Artenkenner-Sterben Eltern, zeigt euren Kindern die Natur!

Naturschützer klagen: Immer weniger Menschen kennen sich mit Tier- und Pflanzenarten aus. Das ist eine Katastrophe für den Artenschutz. Aber es gibt eine einfache Gegenmaßnahme
Pflanzenarten bestimmen

Das Interesse für die Natur wecken meist die eigenen Eltern

Manchmal helfen im Natur- und Umweltschutz auch Missverständnisse. Über die Bienen, zum Beispiel. Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ wäre nicht annähernd so erfolgreich gewesen, hätten die Initiatoren statt der Rettung der Honigbiene eine Lanze für die Zahntrost-Sägehornbiene oder eine der anderen 550 deutschen Bienenarten gebrochen. Entgegen landläufiger Vorstellung sind nämlich nicht die Honigbienen (Apis mellifera) vom Aussterben bedroht. Sondern viele ihrer fast unbekannten Verwandten, die Wildbienen. Doch wer kennt die? Und wer würde für sie Naturschutzrecht umschreiben und die Landwirtschaft umkrempeln wollen?

Traurig, aber wahr: Um Mehrheiten gegen den Artenschwund auf dem Acker zu organisieren, brauchen Verbände und Initiativen charismatische, populäre Arten – auch wenn die gar nicht (oder nicht in erster Linie) betroffen sind.

Denn im selben Maß, wie unsere Landschaften durch Mais-Monokulturen und Gülle-Äcker veröden und verarmen, schwinden auch die Kenner der Arten; das Wissen über Spezies jenseits von (Honig-)Biene, Wespe und Tagpfauenauge erodiert. Und beschränkt sich dann meist auf die solche, die für uns direkt von Bedeutung sind – weil sie nerven, stechen oder Krankheiten übertragen können.

Ehrenamtliche Kenner als Frühwarnsystem

Das könnte sich noch als verhängnisvoll erweisen. Denn es war nicht das Bundesamt für Naturschutz oder eine universitäre Forschungsgruppe, die kürzlich die erschreckende Dimension des Insektensterbens in Deutschland aufdeckte. Sondern ehrenamtliche Kenner der Materie, auf gut neudeutsch Nerds: leidenschaftliche Spezialisten, die sich uneigennützig jenseits von Institutionen und Unternehmen mit ihrem Fachwissen einbringen.

Für die Artenvielfalt ist so ein Engagement überlebenswichtig. Denn man kann – einem Leitspruch der Umweltbewegung zufolge – nur schützen, was man auch kennt. Der US-Ökologe O.E. Wilson warnt angesichts des galoppierenden Wissensschwunds gar vor einem „schwarzen Loch der Unwissenheit“. Und das vergrößert sich stetig.

Sind Artenkenner eine aussterbende Spezies?

Eine Umfrage aus dem Jahr 2016 ergab, dass in den beiden vorangegangenen Dekaden die Zahl der Artenkenner um mehr als ein Fünftel schrumpfte. Viele von ihnen sind jenseits der 60, nur knapp acht Prozent von ihnen sind jünger als 30 Jahre. Die Population der Kenner gehört heute schon auf die Rote Liste. Und sie schrumpft absehbar weiter.

Die Gründe dafür: Immer mehr Kinder wachsen in sterilen Umgebungen auf, es fehlt an Kontakt mit der Natur. Lehrern fehlen grundlegende Kenntnisse. Und die Lehre an den Universitäten ist zunehmend wirtschaftlich ausgerichtet. Da spielen Gentechnik-Kompetenzen naturgemäß eine größere Rolle als Kenntnisse über das Vorkommen des Wachtelweizen-Scheckenfalters.

Ein Ergebnis der Umfrage allerdings lässt hoffen: Wer sich für Artenvielfalt interessiert, wer genau hinschaut – hat das meist von seinen Eltern. Egal, ob die auf Bläulinge oder Ameisen oder gar nicht spezialisiert waren, sondern ihre Kinder einfach nur mit ihrer Naturbegeisterung ansteckten.

Also, liebe Eltern: Geht mit euren Kindern raus in die Natur!

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