Stickoxide und Feinstaub Ärzteverband wendet sich gegen die "Bagatellisierung von Luftschadstoffen"

100 Lungenärzte bezweifeln die Gefährlichkeit von Luftschadstoffen - und sorgen damit für neuen Zündstoff in der Debatte um Grenzwerte und Fahrverbote. Jetzt sieht sich der Bundesverband der Lungenärzte zu einer Klarstellung genötigt
Abgase in der Stadt

Abgase in der Stadt: Um Stickoxide und Feinstaub ist eine Debatte entbrannt

"107 Lungenärzte: Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub", titelte die Bild-Zeitung kürzlich. Der Anlass: Lungenärzte hatten einen Aufruf des ehemaligen Präsidenten des Verbands der Lungenärzte, Prof. Dr. Dieter Köhler, unterzeichnet. Köhler behauptet in seiner Erklärung, die Grenzwerte seien viel zu niedrig angesetzt – und die Fahrverbote in immer mehr deutschen Städten damit völlig unverhältnismäßig. "Forscher haben enorme Schwierigkeiten, überhaupt nachzuweisen, dass der sogenannte Feinstaub überhaupt toxisch, also gefährlich ist", sagte Köhler in der Talkrunde "Hart aber fair".

„Verengung der Debatte“

Jetzt sah sich der Bundesverband der rund 4000 deutschen Lungenärzte zu einer Pressemitteilung genötigt. Darin heißt es: "Die Verengung der Debatte auf Stickoxide und Dieselfahrzeige, die hilflosen administrativen Eingriffe und wissenschaftstheoretisch fokussierte Beiträge einzelner Ärzte haben zu einer Verunsicherung in der Bevölkerung und zur Relativierung der Luftschadstoffbelastung geführt." Dabei seien Stickoxide Marker für schlechte Luft – und Indikatoren für Belastungen der Atemluft durch motorisierten Individualverkehr.

"Eine Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftschadstoffen gefährdet die Bemühungen, Risiken und Gefahren von Luftverschmutzung zu minimieren", wird Dr. Frank Heimann, der Vorsitzende des Bundesverbandes, in der Pressemitteilung zitiert.

"Grenzwerte sind politische Kompromisse", heißt es darin weiter. "Sie sollen Risikogruppen, wie Kranke, Kinder und Schwangere schützen … und sollen gesundheitliche Gefahren auch bei lebenslanger Belastung vermeiden. Damit gehen Grenzwerte weit über die die banale Betrachtung von Dosis-Wirkungsbeziehung hinaus."

Belastung durch Feinstäube nicht vergleichbar mit Maserninfektion

Ein Punkt, den auch einer der führenden Experten, der Hochschulprofessor und an der Berliner Charité praktizierende Lungenarzt Prof. Dr. Christian Witt unterstreicht. Im Interview mit dem Journalisten Gabor Steingart sagte er, die Belastung durch Stickoxide oder Feinstäube sei nicht vergleichbar mit einer Maserninfektion, bei der es einen klar identifizierbaren Auslöser gebe. Luftschadstoffe seien dagegen zusätzliche Belastungen der Gesundheit, die erst später zur Entstehung von Krankheiten beitragen oder zu Krankheitsverschlechterungen führen können. Wer etwa Asthma habe, könne damit rechnen, dass sich das Asthma verstärkt. Dasselbe gelte für chronische Bronchitis oder Bluthochdruck. Luftschadstoffe wirken, so Witt, "wie ein Brandbschleuniger".

Ihren genauen Beitrag zu der Entstehung oder Verschlechterung einer Krankheit könne man nicht bis auf Nachkommastellen herausrechnen - aber über komplexe Modelle ungefähr abschätzen. "Klar ist, dass wir zu viel davon in der Luft haben", sagte der Lungenarzt.

Der Vorstoß der rund 100 Mediziner ist für Prof. Witt ein ungewöhnlicher Vorgang. "Wir haben eine konsistente, kohärente Daten- und Untersuchungslage. Was von der Gruppe angezweifelt wird, halte ich fachlich - und übrigens auch politisch - für unvertretbar." Aber die Zusammenhänge seien komplex. Die Forschung zu Gesundheitsbelastungen durch Luftschadstoffe und daraus abgeleiteten Grenzwerten sei "neue Medizin", so Witt. "Und die wird nicht von allen gleich und umfänglich verstanden."