Lowtech-Erntehilfe Fahrräder zu Dreschmaschinen

Schwerter zu Pflugscharen - ja, das ist bekannt. Aber was ist mit "Fahrräder zu Dreschmaschinen"? Das ist neu. Es ist die Vision der Ingenieurin Jodie Wu, die den Bauern in Tansania mit Pedalkraft bei der Maisernte helfen will. Und dabei viel über das Scheitern lernen muss

Sechs Monate hatte sie sich Zeit genommen, um die Welt zu verändern. Das Leben, das sie plante, aufgeschoben für eine Mission. Vier Jahre später steht Jodie Wu im Baumschatten an einem Maisfeld in Tansania - und die Weltveränderung ist immer noch in Arbeit.

Fahrräder zu Dreschmaschinen

Jodie Wu mit Mitarbeitern ihrer Firma GCS Tanzania Ltd. am Stadtrand von Arusha

Was auch daran liegt, dass das Mittel zum Weltveränderungszweck noch immer nicht reibungslos funktionieren will. Jodie Wu geht vor ihrer Erfindung in die Knie, streicht mit der Hand über die Form aus Eisen. Für Bauern in Tansania soll die Maschine die Ernte revolutionieren: Ein Maisrebler ist es, montiert am Hinterrad eines Fahrrads, per Pedale angetrieben. Er soll die blassen, harten Maiskörner vom Kolben trennen. Der Fahrrad-Rebler füllt einen Getreidesack in 40 Minuten, 40-mal schneller, als sich die Körner mit Stockschlägen lösen lassen. Aber immer wieder rüttelt die Maschine so heftig, dass die Kette blockiert. Weshalb beschlossen ist, die Produktion vorerst auszusetzen.

Als Ingenieurin könne sie kein Produkt mit Mängeln verkaufen, findet Jodie Wu, die Chefin von Global Cycle Solutions (GCS). Sie trägt Turnschuhe und zerrissene Jeans, die Haare zum Knoten hochgesteckt. Ihr leises Lächeln lässt keinen Raum für Frustration über die Unzulänglichkeiten der Technik. Ihrer Technik. Sie hätte nie gedacht, dass ein Produkt Jahre brauchen könne, bis es gut sei. Ein Produkt auf Fahrradbasis noch dazu. Der simpelsten Technik der Welt.

Das Fahrrad als Innovationsvehikel

Jodie Wu war 22 Jahre alt, als sie 2009 nach Tansania zog, mit einem Bachelor-Abschluss in Maschinenbau vom Massachusetts Institute of Technology, einem Prototyp und einer Idee, verpackt in einen Slogan: Transforming the bicycle into a vehicle of innovation. Das Fahrrad in ein Vehikel der Innovation verwandeln - auf dieser Idee hat sie die Firma GCS gegründet, um die Landbevölkerung in Entwicklungsländern mit Geräten zu versorgen, die ohne Strom und Kraftstoff auskommen. Die Vision ist es, sagt Jodie Wu, das Fahrrad zur Multifunktionsmaschine zu machen, mit einer Palette aus Werkzeugen, anzuschließen nach Bedarf, mal Mahlwerk, mal Mixer, mal Landwirtschaftsgerät.

Ihre Bestimmung fand sie in einer überfüllten Kellerwerkstatt am MIT, genannt D-Lab, Heimat einer Kursreihe, die fächerübergreifend an Lösungen baut für die Probleme der ärmsten Milliarde Menschen. D-Lab. D für development, dialogue, design, dissemination, Entwicklung, Dialog, Entwurf, Verbreitung. Dozentin Amy Smith inspirierten ihre vier Jahre beim Friedenskorps in Botswana dazu, diesen Kurs zu entwickeln, der Studenten herausfordert, mehr aus weniger zu machen: zukunftsweisende Technik, mit einfachsten Mitteln. Ihre hochtechnisierte Ausbildung müssen sie im D-Lab beiseitelassen - und Maschinen bauen, die auf das Leben in jenen Ländern zugeschnitten sind, in denen sie zum Einsatz kommen sollen. Die sich auch ohne Fachwissen warten lassen. Die nicht irgendwann, wie so viele aus dem Westen importierte Apparate, ungenutzt vor sich hin rosten.

Fahrräder zu Dreschmaschinen

Mit dem zwölf Kilogramm schweren Maisrebler aus Gusseisen lassen sich mehr als 120 Kilogramm Mais pro Stunde verarbeiten

Zerplatzende Seifenblasen

Jodie Wu reiste nach ihrem ersten Kurs nach Tansania, im Gepäck jenen pedalbetriebenen Maisrebler, den Amy Smith im D-Lab vorgestellt hatte, von einer Hilfsorganisation in Guatemala entwickelt, gebaut aus einem zersägten Fahrradrahmen. Einen Großteil des Semesters hatte Wu darauf verwendet, die klobige Maschine auf Koffergröße zu reduzieren und beweglicher zu machen. Vor Ort erwies sich das Produkt aller Mühe zum Trotz als zu sperrig. Und viel zu teuer: ein 200-Dollar-Gerät für Menschen, die von weniger als zwei Dollar am Tag lebten ... Zerplatzende Seifenblasen.

