Verpackungsrecycling Frosch-Geschäftsführer Schneider: Recycling oft "Augenwischerei"

Für ihre Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit wurde die Marke Frosch mehrfach ausgezeichnet. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Reinhard Schneider, über Recycling, den Gelben Sack - und einen Prozess gegen den Konkurrenten Henkel
Frosch-Geschäftsführer Reinhard Schneider

Reinhard Schneider ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Werner & Mertz, zu der auch die Marke Frosch gehört

GEO.de: Die Deutschen sind Weltmeister im Mülltrennen, aber aus dem Gelben Sack oder der gelben Tonne wird nicht einmal die Hälfte genutzt, um neue Produkte daraus herzustellen. Woran liegt das?

Reinhard Schneider: Die Recyclingfirmen haben sich in der Vergangenheit nicht ausreichend darum bemüht, die neuen, zur Verfügung stehenden Technologien zu nutzen, die das tatsächliche Recycling oder sogar ein Upcycling der Materialien aus dem Gelben Sack ermöglichen. Das hat dazu geführt, dass das bisherige Recycling qualitativ nicht sehr hochwertig ist. Es geht meistens um ein Downcycling, also die Herstellung von weniger anspruchsvollen Produkten, zum Beispiel Blumenkästen, Sitzbänken oder Begrenzungspfosten. Das wiederum hat dazu geführt, dass der Wert des Wertstoff-Mülls aus dem Gelben Sack sehr niedrig ist. Er wurde zum billigsten Ersatzbrennstoff für die oft überdimensionierten kommunalen Müllheizkraftwerke.

Sie verwenden nach eigenen Angaben als erste Marke Plastik aus dem Gelben Sack für Ihre Verpackungen. Warum nur zu einem Fünftel?

Rezyklat aus dem Gelben Sack ist ungefähr 20 Prozent teurer als Plastik aus Rohöl. Die Maschinen wiederum, die wir für eine Aufbereitung des Materials bräuchten, sind teuer und rentieren sich erst ab einer gewissen Auslastung. Mindestens das Dreifache unserer Gesamtnachfrage wäre nötig, um eine voll integrierte Aufbereitungstechnologie auslasten zu können. Das heißt aber auch: Wir stehen an der Schwelle zu einem flächendeckenden Upcycling aus dem Gelben Sack – wenn andere Hersteller mitmachten. Aber die scheuen die Kosten.

Überwiegend bestehen Ihre durchsichtigen PET-Verpackungen aber immer noch aus geschredderten Einweg-Pfandflaschen ...

Beim PET haben wir zu 80 Prozent die Quelle der geschredderten Cola- und Mineralwasserflaschen. Also nicht nur Einweg- sondern auch Mehrwegflaschen, die nicht wiederbefüllt werden können. Denn auch Mehrweg-Flaschen werden ja irgendwann, nach etwa 20 Kreisläufen, unansehnlich und müssen ersetzt werden. Das Berliner Öko-Institut hat uns bestätigt, dass wir mit dem, was wir machen, nicht mehr Energie verbrauchen als Bottle-to-Bottle, also die Herstellung von neuen aus alten, geschredderten PET-Flaschen, oder als das Mehrwegsystem. Aber wir nutzen nun auch erstmals das bislang komplett verschmähte Material aus dem Gelben Sack.

Sie haben kürzlich gegen Ihren Konkurrenten Henkel geklagt. Warum?

Wir fanden, dass eine Recyclat-Auslobung eines Produkts von Henkel den Verbraucher in die Irre geführt hat. Diese Auffassung von Henkel haben wir in den Anfängen des "Forum Rezyklat" kennengelernt. Vor einem Jahr gab es die ersten Gespräche in diesem Forum, das die Drogeriekette dm gegründet hat. Ziel war es, das recyclingfähige Plastik, vor allem das mit einem Rezyklat-Anteil, am Regal kenntlich zu machen. Eigentlich eine tolle Sache. Bei der dann entscheidenden Frage, was wir unter "Rezyklat" verstehen, hat sich plötzlich eine starke Fraktion rund um Procter & Gamble und Henkel gebildet. Deren Haltung war: Lasst uns einfach die ISO-Norm nehmen.

Was war daran problematisch?

Nach der ISO-Norm gilt auch als Rezyklat, was bei der Herstellung von neuen Plastikflaschen abfällt. Aber so etwas wurde schon immer wiederverwendet. Das als Recycling zu bezeichnen, ist Augenwischerei. Das ist wie beim Plätzchenbacken: Wenn ich aus Teigresten einen neuen Fladen mache und Plätzchen aussteche, dann sind das ja noch keine Rezyklat-Plätzchen. Ich musste mir dann anhören, dem Verbraucher sei das egal. Mittlerweile teilt das Forum Rezyklat unsere Auffassung, dass ausschließlich Altplastik, das vom Endverbraucher entsorgt wurde, ausgelobt wird: das sogenannte Post Consumer Recyclate.

Um was genau ging es bei Ihrer Klage?

Henkel hatte ein sogenanntes WC-Körbchen aus Polypropylen auf den Markt gebracht, das laut Aufdruck aus 100 Prozent Rezyklat bestehen sollte. Wir haben selbst Verpackungen aus 100-prozentigem Polypropylen-Rezyklat im Umlauf und wussten: Verpackungen aus echtem Recycling-Material sehen anders aus. Henkel erklärte, es handele sich um Industrie-Rezyklat, also Produktionsreste aus anderen Industriezweigen, die Verwendung des Begriffs "Rezyklat" sei abgedeckt durch die ISO-Norm. Das fanden wir irreführend. Vor Gericht haben wir dann eine einstweilige Unterlassungserklärung erwirkt. Und Henkel hat gelobt, das Produkt so nicht wieder so zu bewerben. Das bezieht sich natürlich nur auf Deutschland. In allen anderen Ländern, in denen das Produkt vertrieben wird, machen die fröhlich so weiter.

Was bedeutet Ihnen dieser Sieg?

Wir haben jetzt zumindest eine gewisse Öffentlichkeit erreicht. Es hat ja einen Grund, warum viele Markenhersteller mit einem massiven Vertrauensverlust kämpfen. Studien der Gesellschaft für Konsumforschung belegen, dass es in der Branche seit Jahren eine Erosion des Vertrauens gibt – mit Ausnahme unserer eigenen Marke übrigens. Die meisten Hersteller verkörpern keine Haltung mehr, keine erkennbare, durchgängige Einstellung, gerade auch zum Thema der Umweltschonung. Aber im Zeitalter der Internetkommunikation war es noch nie so leicht, hinter die Fassaden der einzelnen Marken zu gucken, zumal für Influencer, Blogger oder NGOs.