Shopping-Diät "Konsum ist eine politische Handlung"

Die Wienerin Nunu Kaller verordnete sich ein Jahr ohne Kleiderkäufe. Und ist nun der Schrecken der bunten, schnell rotierenden Werbe- und Konsumwelt. Über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse während ihres Abstinenz-Jahres 2013 schrieb sie ein Buch: "Ich kauf nix!"

GEO.de: Was war das auslösende Moment für Ihren Entschluss, ein Jahr lang keine Klamotten zu kaufen?

Nunu Kaller: Mir fiel irgendwann auf, dass mein Kleidershoppen ein bisschen ausgeufert war. Zum Teil hatte ich mir Sachen nur gekauft, um mich abzulenken. Also musste ich etwas ändern. Der Schritt zur Abstinenz war eigentlich nur logisch, denn auf anderen Gebieten wollte ich schon immer durch meinen Konsum ein Zeichen setzen. Bei der Kleidung hatte ich einfach nicht nachgedacht. Jeder hat schon mal von den Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken, dem Pestizideinsatz auf Baumwollplantagen gehört. Aber wenn ich im Geschäft stand und überlegte, wie der Rock zu den Schuhen passte, waren diese kritischen Überlegungen weg.

Welche Herausforderung war die größte?

Vermutlich die Erkenntnis, wie naiv ich gewesen war.

Wie haben Ihre Familie und Freunde reagiert?

Durchweg positiv. Zwei, drei Leute haben gelacht und meinten, ich würde das nie schaffen. Einer davon schuldete mir am Ende des Jahres 50 Euro.

"Konsum ist eine politische Handlung"

Auch Selbermachen gehörte zu Nunu Kallers selbstverordneter Shopping-Diät

Ist das Shopping-Syndrom nicht ein typisches Frauenleiden? Oder anders gesagt: Ist Ihr Buch ein Frauen-Buch?

Beim Thema Kleidershopping sind definitiv mehr Frauen betroffen. Man muss sich nur mal die Discounter anschauen. 70 oder 80 Prozent der Ladenfläche nimmt die Frauenmode ein. Überhaupt werden Frauen von der Werbung viel stärker angesprochen. Andererseits hat fast jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, so eine Schwäche. Mein Bruder sammelt Platten. Der wurde blass bei der Vorstellung, sich ein Jahr lang keine neuen Platten kaufen zu können. Mein Freud war solidarisch und beschloss, ein Jahr lang auf Gummibärchen zu verzichten. Als das Jahr abgelaufen war, hat er sich aus dem Supermarkt kiloweise Gummibärchen geholt. So einen Rückfall hatte ich übrigens nicht.

Wie hat sich Ihr Kaufverhalten seit der Shopping-Diät verändert?

Ich bin zu einer weitaus kritischeren Konsumentin geworden als ich ohnehin schon war - nicht nur im Kleiderbereich. Ich versuche, insgesamt sehr viel weniger zu konsumieren. Man braucht weder die fünfte schwarze Hose noch das neueste Handy, wenn das alte noch funktioniert. Ich habe Möbel aus Second-Hand-Läden oder von Freunden. Konsum ist eine politische Handlung. Ich möchte mit meinem Geld sozial und umweltverträglich Produziertes unterstützen.

Glauben Sie an die Macht der Konsumenten?

Jeder hat bei seinen Kaufentscheidungen einen Handlungsspielraum. Und ich freue mich, dass immer mehr Menschen sich dieses Spielraums bewusst werden. Allerdings haben die Konsumenten nicht die ganze Macht, und sie sind auch nicht an allem Schuld. Auch Wirtschaft und Politik stehen in der Verantwortung.

Man hört gelegentlich, dass man den Menschen in den Textilfabriken von Bangladesch keinen Gefallen tut, wenn man die Kleidung, die sie zu Dumpinglöhnen herstellen, nicht mehr kauft. Also doch kaufen?

Das ist eine knifflige Frage. Mit dem Wissen, das ich heute habe, würde es mir schwerfallen, in einem H&M- oder Zara-Laden einzukaufen. Ich weiß aber auch, dass ganze Fabriken schließen müssten, wenn das alle so machten. Und einer alleinerziehenden Teilzeit-Supermarktverkäuferin mit zwei Kindern würde ich nie vorwerfen, dass sie bei Kik einkauft. Andererseits glaube ich, dass die Entscheidung für fair produzierte Kleidung langfristig doch etwas bewirken kann - weil die Industrie sich den Kundenwünschen anpassen muss. Noch einmal: Hier sind auch Wirtschaft und Politik gefordert. Und es ist sehr traurig, wie wenig sich da tut. Nach der Tragödie von Dhaka in Bangladesch, bei der 1129 Menschen starben, hat erst eine einzige der 29 Firmen, die hier nähen ließen, die zugesicherten Schadenersatzzahlungen geleistet.

Haben Sie einen Rat für Shopping-Abhängige?

Meine allererste Handlung im Abstinenz-Jahr war, dass ich meine Kleidung gezählt habe. Das Ergebnis hat mich so schockiert, dass ich mir der Wunsch nach noch mehr Kleidung nachhaltig vergangen ist. Man sollte sich also bewusst machen, wie viel man schon hat. Sich mit einem Einkauf zu belohnen, finde ich grundsätzlich in Ordnung. Aber man sollte sich genau überlegen, wofür. Und sich die Zeit nehmen, von der Belohnung zu träumen.

 

"Konsum ist eine politische Handlung"

Nunu Kaller

Ich kauf nix!

Kiepenheuer & Witsch, 2013

271 S., 8,99 Euro

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