In einer schlaflosen Nacht schrieb Wu eine Idee auf: Könnte man den Rebler statt mit einem zersägten mit einem funktionsfähigen Fahrrad kombinieren? Das würde die Kosten senken! Monate später brachte sie einen Prototyp nach Tansania.

Am Anfang schien alles berechenbar, fast mühelos zu sein. Einen Teil des Startkapitals gewann Jodie Wu bei einem Wettbewerb des MIT. Sie war kaum zwei Jahre in Tansania, da zählten Wirtschaftsmagazine sie zu Amerikas vielversprechendsten Gründerfiguren, zu den "30 unter 30" im Bereich Wissenschaft und Technik. Sie erzählte in Interviews, dass sie binnen zwei Jahren schwarze Zahlen schreiben, dann nach Kenia expandieren und ihre Produkte später auf der ganzen Welt verkaufen wolle. Vermutlich erwartete niemand Größeres von Jodie Wu als sie selbst.

Dusche aus dem Wassereimer

Anfangs lebte sie in Tansania bei einer Gastfamilie, eine Dusche gab es nur aus dem Wassereimer. Ein Jahr brauchte sie, um sich dazu durchzuringen, dafür zu bezahlen, andere ihre Wäsche von Hand waschen zu lassen. Zwei, um sich selbst zum ersten Mal ein Gehalt zu zahlen. Sie kämpfte mit Behörden, hielt Konferenzen mit ihrem Vorstand in den USA über Skype in völliger Dunkelheit ab, wenn wieder der Strom ausfiel. Der Wechselkurs machte ihre Gewinnspanne zunichte. Die Formen für den Fahrrad-Rebler ließen sich im Land nicht produzieren - und mussten aus China importiert werden.

Sie lernte, dass ein Maisrebler vor der Ernte schwer zu verkaufen ist, weil die Bauern kein Geld haben, nach der Ernte ebenso schwer, weil er nicht mehr dringend benötigt wird. Und während einer Dürre gar nicht. Sie versuchte dagegenzuhalten mit neuen Erfindungen, Aufladegeräten für Mobiltelefone, anzuschließen an Fahrrad oder Motorrad, und einfachen Handreblern aus gepresstem Blech. Und lernte, wie sich Scheitern anfühlt.

Sie erzählt das alles gelassen. Jodie Wu sitzt im Baumschatten am Maisfeldrand mit ihrem Laptop auf den Knien und tippt hastige E-Mails. Lieferantentermine. Stellenausschreibungen. In ihrem Rücken gart das Mittagessen der Bauernfamilie auf einer Feuerstelle vor der Lehmhütte, rostiges Wellblechdach, die Wände mit einer Mischung aus Kuhmist und Asche bestrichen. Manchmal, sagt Wu, denke sie heute, es wäre für GCS überall einfacher gewesen als hier in Tansania, dem Land der begrenzten Möglichkeiten.

Solarlampen statt Maisrebler

Nach zwei Jahren ging das Geld aus. Die Gründerin musste fast alle Angestellten entlassen. Ihr blieben noch 20.000 Dollar und eine Wahl, vor die sie der Vorstand stellte: Entweder müsse sie sich auf ein einziges Produkt konzentrieren, den Rebler zum Beispiel, und es bis zur Marktreife entwickeln - oder die Firma komplett umstellen und Geld mit dem Verkauf von Technik verdienen, die andere erfunden hatten, um vielleicht irgendwann die Profite wieder in die eigene Forschung stecken zu können. Das war das einstweilige Verbot, sich in eigenen Ideen zu verlieren.

Solarlampen verkauft GCS seitdem, die langlebigsten auf dem Markt, von einer indischen Firma in China produziert. Und sie bildet Subunternehmer aus, die solche Produkte bis in die entlegensten Dörfer bringen sollen. Manchmal, sagt Jodie Wu, frage sie sich, warum sie sich mit Vertriebsfragen beschäftige. Sie, die Ingenieurin mit einer Mission! Aber sie bereut nichts. Es war für GCS die letzte Chance. Und die Mission, findet Wu, ist im Grunde gleich geblieben: Technik verbreiten, die das Leben verändert. Damals, als sie GCS gründete, fasste sie ihr Ziel in einen Satz: "Technik ohne Reichweite ist Technik ohne Wirkung." Sie zitiert das noch heute. Wirkung! Der Weg ist Nebensache.

Die Verkäufe der Händler, die sie bei GCS Rafiki, Freunde, nennen, laufen gut. Vier Jahre nach Gründung schreibt GCS Tanzania schwarze Zahlen. Und Jodie Wu denkt darüber nach, die Arbeit an den Maschinen wiederaufzunehmen, das Basteln, das sie mehr liebt als alles andere.

Denn nie mag sie ihre Arbeit mehr, als wenn sie selbst mit ihren Produkten in entlegenen Dörfern unterwegs ist, weit draußen, isoliert und friedlich. Nur hier hat sie das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Sie nennt das "ihre Therapie". In ein, zwei Jahren, glaubt Jodie Wu, könnte der Rebler bereit sein für den Einsatz. Dann werde GCS so weit sein, dass der Betrieb sie nicht mehr braucht. Irgendwie findet sie diesen Gedanken tröstlich.

Die Homepage von Global Cycle Solutions (GCS)