Kolumne zu Ostern Warum ich keine Eier mehr esse

GEO.de-Redakteur Peter Carstens über ein Erlebnis, das seine Ernährungsgewohnheiten nachhaltig veränderte
Ei mit Gesicht

19 Milliarden Eier jährlich essen die Deutschen. Nur wenige von ihnen haben mal ein Huhn gesehen

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Die Deutschen verdrücken jedes Jahr 19 Milliarden Eier. Das Frühstücksei ist so etwas wie ein Stück deutsche Identität. Dass dafür jedes Jahr 45 Millionen männliche Küken geschreddert werden, ändert nichts daran. Auch Hühnerfleisch schmeckt uns unverändert gut: 700 Millionen Vögel sterben jedes Jahr am Fließband. Und auch wenn viele die Hühner- und Eierproduktion schrecklich finden: Es sind abstrakte Zahlen, man kann sich nicht so recht was darunter vorstellen. Ich fand es auch schrecklich. Aber es blieb eine Zahl.

Bis ich Karla kennenlernte.

"Weißt du eigentlich, dass wir ein Huhn haben?", begrüßte mich meine Mutter vor zwei Jahren an einem ungemütlichen Februar-Wochenende. Wusste ich nicht. Karla – so tauften wir sie – spazierte meist vormittags in die eine, nachmittags in die andere Richtung durch den Garten, in sicherer Entfernung vom Haus. Woher sie kam, wohin sie ging, wo sie schlief: Wir hatten keine Ahnung. Sie musste irgendwo ausgebüxt sein. Sie sah ein bisschen gerupft aus und flüchtete, sobald man die Terrassentür öffnete. Nachts hatten wir zehn Minusgrade. "Die weiß, warum sie abgehauen ist", sagte ich zu meiner Mutter.

Erste Hilfe mit Müsli

Ich streute Karla etwas von meinem Müsli auf eine geschützte Stelle in einem Beet. Das hatte sie sich wohl aus sicherer Entfernung angesehen. Denn am nächsten Tag war das Müsli weg. Wir besorgten richtiges Körnerfutter, und Karla gewöhnte sich an ihren Futterplatz. Sie flüchtete nicht gleich panisch, wenn irgendwo eine Tür aufging, sondern blieb stehen und guckte aufmerksam. Und gurrte. So etwas hatte ich noch nie gehört. Ein ganz zartes kehliges Geräusch, ich wusste erst gar nicht, woher es kam und was es war. Es war Karla. Sie guckte und gurrte.

Weil Karla jetzt nicht immer gleich weglief, konnte ich sie besser beobachten. Mir fiel mir auf, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte: Beim Heben legte sie die drei Zehen elegant zusammen, und erst kurz vor dem Aufsetzen spreizte sie sie wieder. Und das machte sie mit etwas, das aus der Nähe betrachtet an schuppige Dinosaurier-Pranken erinnerte.

Karla wurde zutraulicher; irgendwann hielt ich ihr Körner in der offenen Hand hin. Sie sah mich prüfend, misstrauisch an. Recht hast du, dachte ich. Und war gleichzeitig von ihren Augen fasziniert. Sie hatten die Farbe von Bernstein. Sie pickte ganz behutsam, abwechselnd die Körner und mein Gesicht fixierend. Und bei jedem Picken machte sie ein kleines Geräusch, das man wohl nur hört, wenn man ganz nah dran ist.

Inzwischen hatte ich Karla in einem Verschlag ein erhöhtes Nachtlager gebaut, mit einem Bock als Sitzstange. Das fand sie gut. Sie schlief jetzt in ihrem Verschlag, und zur Nacht legte ich ihr noch ein paar Körner hin.

Henne Karla

Karla, das Gartenhuhn, schlug sich im Winter einige Wochen allein durch

Karla muss weg

So konnte es aber nicht bleiben, denn Karla war allein. Das ist nicht gut für Hühner. Und selbst ein einzelnes Tier macht schon erstaunlich viel Mist in einem Ziergarten. Wir fanden eine Tierheilpraktikerin, Frauke, die auf dem Land aus Spaß ein paar Hühner hielt und Karla aufnehmen wollte. Ich wartete abends, bis sie sich zur Nacht auf ihre Sitzstange begeben hatte, bewaffnete mich mit Handschuhen und einem Karton, schlich mich an – und schlug zu. Karla hatte nur noch Zeit zum Gackern. Im Karton war sie sofort still.

Ich werde nie vergessen, wie sie eine halbe Stunde später in ihrem neuen Zuhause aus dem Karton kam: Sie stand erst ratlos im Stroh und sah uns an. Dann sah und hörte sie die drei Hühner und den Hahn, die schon auf ihren Stangen saßen und sich über den späten Besuch wunderten. Ging ganz ruhig auf sie zu. Setzte sich neben den Hahn. Bekam gleich mit dem Schnabel zu spüren, wo sie in der Rangordnung stand. Zog den Kopf ein, blieb sitzen. So ließen wir sie für die erste Nacht allein.

Später schickte mir Frauke Bilder: Karla mit schwarz-blau-grün glänzendem, puscheligem Gefieder, Karla beim Sandbaden mit ihrer neuen besten Freundin.

Ich weiß, dass es den Hühnern bei Frauke wie bei zahllosen anderen privaten Haltern besser geht als den Tieren in der Massenproduktion. Meistens.

Von den anderen Hühnern – Karla war wohl zu alt zum Eierlegen – hatte mir Frauke ein paar Eier mitgegeben. Ich habe sie gekocht, sie schmeckten super. Dennoch waren es die letzten, die ich gegessen habe.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen
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