Verpackungsmüll Immer mehr statt weniger Plastik - warum jetzt die Politik gefragt ist

Nie wurde mehr über Plastikmüll geredet. Gleichzeitig produzieren wir immer mehr davon. Jetzt muss die Einweg-Abgabe kommen, meint GEO.de-Redakteur Peter Carstens
Foto:  mauritius images / Masterfile RM / Daniel Barillot, Plastikmüll

Bei den Kunststoff-Getränkeverpackungen liegt der Mehrweg-Anteil laut Umweltbundesamt bei nur noch 13,6 Prozent. Tendenz: weiter abnehmend

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Tschüss, Plastik: Gefühlt sind wir kurz davor, Kunststoff endgültig aus unserem Alltag zu verbannen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Medium jubelt: Discounter XY schafft die Plastiktüte ab. Und die ganze Nation jubelt mit.

Bei näherem Hinsehen ist die Abschaffung dann aber doch erst ab 2020 geplant. Oder so. Und es betrifft eben doch nur ganz bestimmte Tüten. Bei noch näherem Hinsehen zeigt sich: Die Schritte, die wir in Richtung weniger Müll und mehr Ressourceneffizienz gehen – sind viel zu klein. Und sie kommen viel zu spät.

Kritische Presse hat "keine Auswirkungen am Markt"

Tatsächlich sind wir nicht einmal ansatzweise in der richtigen Richtung unterwegs. Das machten Anfang des Monats die neuen Branchentrends deutlich. Im Vergleich zum Vorjahr rechnet der Branchenverband der Kunststoffverpackungsindustrie – Achtung, kein Witz! – mit einem Umsatzplus von 5,1 Prozent. Die Verpackungsmenge könnte demnach um fast vier Prozent steigen. Besonders stark sind die Zuwächse bei PET-Flaschen (4,4 Prozent) - und bei Tragetaschen und -beuteln (6,6 Prozent).

Der Kommentar der beigefügten Pressemitteilung klang fast wie Hohn: "Negative Berichterstattungen und Diskussionen in den Medien zeigen derzeit keine Auswirkungen am Markt." Deutschland, eine Nation von Plastikmüll-Vermeidern? Anspruch und Wirklichkeit passen nicht zusammen.

Peter Carstens

In seiner Kolumne "Alles im grünen Bereich" schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Unverpackt-Läden gut zu finden, reicht nicht

Auch wenn es an sich nicht verwerflich ist: Es reicht nicht, Plastikverzichts-Absichtserklärungen von Handelsketten auf Facebook zu teilen. Oder Unverpackt-Läden gut zu finden. Oder Erfahrungsberichte von Plastik-Totalverweigerern zu liken. Denn unter dem Strich zählt, was billig ist. Und billig ist Einwegplastik. Da helfen gut gemeinte Aufklärungskampagnen ebenso wenig wie freiwillige Verzichtserklärungen des Handels. Geplante EU-Verbote deuten zwar in die richtige Richtung. Mehr aber auch nicht.

Fakt ist: Der Mehrweganteil bei den Getränkeverpackungen sinkt seit Jahren. Und marktbeherrschende Discounterketten wie Lidl oder Aldi haben sich komplett aus dem Handel mit Mehrwegflaschen verabschiedet und verschleudern zu Ramschpreisen Kunststoffmüll – während gleichzeitig Dokumentationen über die Plastik-Vermüllung der Äcker und der Meere die Fernsehprogramme überschwemmen.

Jetzt muss die Einwegplastik-Abgabe kommen!

Was wir brauchen, ist kein Pfandsystem-Dschungel. Sondern ein Warenangebot, das dem Käufer wirklich nachhaltiges Konsumieren einfach macht. Mehrweg schont nicht nur Ressourcen, sondern spart auch Klimagasemissionen. Im Umkehrschluss heißt das: Einweg muss teurer werden. Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe fordern schon seit Jahren eine gesetzliche Abgabe von 20 Cent auf Einweg-Plastikflaschen: ein Betrag, der gezielt in den Ausbau von Mehrweg-Systemen investiert werden sollte.

Der Ball liegt jetzt im Feld der Politik. Und wir nehmen noch mal einen tiefen Zug aus der Mehrwegflasche.

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