Farbzauber statt Knalltrauma Warum ein Böllerverbot auch für Feuerwerkfans sinnvoll wäre

Die Feierei zum Jahreswechsel gerät regelmäßig zum Feinstaub-, Krach- und Gewaltexzess. Immer mehr Städte reagieren mit Verboten, um ihre Bürger zu schützen – völlig zu Recht
Warum ein Böllerverbot auch für Feuerwerkfans sinnvoll wäre

Zum Jahreswechsel gehören Ballerei, Promille, Farbspektakel. Und jede Menge Brandverletzungen und Knalltraumata

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Der Berliner Polizeibericht aus der Silvesternacht 2018/19 liest sich wie die Bilanz einer Krawallnacht. 1721 Einsätze der Polizei, 1385 Einsätze der Feuerwehr. 894 Mal wird der Rettungsdienst gerufen. 25 Menschen, darunter auch Kinder, werden mit Verletzungen durch Böller oder Raketen ins Unfallkrankenhaus eingeliefert. Viele von ihnen haben entweder selbst mit Sprengkörpern hantiert oder wurden damit beworfen. Körperteile müssen amputiert werden. Eine Sprecherin des Unfallkrankenhauses spricht vom „üblichen Wahnsinn“. Wo die Polizei mäßigend eingreifen will, wird sie von alkoholisierten jungen Männern angegriffen – mit Feuerwerkskörpern. Sogar Rettungskräfte werden attackiert. In anderen Städten sieht es nicht besser aus.

Die Silvesterparty in deutschen Innenstädten gleicht vielerorts einem geplanten kollektiven Gewaltexzess: In Hamburg stellte die Polizei in der Silvesternacht Rucksäcke voller illegaler Böller, Scheckschusspistolen, Waffen und 700 Schuss Munition sicher. Offenbar begeben sich Teile des Partyvolks bis an die Zähne bewaffnet in die Silvesternacht. Das ist eine Zumutung für Polizei, Feuerwehr und Sanitäter. Mit liebevoll gepflegtem Brauchtum und legitimer kollektiver Ausschweifung hat das schon lange nichts mehr zu tun.

Neben abgetrennten Fingern, Knalltraumata und Angst auf der Straße sorgt die enthemmte Ballerei noch für weitere Kollateralschäden: So enthalten die Schwarzpulver-Rauchschwaden einer einzigen Silvesternacht 4500 Tonnen Feinstaub – ein Sechstel der Menge, die der Verkehr im ganzen Jahr erzeugt. Haus- und Wildtiere durchleiden die schrecklichsten Stunden des Jahres. Und der Neujahrsmorgen begrüßt Spaziergänger mit Bergen von durchweichtem Müll auf Straßen und Wegen.

Die Schäden durch Silvesterknallerei sind nicht zu rechtfertigen

Rituale sind wichtig. Aber die ohrenbetäubende, flächendeckende Neujahrsbegrüßung rechtfertigt die Schäden für Mensch, Tier und Umwelt nicht. Das haben mittlerweile auch zahlreiche Städte erkannt – und ohne viel Wirbel Böller-Verbotszonen eingerichtet, um zumindest die bekannten Hotspots der ritualisierten Gewalt zu eliminieren. Offenbar mit Erfolg.

Und warum eigentlich nicht den falschen Zauber in dicht besiedelten Innenstädten generell verbieten? Die Deutsche Umwelthilfe trifft offenbar einen Nerv, wenn sie genau das fordert. Knapp zwei Drittel der Deutschen wünschen sich laut einer Umfrage ein Innenstadt-Böller-Verbot. Immerhin 43 Prozent votierten sogar für ein komplettes Böller-Verbot.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Das ist nicht illusorisch – sondern an vielen Orten in Deutschland und Europa heute schon Realität. Lokale Einschränkungen gibt es in 23 deutschen Städten; auf den Inseln Sylt, Amrum und Föhr ist die Ballerei schon seit Jahrzehnten verboten. Übrigens, ohne dass es darüber jemals zu Revolten gekommen wäre.

Von den angebotenen Alternativen können alle profitieren. So ist etwa ein professionell choreografiertes Feuerwerk – unter dem ästhetischen Gesichtspunkt – weitaus effektvoller als sporadisch in den Himmel geschickte Baumarkt-Raketen. In den Touristenorten an Nord- und Ostsee sorgen schon seit langem solche zentralen Feuerwerke für festliche Stimmung – und wesentlich geringere Feinstaub- und Müllmengen. Städte wie Turin, Paris, Graz, Brüssel oder Landshut punkten mit aufwändigen und vollkommen feinstaubfreien Licht- und Lasershows.

Dass viele Menschen auf selbstgemachten Lichterzauber nicht ganz verzichten wollen, ist verständlich. Falls die private Ballerei aus guten Gründen irgendwann komplett verboten wird – erleben die Bengalischen Zündhölzer vielleicht ihre längst überfällige Renaissance.