. Infrastruktur. Es ist schwierig, Bioprodukte zu bekommen. Wir haben mehrere Monate gebraucht, um einen verlässlichen Fleischlieferanten zu finden.

Wofür sind Sie dankbar?

Eigentlich bin ich dankbar für alles, was passiert ist, denn letztlich hat mich doch genau das nach Tiflis geführt.

Sind Sie glücklich?

Keine Ahnung. Jetzt bin ich zufrieden. Aber bin ich deswegen glücklich? Glück ist doch kein Endzustand, das Streben danach hört ja nie auf. Das größte Glück sind wohl die Familie und gute Freunde.

Was würden Sie einem Freund nicht vergeben?

Wenn jemand wirklich ein Freund ist, dann vergebe ich ihm alles. Wenn er mich betrügt, ist er sowieso kein Freund.

Was mögen Sie an Menschen?

Intelligenz. Das ist nicht nur das Komplexeste, was Menschen ausmacht. Es zeigt sich auch in allem: wie man Mitmenschen behandelt, wie man redet, wie man lebt. Oder eben nicht.

Wie viel Geld möchten Sie besitzen?

Es wäre schön, wenn das Restaurant eines Tages ohne uns funktioniert. Mir geht es aber gut mit dem, was ich im Moment habe.

Haben Sie Angst davor, arm zu sein?

Das wird niemals passieren. Denn "arm" bezieht sich für mich nicht nur auf das Materielle. Arm ist, wer keine Freunde, keine Familie hat, eine Arbeit, die er nicht mag, keinen Platz im Leben.

Was wird überschätzt?

Alles, wofür Werbung gemacht werden muss.

Wenn Sie die Macht hätten, etwas anzuordnen, was würde das sein?

Verschmutzung sollte es nicht geben, aber damit meine ich nicht nur schlechte Luft und dreckiges Wasser, sondern auch Ideen. Gehirnverschmutzung sollte wirklich nicht erlaubt sein.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich habe jedenfalls keine Angst zu sterben. Aber ich habe Angst davor, geliebte Menschen zu verlieren.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Dass wir wiedergeboren werden, daran glaube ich nicht. Aber die Energie, die uns ausmacht, die wird auch nach uns noch da sein. Meine Freunde werden sich an mich erinnern. Dinge, die ich geliebt habe, wird es noch geben. Wie kann ich da einfach verschwinden?

Die Homepage des Bio-Restaurants "Jospers": www.restorganique.com