Streit um Tagebau Hambach ist eine historische Chance

Vielen wird erst jetzt bewusst, was für ein Desaster für Mensch und Natur der Braunkohletagebau ist. Diese Erkenntnis birgt eine einzigartige Chance. Ein Kommentar von GEO.de-Redakteur Peter Carstens
Tagebau Hambach

Gigantisch: Am Hambacher Tagebau dringen Schaufelradbagger auf einer Fläche von 85 Quadratkilometern hunderte Meter tief in die Erde vor, um Braunkohle zu fördern. Die eingesetzten Maschinen sind über 200 Meter lang und fast 100 Meter hoch

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Vor etwa zehn Jahren nahm mich mein Schwager auf eine Radtour mit, durch die Landschaft, die auch als Rheinisches Braunkohlerevier bekannt ist. Wir stoppten vor dem Tagebau Inden. Oder genauer: am Aussichtspunkt. Das ist eine Art Logenplatz für Schaulustige, wie es sie auch an Flughäfen gibt. Weggeschürfte Landschaft, so weit das Auge reichte. Ich erinnere mich, dass ich bei dem Anblick nichts empfand, was der Dimension des Lochs auch nur annähernd entsprochen hätte. Es war eher so etwas wie: "Wow, das ist riesig!" Wahrscheinlich hätte auch der viel größere, nur wenige Kilometer östlich gelegene Tagebau Hambach keine andere Reaktion ausgelöst.

100.000 Menschen mussten Haus und Hof verlassen

Dabei waren hier ganze Dörfer abgebaggert worden und werden es noch. Insgesamt 100.000 Menschen in der Lausitz, im Mitteldeutschen und im Rheinischen Kohlerevier haben ihre Heimat verloren. Im Tagebau Inden verschwanden zehn Ortschaften von der Erdoberfläche. Der Tagebau Hambach schluckte vier, zwei weitere werden - mit dem Hambacher Forst - auf ihre Tilgung vorbereitet. Die Schaufelradbagger knabbern Hektar um Hektar Wälder, Wiesen, Ackerboden, um die klimaschädlichste aller Energieerzeugungsformen voranzutreiben. All das war auch vor zehn Jahren kein Geheimnis. Darüber nachgedacht habe ich nicht.

Andere schon. Vor sechs Jahren begann die Besetzung des Hambacher Forsts. Damals war es leicht, die paar Dutzend Waldmenschen für Baum-Umarmer zu halten, die für ihr weltschmerzhaftes Aufbegehren ein hinreichend aussichtsloses Sujet gefunden hatten. Entsprechend wurden sie auch in den Medien gern klischeehaft als rastalockige, weltfremde Kommunarden inszeniert. Während ein beschlipster Konzernchef sich telegen als Hüter von realitätshaltigem Pragmatismus und Versorgungssicherheit inszeniert - und mit väterlicher Strenge darüber aufklärt, den Hambacher Forst retten zu können, sei eine "Illusion".

Heute frage ich mich - und viele der Menschen, die immer zahlreicher zum Hambacher Forst strömen - tun es auch: Wer träumt hier eigentlich? Und wie riskant ist das?

Was früher viele guthießen, erkennen wir heute als desaströs

Peter Carstens

In seiner Kolumne "Alles im grünen Bereich" schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Denn unsere Bewertungsmaßstäbe haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verschoben. Das alte Koordinatensystem dessen, was angemessen und zumutbar ist, existiert nicht mehr. Das Gesetz vom Primat der billigen Stromerzeugung um jeden Preis ist obsolet. Die (späte) Erkenntnis, wie riskant Atomenergie wirklich ist und der beschlossene Ausstieg haben gezeigt: Es geht auch anders. Und die Rate, mit der die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt, macht deutlich: Es muss anders gehen.

Der Braunkohletagebau gehörte jahrzehntelang zur Region, war besonders für die, die hier Arbeit fanden, identitätsstiftend. Heute zeigt er sich immer mehr Menschen - als eine gigantische, geplante, demokratisch legitimierte Umweltkatastrophe.

Eine historische Chance für RWE

RWE erhält in diesen Tagen eine in seiner Firmengeschichte einzigartige Chance. Der Kohlekonzern könnte den Forst stehen lassen, echten Willen zur Veränderung demonstrieren, sich Sympathien zurückerobern. In den Wald könnte, wenn die Hundertschaften der Polizei mit ihren Räumpanzern, Generatoren und Flutlichtscheinwerfern abgezogen sind, wieder die Bechsteinfledermaus einziehen. Er könnte zu einer Erinnerungsstätte für den Widerstand einiger Mutiger gegen die Riesenbagger werden. Spätere Generationen würden mit ihren Kindern und Enkeln Radtouren hierher machen, ihnen die Reste der verbliebenen Baumhäuser zeigen, die bis auf die Knochen abgenagte Landschaft dahinter und einen verloren herumstehenden Museumsbagger. "Krass", würden die staunen. "Und das ist noch gar nicht so lange her."

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