Kolumne "Alles im grünen Bereich" Was an den Wespen diesen Sommer wirklich nervt

Chillen oder fuchteln? Der richtige Umgang mit Wespen spaltet das Land und die Kaffeetafeln. GEO.de-Redakteur und Wespenversteher Peter Carstens versucht, die Wespenhasser zu verstehen
Peter Carstens

In seiner Kolumne "Alles im grünen Bereich" schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Deutschland ist mal wieder gespalten. Der Graben geht diesmal nicht durch die Mitte der Gesellschaft - sondern verläuft quer durch unsere Frühstücks- und Kaffeetafeln. Und trennt Wespenhasser und Wespenversteher.

Immer diese hektisch pendelnden Anflugmanöver, Schwimmversuche im Saftglas und ... ganz toll: jetzt sind es schon vier. Man kann gar nicht mehr raus, giften die Wespenhasser.

Wespenversteher dagegen sind genervt von Artgenossen, die unkontrolliert herumfuchteln, immer kurz davor, Gläser vom Tisch zu fegen oder, wenn sie aus Versehen doch mal treffen, ihrem Sitznachbarn eine traumatisierte Wespe ins Gesicht zu ballern. Menschen, die so lange wiederholen, die Wespen seien dieses Jahr aber auch besonders viele und so was von aggressiv - bis sie es selber glauben.

Wer wedelt, ist attraktiver

Der Wespenversteher ist dabei eindeutig im Vorteil. Denn mit Wespen ist das wie mit Hunden: Sie kommen immer zu dem, der sie blöd findet. Was natürlich nur eine gefühlte Wahrheit ist. Denn ich bin sicher, dass weder Wespen noch Hunde irgendeine Veranlassung haben, sich ausgerechnet Menschen zu nähern, die Angst vor ihnen haben oder genervt sind. Im Gegenteil: Angstschweiß soll Wespen sogar vertreiben. Die Hautflügler, soviel scheint klar, suchen einfach nur was zu essen. Oder wollen mal schauen, was da so herrlich duftet. Kann man ihnen das übelnehmen? Machen wir doch auch. Nur dass uns dabei nicht ständig jemand wegwedelt.

Regeln für den besonnenen Umgang mit andersdenkenden Hautflüglern sind schon rauf- und runter dekliniert: ruhig bewegen, Getränke abdecken, vor allem auf den Bissen achten, den wir gerade in den Mund schieben. Aber das Beste ist, meiner Meinung nach: sich nicht aufregen. Sondern sich freuen, dass es noch Insekten gibt in Deutschland.

Insekten? Stören!

Offenbar kennen wir ja nichts Tolleres, als (unbedingt!) draußen, aber bitte unbehelligt von der Natur, ein Stück Torte in den Mund zu schieben und mit einem Schluck ökofairen Kaffee herunterzuspülen. Dabei darf die Sonne scheinen; schön wäre auch ein kühlendes Lüftchen, das über den robotergemähten Rasen streicht. (Aber nicht zu doll, damit die Servietten nicht vom Tisch fliegen.) Aber Tiere, die ungebeten an den gedeckten Tisch kommen? Die sich für genau dieses Stück Torte interessieren, das wir uns gerade in den Mund schieben wollen? Und dann auch noch kiebig werden, wenn wir sie in die Schranken weisen, am Ende sogar stechen? Bei aller Liebe zur ungebändigten Natur: Das geht zu weit.

Die Aufregung ist verständlich. Leben wir doch schon lange in einem Land, aus dem wir die störende Natur ausgesperrt haben. Wir haben sie begradigt, gebändigt, eingedeicht, gepflügt, gemäht, gespritzt, und den Rest mitsamt irgendwelcher Krabbler in kleine Naturrefugien eingepfercht. Während es andernorts auf dem Globus noch wirklich gefährliche Tiere gibt - Bären, Schlangen, Nilpferde, Malariamücken -, ist das bedrohlichste Tier im Hochsicherheitstrakt Deutschland: die Zecke.

Nicht die Wespen sind das Problem. Die gab es schon, als unsere Ururahnen noch mausähnlich durch den Dschungel hüpften. Es gibt sie heute noch. Und sie haben es in all diesen Jahren geschafft, unseren Planeten nicht zu verwüsten. Das soll ihnen erst mal einer nachmachen. Die Wespe ist nicht nur die ältere, sondern auch die nachhaltigere Erfolgsstory der Evolution. Und sie wird uns überleben.

Das nervt.

Peter Carstens
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