Klimastreik Klar gehe ich zur Demo. Ich hätte da aber noch ein paar Fragen

So viel Einigkeit war nie: Am Freitag streikt die Welt für einen besseren Klimaschutz. Das ist logisch und notwendig. Doch die neue Allianz für das Klima hat Unschärfen
Fridays for Future

Für den 20. September sind auf der ganzen Welt Demonstrationen für einen besseren Klimaschutz angekündigt - initiiert von der Jugendwegung Fridays for Future

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Die Welt, so könnte man meinen, steht am Scheideweg. Nur noch wenige Jahre bleiben der Menschheit, um den selbstgemachten Temperaturanstieg abzumildern. Folgerichtig ist die Aufmerksamkeit auf das Thema so groß wie nie. Ihr vorläufiger Höhepunkt: ein globaler Klimastreik. Das ist in erster Linie das Verdienst junger, engagierter Menschen, die sich um ihre Zukunft betrogen sehen. Fridays for Future hat, wie kaum eine andere Bewegung, die öffentliche Aufmerksamkeit gekapert. Und das mit vollem Recht. Natürlich bin auch ich am Freitag dabei.

Allerdings wirft der Protest auch Fragen auf.

Zunächst: Ein Streik im Wortsinn (und schon gar nicht im arbeitsrechtlichen Sinn) ist der Klimastreik nicht, wenn Arbeitgeber ihren Angestellten dafür frei geben, andere dafür Urlaub nehmen oder ihre Mittagspause verlängern. Also ist es eine Demo. So sollte man das auch nennen. Am Freitag wird nicht gegen die Einführung der 50-Stunden-Woche oder für die 30-Stunden-Woche gestreikt.

Genau besehen, ist nicht einmal klar, wer eigentlich der Adressat des Protests ist. Die Bundesregierung? Die Regierungen aller Länder?

Ist "die Politik" überhaupt der richtige Adressat?

Bleiben wir in Deutschland. Die 1,5-Grad-Forderung prallt, wenn sie an Angela Merkel und ihr Klimakabinett gespielt wird, sofort über Bande auf die Wirtschaft, die Landwirtschaft und weiter auf jeden Einzelnen von uns. Das weiß die Bundesregierung auch. Darum kommuniziert sie ebenso folgerichtig wie paradox. Sie wird nicht müde, die existenzielle Bedeutung des Klimaschutzes zu betonen – und tritt doch vor allem als Sachwalterin eines konsumistischen Lebensstils auf. Jetzt gibt es eben „Wohlstand und Wachstum für alle“ und dazu noch ein Klimagesetz. Ist doch super, oder?

Den meisten Demonstranten dürfte klar sein, dass sie Unrealistisches von einer politischen Elite fordern, der in der zunehmenden Marktförmigkeit der Gesellschaft nicht nur ihre Gestaltungsmacht, sondern selbst schon ihr Gestaltungsanspruch abhanden gekommen ist. Das eigentliche Problem – der verschwendungssüchtige Lebensstil der alten Industrienationen – wird dagegen kaum adressiert. Tatsächlich wird es sehr viel schwieriger sein, diesen Lebensstil kollektiv zu verändern als ein Klimaschutzgesetz und einen Preis für CO2 auf den Weg zu bringen.

1,5 Grad würden drastische Maßnahmen erfordern

Machen wir uns nichts vor: Wenn wir die 1,5 Grad halten wollten, wären notstandsartige Gesetze und drastische Verbote nötig, in Deutschland ebenso wie in den anderen wichtigsten Verursacherländern. Die unsäglichen Diskussionen über Tempo 100 auf Autobahnen oder Stickoxide in Innenstädten, auch über einen früheren oder späteren Kohleausstieg, würden in Anbetracht der erforderlichen Maßnahmen zu lächerlichen Randnotizen der Klima- und Umweltpolitik. Die Wirtschaft müsste in allen diesen Ländern nachhaltig schrumpfen. Wir würden wesentlich weniger konsumieren, wesentlich weniger herumfliegen und -fahren. Einen Konsens darüber gibt es allerdings nicht. Und genau das ist die Achillesferse der Bewegung.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Zuletzt: Das Argument der Generationengerechtigkeit macht Fridays for Future stark. Doch die Fixierung auf zwei oder 1,5 Grad Celsius maximale Erderwärmung kann, wie der Sozialpsychologe Harald Welzer im GEO.de-Interview erläutert, sogar schädlich sein. Weil sie lähmt.

Was wir stattdessen brauchen, ist eine Diskussion über die Gesellschaft, in der wir leben wollen. Eine Gesellschaft, die dem Einzelnen Freiheit und Mitbestimmung garantiert – aber insgesamt mit wesentlich weniger Ressourcen auskommt. Dafür brauchen wir Fantasie, Mut, Vorbilder – und natürlich auch Demos: Nicht gegen irgendetwas. Sondern für einen menschenfreundlicheren Verkehr, für bessere Lebensmittel, sauberere Energie, für mehr Solidarität und Miteinander, für zukunftstaugliche Formen des Zusammenlebens.

Vielleicht kann die Klimademo am 20. September eine solche Diskussion anstoßen. Damit wäre nicht wenig erreicht.